TZwischen Glück und Horror: Sechs Wochen auf dem Kutter im Stader Hafen
Ari Cho am Fenster des Kunstkudders. Foto: Richter
Ari Cho hat das Kunstkudder-Stipendium gewonnen: Als Artist in Residence darf sie zwei Monate auf dem Boot im alten Stader Hafen leben und arbeiten. Inspiration findet sie reichlich.
Stade. Eine Sache wird Ari Cho aus Stade nach Hamburg mitnehmen, wenn ihr Aufenthalt auf dem Kunstkudder endet: eine Pflanze auf der Fensterbank, die nur aus zwei Stielen und zwei Blättern besteht. „Ich habe sie auf dem Inselmarkt gekauft. Sie leistet mir Gesellschaft“, erklärt die Künstlerin. So wie die Schnecke, die gerade am Rand des Plastikblumentopfs unterwegs ist. Cho hat sie auf dem Steg, der zum Kunstkudder führt, aufgelesen.
Diese Alocasia Zebrina hat Ari Cho auf dem Inselmarkt gekauft. Foto: Richter
Ob sie sich auf dem Kunstkudder einsam fühlt? „Ja. Und ich genieße das“, sagt die 34-Jährige, die Anfang September eingezogen ist. Aus persönlichen Gründen habe sie nämlich gerade zu diesem Zeitpunkt dringend einen Ort gebraucht, wo sie zu sich selbst kommen und nur auf ihre eigene Stimme hören konnte.
Alleine auf der alten Alsterschute
Die alte Alterschute von 1904, die zum Wohnschiff umgebaut wurde, gefiel ihr. Innen ist sie hell gestrichen, hat eine breite Schlafkoje, ein Bad, eine Kochgelegenheit, einen Tisch, Stühle und einen Ohrensessel, in den Ari Cho sich zum Lesen kuschelt. „Als ich ankam und das erste Mal von innen abschloss, habe ich mich wirklich gut gefühlt“, berichtet sie. Das sollte sich eines Nachts aber ändern.
T Er bewohnt die Schute im Stader Hansehafen
Ari Cho wollte ein Logbuch mit ihren täglichen Beobachtungen und mit Gedanken zu Themen führen, die sie künstlerisch beschäftigen und an denen sie in Stade weiterarbeitet. Stade will sie nicht als pittoreskes altes Städtchen verstehen, sondern als Ort, an dem vergangene Mobilität und heutige Ruhe koexistieren: die geschäftige Zeit des früheren Hansehafens neben dem Kunstkudder, der nirgendwo mehr hinfährt, im stillen Fleth.
Erstmals ist eine Frau Artist in Residence
So schrieb sie es in ihrer Bewerbung. Die Jury wählte Ari Cho unter 80 Bewerbern um das zweimonatige Aufenthalts- und Arbeitsstipendium aus, das die Hansestadt Stade mit den Museen Stade aufgelegt hat. Es ist mit 3000 Euro dotiert und wird von der Wohnstätte gesponsert. Mit Ari Cho ist zum dritten Mal ein Artist in Residence auf dem Kunstkudder zu Gast - und erstmals eine Frau.
Cho macht Video- und Soundinstallationen, aber auch Texte. Sie ist in Südkorea geboren und aufgewachsen und studierte dort, in den USA und in Deutschland. Heute arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in Hamburg.
Sie folgt den Migrationswegen von Pflanzen, Objekten und Menschen und beobachtet, wie Erfahrungen von Bewegung und Verdrängung sich in natürliche und städtische Landschaften einschreiben - zurzeit auf dem Kunstkudder.
Knarrende Planken und Stader Stimmen
„Hier zu wohnen, verändert meinen Blick auf Stade völlig“, sagt Ari Cho. Sie erlebe das Steigen und Fallen der Tide, die sanften Bewegungen des Bootes. Sie höre sein ständiges Knarren. Sonntags komme Gesang dazu, der sich mit den Stimmen der Touristen vermische. „Ich fange an, die Nachbarn kennenzulernen und bin hier auch schon zu einer Yogastunde gegangen.“Die Künstlerin schätzt die Spuren der Geschichte, die alltäglicher Teil der Stadtlandschaft sind: „Ich glaube, diese Stadt ist schon immer in verschiedene Schichten der Bewegung eingebunden gewesen.“ Als sie Museumsdirektor Sebastian Möllers fragte, wie das Boot in den Hafen kam und sie hörte, es sei gekrant worden, weil der alte Hafen keinen Zugang mehr habe, war sie entzückt.
„Ich mag es, dass die letzte Reise dieses Boots durch die Luft führte.“ Das Logbuch einer Reise zu führen, bei der sie den Ort, an dem sie ist, nicht verlässt, schien ihr reizvoll. Ihre beschaulichen Beobachtungen haben aber eine neue Richtung genommen, als sie eines Nachts im erleuchteten Hausboot auf der gepolsterten Bank lag. Plötzlich bemerkte sie, dass eine Gruppe junger Männer am Wasser Ost am Ufer stand und sie beobachtete.
Das Nebelhorn eines Geisterschiffs
„Vorher war ich hier total ungezwungen“, sagt Ari Cho. Danach bemerkte sie, dass die Bambus-Rollos an den Fenstern von außen durchsichtig sind. Später hörte sie ein Schiffshorn tuten - extrem laut und sehr nah. „Ich dachte, dass es sehr, sehr groß sein muss und näher kommt.“ Ihre Vorstellungskraft begann zu galoppieren, und sie ließ das zu.
T Er bewohnt die Schute im Stader Hansehafen
Ihr Logbuch, das sie 1004 Tage nach dem Einfliegen des Hausboots begann und das deshalb „Entry 1004“ heißt, bewege sich seitdem in eine neue Richtung, sagt Ari Cho: „In Richtung Horror.“ Ihr vielsagendes Lächeln zeigt, dass sie das keineswegs als Nachteil sieht.
Und als sie hört, dass der Kunstkudder als Hausboot vermietet wird, wenn nicht gerade ein Artist in Residence dort wohnt, meistens für ein bis zwei Nächte am Stück, sagt sie: „Oh nein! Für die volle Erfahrung braucht man doch mindestens einen Monat.“
Einen Einblick in ihre Erfahrung wird Ari Cho in Stade geben, wenn das Kunstkudder-Logbuch fertig, gedruckt und gebunden ist - der Termin wird zeitnah angekündigt. Bis Ende Oktober ist sie noch an Bord. Danach geht es wieder zurück nach Hamburg, wo sie für Anfang kommenden Jahres eine Ausstellung im Kunsthaus vorbereitet.

Ari Cho an Bord, im Fleth vor dem Schwedenspeicher. Foto: Richter
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