T„Eine Katastrophe“: Tintenklecks-Hort schließt im Sommer 2027
Ein Blick auf den zukünftigen Schulhof mit Fußballfeld. Foto: MOSAIK architekt:innen/chora bla
Das Jorker Modell aus Grundschule und Hort sollte mit der Ganztagsschule fortgeführt werden. Doch Kultusministerin Julia Willie Hamburg will den Geldhahn nicht aufdrehen. Das hat Folgen.
Jork. „Es ist eine Katastrophe“, sagt die Leiterin und Gründerin des Tintenklecks-Horts am Westerminnerweg in Jork, Andrea Sundermann. Der Tintenklecks-Hort in Jork wird, ähnlich wie der DRK-Hort an der Este, zum 31. Juli 2027 schließen. Dabei lobten die Bildungsforscher bundesweit das Konzept des Jorker Modells - unter anderem das Leibniz-Institut für Bildungsforschung sowie die Robert Bosch Stiftung und die Montag-Stiftung.
Die Altländer setzen auf eine enge Verzahnung von Bildung und Betreuung in der Grundschule und im Hort, das Personal arbeitet übergreifend.
„Wir sind keine Betreuungsanstalt, wir stehen für Bildungsbegleitung“, wird Sundermann nicht müde zu betonen. Erzieher und Sozialpädagogen förderten „jedes Kind individuell“, so die Gymnasiallehrerin, Schulpsychologin und Lerntherapeutin. Trägerverein und Fachkräfte stehen für hohe Ansprüche. Das gelte sowohl für das pädagogische Konzept als auch für das Mittagessen.
Im Herbst 2025 noch „integraler Bestandteil des Ganztagskonzepts“
Zu Beginn hatte die Elterninitiative vor 22 Jahren noch mit kräftigem Gegenwind aus Politik und Verwaltung zu kämpfen, es gab Streit um Geld und Räume. Der Tintenklecks hatte sich eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die Fahne geschrieben. Der Hort mit seinen 140 Kindern in Jork sei integraler Bestandteil des Ganztagskonzepts, hieß es noch im Herbst 2025 bei den Haushaltsberatungen.

Die Tintenklecks-Leiterin Andrea Sundermann steht vor dem Hort in der Grundschule in Jork, beim Jubiläum war sie noch hoffnungsvoll. Foto: Vasel
Gemeinsam mit der Gemeinde Jork sollte diese Erfolgsgeschichte auch im Zuge der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler ab 2026/2027 fortgeschrieben werden - als Jorker Modell. Es habe noch die Hoffnung gegeben, dass das Personal in dem neuen System weiterarbeiten könne. Doch diese Hoffnung habe sich Stück für Stück zerschlagen, klagt Sundermann.
Mit der Einweihung des Neubaus der knapp 30 Millionen Euro teuren Grundschule in Jork werde der Hort im Sommer 2027 seine Arbeit einstellen. Sie sei froh, dass Kollegen den Betrieb bis zum Ende sichern wollen.
„Die Ganztagsschule wird unserem Fachpersonal keine attraktiven Festanstellungen bieten, von denen man leben kann“, sagt Sundermann. Die Kollegen würden nicht in die Schulen wechseln. Offenbar habe das Land Niedersachsen lediglich den Anspruch, die Kinder nach dem Unterricht irgendwie unterzubringen. Dabei habe der Ganztag eigentlich allen Kindern „die Chancengleichheit bei der Bildung sichern“ sollen.
Förderung durch das Land fällt zu gering aus
Die Entscheidung der Kommune könne sie nachvollziehen, so Sundermann. Die Gemeinde Jork könne sich einen Hort finanziell nicht mehr leisten.
Bürgermeister Matthias Riel und Verwaltungsvize Arne Krüger bedauern das Aus. Doch das Land lasse - wie bereits beim Bau - die Kommune im Stich. Die Gemeinde Jork wird, ähnlich wie bereits bei der Kita, zubuttern müssen.
Bei der Kita liegt das Minus bereits bei rund 5,5 Millionen Euro, bei einem Haushaltsvolumen von 29,4 Millionen Euro. Niedersachsen hatte im August 2018 den Kita-Besuch für Kinder ab drei Jahren beitragsfrei gestellt - ohne das Geschenk zu 100 Prozent selbst zu bezahlen.
Die Gemeinde Jork muss im kommenden Jahr Kredite in Höhe von fast 22,9 Millionen Euro aufnehmen, um die Rechnungen der Bauunternehmen bezahlen zu können. Die Zinszahlungen steigen: von 450.000 Euro (2024) auf 1,6 Millionen Euro (2027) im Jahr. Um das zu wuppen, mussten die Steuern erhöht werden. Das Land beteiligt sich nur mit einer halben Million Euro am Schulbau.
Kommune kann Mehrbelastung nicht tragen
Den Altländern steht das Wasser bis zum Hals. Die von Ministerin Julia Willie Hamburg zugesagten Mittel - im Amtsdeutsch „kapitalisierte Lehrerstunden“ - reichten nicht aus, um den Ganztag zu finanzieren und die Horte eins zu eins zu übernehmen. „Unsere Mittel sind begrenzt“, sagt Krüger mit Blick auf hohe Ausgaben für Schule, Sport, Straßenunterhaltung und Feuerschutz.
Die Kommune könne sich ein Angebot auf dem Niveau der Horte, obwohl „pädagogisch ohne jede Frage mehr als sinnvoll“, nicht mehr leisten. Den Schulen blieben gute Kooperationspartner wie die Sportvereine. Wo die pädagogischen Mitarbeiter für den Ganztag herkommen, sei noch offen.
Gemeinde müsste 32 zusätzliche Kräfte einstellen
Um das Angebot zu sichern, hätte die Gemeinde Jork zusätzlich um die 32 Erzieherinnen und sozialpädagogische Assistentinnen für bis zu 530 Kinder einstellen müssen. Derzeit sind es in Jork und Estebrügge/Königreich knapp 200 Kinder. Mit etwas mehr als 100 Euro pro Kind und Schuljahr sei aus Hannover zu rechnen.
Zur Einordnung: Heute liegen die Personalkosten der beiden Horte bei 1,7 Millionen Euro, das von der Gemeinde Jork getragene Defizit bei 600.000 Euro - trotz der Beitragserhöhung. Krüger rechnet fest damit, dass die Schule nach Ende der Sommerferien 2027 pünktlich startet - mit Ganztagsbetreuung.

Dicht: Im Sommer 2027 soll der Verein Tintenklecks in Jork aufgelöst werden. Foto: Vasel
Unter anderem bei der Ferienbetreuung gibt es noch offene Fragen, die Tintenklecks-Unterstützer wollen nach der Auflösung vielleicht einen neuen Verein gründen.
Andrea Sundermann sieht die niedersächsische Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) in der Pflicht, das Land müsse mehr Geld für den Ganztag geben - insbesondere für Fachpersonal.
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