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100. Geburtstag

TSchwere Brände und Sturmfluten: Feuerwehr Borstel geht auf Zeitreise

Eine Abordnung der Borsteler Feuerwehr ist im Jahr 1929 mit dem Horch auf dem Weg zu einem Feuerwehrfest in Hollern-Twielenfleth.

Eine Abordnung der Borsteler Feuerwehr ist im Jahr 1929 mit dem Horch auf dem Weg zu einem Feuerwehrfest in Hollern-Twielenfleth. Foto: Feuerwehr Borstel

Vor 100 Jahren haben engagierte Altländer die Ortsfeuerwehr Borstel gegründet. Das wird groß gefeiert - mit einem Tag der offenen Tür und einer Chronik.

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Von Björn Vasel
Mittwoch, 10.06.2026, 05:35 Uhr

Borstel. Die Altländer haben sich zu ihrem Jubiläum eine 227 Seiten starke Chronik geschenkt. Dr. Dirk Köpcke vom Förderverein hat unzählige historische Dokumente zusammengetragen - für eine Zeitreise durch die Geschichte der Feuerwehr.

Halten die druckfrische Chronik in Händen: Ortsbrandmeister Jochen Minners (rechts) und sein Stellvertreter Marco Martens nehmen Dr. Dirk Köpcke in ihre Mitte.

Halten die druckfrische Chronik in Händen: Ortsbrandmeister Jochen Minners (rechts) und sein Stellvertreter Marco Martens nehmen Dr. Dirk Köpcke in ihre Mitte. Foto: Vasel

Rückblick: Am 6. Februar 1926 war der Saal von Pickenpack zum Brechen voll. 53 Bürger aus der Gemeinde Borstel versammelten sich „im Lokale des Gastwirts Johann Pickenpack“, um eine Ortsfeuerwehr zu gründen. Sie waren einem Aufruf in der Altländer Zeitung gefolgt. 51 von ihnen unterschrieben schließlich das Gründungsprotokoll. Der Bürgermeister („Gemeindevorsteher“) Walter Wilkens und der Feuerwehrhauptmann Jacob zum Felde als erster Ortsbrandmeister waren die treibenden Kräfte.

Blick auf den Horch und die Motorspritze, im Hintergrund ist eine Altländer Obstplantage zu sehen.

Blick auf den Horch und die Motorspritze, im Hintergrund ist eine Altländer Obstplantage zu sehen. Foto: Feuerwehr Borstel

Die kleine Gemeinde Borstel stand hinter ihnen. Die Gründung der freiwilligen Feuerwehr sei, so heißt es im Protokoll der Versammlung, „zweckmäßig und notwendig“. Bereits am 12. Januar war sich der Gemeindeausschuss einig, dass der von Pferden gezogene Löschzug nicht mehr zeitgemäß sei. Stattdessen beschlossen die Borsteler Politiker „zur Hebung des Feuerlöschwesens und eines guten örtlichen Feuerschutzes“ die Anschaffung „einer Motorspritze“ und „eines Automobilmannschaftswagens“ der Marke Horch.

Gemeinde Borstel unterstützt die Gründung

Bei einer Sitzung am 2. Februar beschloss die Gemeinde, dass „Spritzenhaus, Feuerspritzen und Mannschaftswagen sowie sämtliche Geräte Eigentum der Gemeinde bleiben, alle Teile aber der freiwilligen Feuerwehr zu treuen Händen überlassen werden“.

Die Gemeindemitglieder wählten den Landwirt Jacob zum Felde zum Ortsbrandmeister, Stellvertreter wurde Schmiedemeister Heinrich Bergner. Weil sich die Gemeinde Borstel über 15 Kilometer erstreckt, „bilden sich Löschgruppen in Lühe, Borstel und Hinterbrack, um überall schnell vor Ort zu sein“, so Dirk Köpcke.

Abordnung der Borsteler Feuerwehr 1933 auf dem Feuerwehrtag auf Norderney (hintere Reihe v. l.: Heinrich Bergner, Heinrich Stechmann, Jakob zum Felde, Jakob Ritscher, Jakob Eckhoff; mittlere Reihe v. l.: Richard Wahlen, Bernhard Schuback, Richard Minners, Jonny Moje; vordere Reihe v. l. Richard Wehrt, August Augustin).

Abordnung der Borsteler Feuerwehr 1933 auf dem Feuerwehrtag auf Norderney (hintere Reihe v. l.: Heinrich Bergner, Heinrich Stechmann, Jakob zum Felde, Jakob Ritscher, Jakob Eckhoff; mittlere Reihe v. l.: Richard Wahlen, Bernhard Schuback, Richard Minners, Jonny Moje; vordere Reihe v. l. Richard Wehrt, August Augustin). Foto: Feuerwehr Borstel

Die Gründung sei überfällig gewesen. 1903 hatte es einen ersten Anlauf gegeben. „Die vielen Reetdächer machten das Dorf extrem anfällig für Feuer“, sagt Köpcke. Beim Großbrand vom 7. Februar 1846 waren acht Häuser in der Bürgerei in Flammen aufgegangen, 1915 gab es einen weiteren an der Kleinen Seite.

Richtige Brandschutzversicherungen gab es über Jahrhunderte nicht. In Borstel existierte seit 1745 nur eine Brandgilde. Die Beitragszahlungen der Mitglieder deckten allerdings in der Regel nicht den Schaden ab. Wer sich weigerte, im Schadensfall zu zahlen, wurde ausgeschlossen.

In den Akten heißt es, dass unsolidarische Gemeindemitglieder fortan „für einen Tierann (Tyrann) und nichtswürdigen Menschen von uns geachtet werden“ sollten. Im 19. Jahrhundert setze sich das Brandkassen-Prinzip durch.

Kirchspiel kauft 1826 erste Spritze

Bei der Brandbekämpfung standen die Altländer häufig auf verlorenem Posten. Feuerordnungen regelten seit dem 17. Jahrhundert, dass Feuerleiter, Feuerhaken und Ledereimer in den Häusern vorhanden sein mussten. In der Kofferkammer bewahrten sie das Wertvollste auf, um die Truhen im Notfall schnell aus dem Haus schaffen zu können. Die Brandbekämpfung wurde erst mit den Spritzen effektiv. 1826 kaufte das Kirchspiel Borstel für 350 Taler eine von Pferden gezogene Feuerspritze.

Das Gräfengericht regelte am 21. September 1826 den Einsatz von Spritzenleuten mit einem „Reglement“. Die erste Spritze lieferte bei Feuer rund 330 Liter Wasser pro Minute. Zum Vergleich: Die Pumpe des heutigen, im Jahr 2019 in Dienst gestellten Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeugs fördert bis zu 3000 Liter Wasser in der Minute.

Obwohl die Preußische Polizeiverordnung die Gründung einer freiwilligen Feuerwehr vorsah, dauerte es 20 Jahre. Die große Ausdehnung der Gemeinde, von der Lühe-Mündung bis nach Cranz, führte zu der Verzögerung. Erst mit der Motorisierung konnte die Feuerwehr 1926 aus der Taufe gehoben werden.

Feuerwehrbälle dienen der Finanzierung der Wehr

Bereits 1927 feierten die Altländer ihren ersten „Stifterball“, die Geburtsstunde des Borsteler Feuerwehrballs, der in den Anfängen der Finanzierung der Wehr diente. Lediglich im Zweiten Weltkrieg und in der Corona-Pandemie fiel dieser aus; 1928 fand der Ball zum ersten Mal im Fährhaus Kirschenland statt.

Weil sich zu jener Zeit die Unfälle mit Motorfahrzeugen häuften, wurde ein Sanitätsdienst eingerichtet.

Ortsfeuerwehr übersteht Kriege und Katastrophen

Im Dritten Reich wurde die Feuerwehr gleichgeschaltet und 1939 in die Hilfspolizei eingegliedert. Die roten Fahrzeuge wurden dunkelgrün umlackiert. Im Zweiten Weltkrieg kam es 1943 und 1944 - unter anderem während der „Operation Gomorrha“, mit verheerenden Bombenangriffen der Alliierten auf Hamburg, zu Großbränden in Borstel und Hinterbrack.

Ab dem Februar 1943 wurden die Altländer auch in Hamburg eingesetzt - mitten im Feuersturm. Zu Hause sicherten 14 Aktive und 31 notdienstverpflichtete Zivilisten, unter ihnen viele Frauen, den Brandschutz. 1944 gab es nur noch neun Feuerwehrmänner in der Borsteler Wehr.

Festumzug zum 25-jährigen Jubiläum der Borsteler Wehr.

Festumzug zum 25-jährigen Jubiläum der Borsteler Wehr. Foto: Feuerwehr Borstel

Sechs Feuerwehrleute starben im Krieg. Nach dem Krieg zählte die Ortsfeuerwehr Borstel wieder 67 Mitglieder. Ab 1949 wurden die Feuerwehren zu Einrichtungen der Kommunen. 1948 wurde der alte Horch kurz vor der Währungsreform durch ein gebrauchtes Löschfahrzeug (LF15) aus der Celler Feuerwehr ersetzt.

Übung in den 1950er Jahren.

Übung in den 1950er Jahren. Foto: Feuerwehr Borstel

1951 wurde das Jubiläum groß gefeiert - mit Festumzug und Wettkämpfen am Hafen in Wisch. Es war die Geburtsstunde des plattdeutschen Wettkampfrufs „Bossel boben“.

Feuerwehrwettkampf zum 25-jährigen Jubiläum der Borsteler Wehr am damaligen Wischer Hafen beim Fährhaus Kirschenland.

Feuerwehrwettkampf zum 25-jährigen Jubiläum der Borsteler Wehr am damaligen Wischer Hafen beim Fährhaus Kirschenland. Foto: Feuerwehr Borstel

Doch die Ausstattung ließ zu wünschen übrig. In Hinterbrack und Wisch fehlten Gerätehäuser. Deshalb gab es 1956 einen Deal zwischen Feuerwehr und Borstel. Die Ortsfeuerwehr Borstel bekam 1961 ein modernes, gebrauchtes Tanklöschfahrzeug (LF16) - liebevoll „Nasse Drossel“ getauft. Im Gegenzug wurden die Löschgruppen Hinterbrack, Borstel, Wisch und Lühe aufgelöst und die Anzahl der Aktiven von 80 auf 36 reduziert, „um die Schlagkraft zu erhöhen und Kosten zu sparen“.

Ein Foto zeigt einen Durchbruch in der Gemeinde Borstel bei der Sturmflut 1962.

Ein Foto zeigt einen Durchbruch in der Gemeinde Borstel bei der Sturmflut 1962. Foto: Feuerwehr Borstel

Bei der Sturmflut vom 17. Februar 1962 brach der Deich an mehreren Stellen. Feuerwehrleute warnten die Bevölkerung, so dass in Borstel nur eine Person dieser Katastrophe zum Opfer fiel.

Gemeinschaft - auch bei einem Hausabriss bei Pickenpack in Höhen 2 nach der Flut im Juni 1962.

Gemeinschaft - auch bei einem Hausabriss bei Pickenpack in Höhen 2 nach der Flut im Juni 1962. Foto: Feuerwehr Borstel

100 Jahre Ortsfeuerwehr Borstel: Jubiläumsfeier im Jahr 1976 vor dem Kirschenland, der alte Deich und der Hafen wichen nach der Sturmflut 1962.

100 Jahre Ortsfeuerwehr Borstel: Jubiläumsfeier im Jahr 1976 vor dem Kirschenland, der alte Deich und der Hafen wichen nach der Sturmflut 1962. Foto: Feuerwehr Borstel

Die Feuerwehr ging mit der Zeit. 1987 wurde die gemeinsame Jugendfeuerwehr Jork, Borstel und Ladekop ins Leben gerufen. Zu den ersten Mitgliedern aus Borstel zählte Jochen Minners, heute fast 25 Jahre Ortsbrandmeister.

Großfeuer und Unfälle fordern die Feuerwehr

Die Kreisstraße 39 entwickelte sich zum Unfallschwerpunkt.

100 Jahre Ortsfeuerwehr Borstel: Unfall auf der K39 im Jahr 1990.

100 Jahre Ortsfeuerwehr Borstel: Unfall auf der K39 im Jahr 1990. Foto: Feuerwehr Borstel

„Zu den schwersten Bränden dieser Epoche zählte das Großfeuer bei Matthies im Mai 1995, das ortsbildprägende Reetdachhaus brannte ab“, erinnert sich Köpcke. Wasserrettung wurde zu einer weiteren Aufgabe, 2007 wurde das erste Mehrzweckboot in Dienst gestellt.

1995 brennt der Obsthof Matthies in Borstel ab.

1995 brennt der Obsthof Matthies in Borstel ab. Foto: Feuerwehr Borstel

Bereits 1992 monierte die Feuerwehr-Unfallkasse den Zustand des alten Gerätehauses am Elbdeich, 2009/2010 wurde für 480.000 Euro ein neues gebaut.

Blick auf das alte Gerätehaus im Jahr 2010.

Blick auf das alte Gerätehaus im Jahr 2010. Foto: Feuerwehr Borstel

Wie in den 1920er Jahren, wollte die Wehr auch bei medizinischen Notfällen helfen. 2016 wurde deshalb eine eigene AED-Gruppe gegründet. Heute zählt die Ortsfeuerwehr rund 75 Mitglieder - unter ihnen 56 Aktive, darunter 4 Frauen. „Mut, Entschlossenheit, Teamgeist und Kameradschaft, das ist das Fundament dieses Ehrenamts“, lobte Bürgermeister Matthias Riel die Feuerwehrleute bei der Festveranstaltung.

Tag der offenen Tür am Sonntag

Die Ortsfeuerwehr Borstel feiert das Jubiläum am Sonntag, 14. Juni, 10 bis 17 Uhr, im und vor dem Gerätehaus in Neuenschleuse. Die Besucher erwartet eine Schau mit Einsatzfahrzeugen und eine historische Ausstellung mit Exponaten aus 100 Jahren Feuerwehrgeschichte.

Hinzu kommt eine Blaulicht- und eine Gastromeile. Besucher können unter anderem einen Hilfseinsatz nach einem Pkw-Unfall verfolgen. DLRG, DRK, Jugendfeuerwehr sowie Altländer Yachtclub sind vertreten. Geplant ist ein Familientag mit Hüpfburg und Spielen - vom Kirschkernweitspucken bis zur Feuerwehr-Schnitzeljagd.

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100 Jahre Ortsfeuerwehr Borstel: Alle Mitglieder versammeln sich vor dem Gerätehaus in an der Yachthafenstraße in Neuenschleuse.

100 Jahre Ortsfeuerwehr Borstel: Alle Mitglieder versammeln sich vor dem Gerätehaus in an der Yachthafenstraße in Neuenschleuse. Foto: Feuerwehr Borstel

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