TVolle Aula in Steinkirchen: Hasnain Kazim fordert mehr Mut zur Kritik
Hasnain Kazim liest aus seinem neuen Buch „Der Islam und ich“ in Steinkirchen. Foto: Vasel
Hasnain Kazim ist alarmiert. Wenn die Gesellschaft nicht aufpasse, könnte die Meinungsfreiheit unter die Räder kommen. Wer Islam-Kritik verbiete, stärke AfD und Pegida.
Steinkirchen. Diese Lesung lag ihm am Herzen. Kurz vorher hatten seine alten Kollegen vom Spiegel angefragt, ob ihr langjähriger Südasienkorrespondent die Friedensverhandlungen zwischen dem Iran und den USA in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad begleiten wolle. Doch der heute in Wien lebende und in Hollern-Twielenfleth aufgewachsene Hasnain Kazim hatte einen festen Termin im Kalender: Steinkirchen.
Seit 2022 stellt Hasnain Kazim seine neuen Bücher im Alten Land vor. Mit „Mein Kalifatskochbuch“ ging es am Bassenflether Strand los. Die Aula der Oberschule Steinkirchen war am Mittwochabend bis auf den letzten Platz besetzt. 200 Gäste drängten sich vor der Bühne. Diesmal stand keine heitere Satire auf dem Programm, sondern nachdenkliche Kost.
Volles Haus bei der Lesung in der Oberschule in Steinkirchen. Foto: Vasel
Sein neues, bei Penguin publiziertes, 123 Seiten starkes Buch „Der Islam und ich“ ist mehr als eine persönliche Positionsbestimmung. Es ist ein Appell. Nicht nur für Meinungsfreiheit, sondern auch für Toleranz, Gleichberechtigung und Demokratie. Er sagt: Die Dinge, die am Islam oder an seiner weltlichen Interpretation unter anderem durch die Mullahs im Iran und die Taliban in Afghanistan, aber auch durch muslimische Elternhäuser in Deutschland kritikwürdig seien, „müssen kritisiert werden dürfen“. Dass Frauen als Lehrerin nicht akzeptiert würden, Mädchen nicht am Sport- oder am Schwimmunterricht teilnehmen dürften, sei inakzeptabel.
Kazim sorgt sich um Islamismus unter jungen Muslimen
Dass fast jeder zweite junge Muslim laut der vom Bundeskriminalamt geförderten Motra-Studie in Deutschland dem Islamismus zuneigt, stimme ihn nachdenklich. Es könne nicht sein, dass Juden oder Homosexuelle sich nicht mehr öffentlich trauten, Kippa zu tragen beziehungsweise ihre Zuneigung zu zeigen. Missstände nicht mehr anzusprechen, wäre ein großer Fehler. Das stärke menschenverachtende Parteien wie die AfD.
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Er kritisierte, dass immer mehr Menschen sich nicht mehr trauten, Kritik zu üben - aus der Angst heraus, „als Rechtsextremisten“ abgestempelt zu werden. Nach dem Erscheinen des Buches hätten ihm viele vorgeworfen, islamfeindlich, islamophob oder gar ein antimuslimischer Rassist zu sein. Linke, die ihn bei „Post von Karlheinz“ als Nazigegner noch gefeiert hätten, kritisierten ihn jetzt. Er sei kein Islam-Feind. Ihm gehe es um den Schutz der liberalen Demokratie vor Feinden einer offenen Gesellschaft.
Kunst- und Meinungsfreiheit dürften nicht aufgegeben werden. Diese Werte seien im Westen über Jahrhunderte erkämpft worden. Dass in den Niederlanden bei einer Neuübersetzung der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri, ein Meisterwerk der italienischen Literatur von 1306/1321, in vorauseilendem Gehorsam zensiert worden ist, sei ein Skandal.
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Die Passage, in der Dante Alighieri den Propheten Mohammed als Höllenbewohner beschrieb, sei von dem Verlag gestrichen worden, um keine religiösen Gefühle zu verletzen. „Soweit ich weiß, hat sich in den letzten 700 Jahren noch nie irgendein Mensch darüber beschwert. Auch kein Muslim“, so Kazim.
Er persönlich halte Koranverbrennungen und von Charlie Hebdo im Jahr 2015 veröffentlichte Mohammed-Karikaturen für geschmacklos. Es könne nicht sein, dass gewalttätige Fanatiker unsere Gesellschaft bedrohen. Dass die Ermordung des durch die Koranverbrennungen bekannt gewordenen Islamkritikers Momik in Schweden im Januar 2025 schnell aus dem Fokus verschwand, sei empörend. Bücher(-verbrennungen) und Karikaturen seien keine Berechtigung für Mord oder Terror.

Hasnain Kazim signiert sein neues Buch in Steinkirchen. Foto: Vasel
„Satire müsse als scharfe Form der Kritik an der Politik, der Religion und der Gesellschaft, an Macht und Missständen erhalten bleiben“, unterstrich Hasnain Kazim und ergänzte, dass er persönlich viele Witze über Religion einfach nur geschmacklos finde, „aber machen darf man sie“.
ChatGPT als Religionspolizei: Keine Witze über Mohammed
Dass allerdings der dem US-amerikanischen Unternehmen OpenAI gehörende KI-basierte Chatbot ChatGPT keine Witze über Mohammed macht, stimme ihn nachdenklich. Wer diese Frage stelle, bekomme als Antwort: ChatGPT mache keine Witze über Allah oder Mohammed, „um den Respekt gegenüber den Gläubigen zu wahren“. Dass der Chatbot bei Jesus anders verfahre, liege laut der KI-Antwort daran, dass dieser in der westlichen Popkultur oftmals humorvoll dargestellt werde. Historisch gesehen, gebe es in der westlichen Welt eine größere Tradition von Humor und Satire. Es könne nicht sein, dass beim Islam andere Maßstäbe gelten als bei anderen Religionen.
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Der Spross einer schiitisch-muslimischen, aus Indien/Pakistan stammenden Familie ist christlich aufgewachsen. In Hollern-Twielenfleth spielte er mit „Leidenschaft“ den Dunklen der Heiligen Drei Könige beim Krippenspiel. Verwandte warfen seiner Familie den Abfall vom Glauben vor. Dass sein Vorname Hasnain den heute Konfessionslosen bei seinen Recherchen das Leben hätte kosten können, wurde ihm in seiner Zeit in Pakistan (2009-2013) immer wieder deutlich. Einmal flog er nach Gilgit im Karakorum-Gebirge. Sein Glück: Denn Taliban zogen zeitgleich 25 Menschen aus dem Überlandbus und erschossen sie wegen der Vornamen, die auf Angehörigkeit zum schiitischen Islam hindeuteten. Eines dürfe deshalb nicht vergessen werden: Die meisten Opfer islamischer Radikaler und Extremisten seien Muslime.

Das Cover seines neuen Buchs. Foto: Vasel
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