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Kulturerbe

TTrotz Denkmalschutz: Warum dieses Altländer Bauernhaus abgerissen wird

Denkmalschutz ohne Schutzfunktion: Das im 17. Jahrhundert erbaute Altländer Hallenhaus im Ort 16 in Mittelnkirchen wird abgerissen (Ansicht von Südwesten).

Denkmalschutz ohne Schutzfunktion: Das im 17. Jahrhundert erbaute Altländer Hallenhaus im Ort 16 in Mittelnkirchen wird abgerissen (Ansicht von Südwesten). Foto: Vasel

Wieder wird ein Altländer Bauernhaus abgerissen - mit dem Segen des Landkreises Stade. Die Untere Denkmalschutzbehörde spielt den Ball weiter nach Hannover.

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Von Björn Vasel
Dienstag, 24.03.2026, 20:26 Uhr

Mittelnkirchen. Langsam frisst sich der Abrissbagger am Montagmorgen durch das Altländer Fachhallenhaus in der Straße Ort 16 in Mittelnkirchen. Dabei steht es eigentlich unter Denkmalschutz. Sogar die Polizei wurde gerufen.

Es ist nicht irgendein Haus. „Das stattliche reetgedeckte Wohn- und Wirtschaftsgebäude am Lühe-Deich ist mit einer Gebäudelänge von 40 Metern eines der größten Hallenhäuser im Alten Land“, so das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege. Aus geschichtlichen und städtebaulichen Gründen bestehe am Erhalt „wegen des ortsgeschichtlichen, gebäudetypischen, straßen- und ortsbildprägenden Zeugniswerts ein öffentliches Interesse“, heißt es im Denkmalatlas des Landes.

Das giebelständige Hallenhaus in Fachwerk mit Backsteinausfachung ist im Kern um das Jahr 1700 errichtet worden. Der Heimatforscher Claus Röper (1920 - 2000) datierte das barocke Einzeldenkmal auf das Jahr 1660.

Historische Aufnahme aus den 1980er Jahren: Blick auf den Wirtschaftsteil des Bauernhauses mit der Grotdör des niederdeutschen Hallenhauses Ort 16 in Mittelnkirchen.

Historische Aufnahme aus den 1980er Jahren: Blick auf den Wirtschaftsteil des Bauernhauses mit der Grotdör des niederdeutschen Hallenhauses Ort 16 in Mittelnkirchen. Foto: Zupp/Kulturverein Jork

Der Wohngiebel zur Straßen- und Deichseite ist laut Denkmalatlas Niedersachsen im Jahr 1956 „in Backstein mit Zierfachwerk im Giebeldreieck“ erneuert worden.

Kreissprecher Daniel Beneke bestätigt, dass die Untere Denkmalschutzbehörde beim Landkreis Stade den Abriss trotz alledem genehmigt habe. Der Eigentümer sei seit mehreren Jahren im Gespräch mit dem Denkmalschutz gewesen. Gutachterlich sei schließlich „nach umfangreicher Prüfung“ festgestellt worden, dass Umnutzung und Erhalt wirtschaftlich „nicht zumutbar“ seien. Mit der Feststellung der „Unwirtschaftlichkeit“ habe die Abrisserlaubnis erteilt werden können.

Der Wohngiebel vorne rechts wurde 1956 in Backstein mit Zierfachwerk im Giebeldreieck erneuert, hinten links ist der Wirtschaftsteil zu sehen.

Der Wohngiebel vorne rechts wurde 1956 in Backstein mit Zierfachwerk im Giebeldreieck erneuert, hinten links ist der Wirtschaftsteil zu sehen. Foto: Vasel

Allerdings habe die Behörde die Genehmigung unter Auflagen erteilt. Der Eigentümer müsse den Baukörper vor und während der Abrissarbeiten dokumentieren, um Informationen zu Altländer Baukultur und Hausgeschichte für die Nachwelt zu erhalten, so Beneke. Im März 2025 sei die Abrisserlaubnis erteilt worden.

Altländer fordern höhere Förderung

Der Eigentümer wollte sich dazu nicht gegenüber dem TAGEBLATT äußern. Claus Ropers vom Verein zur Förderung und Erhaltung Altländer Kultur bedauert den Abriss. Der Unterhalt dieser Baudenkmäler sei allerdings für viele der Eigentümer angesichts hoher Kosten „kaum zumutbar“.

Auch der Bürgermeister der Gemeinde Mittelnkirchen, Joachim Streckwaldt (CDU), spricht von einem „Verlust“ für das Alte Land. „Ich habe allerdings durchaus Verständnis für die Entscheidung des Eigentümers“, erklärt Streckwaldt. Erhalt, Sanierung und Umbau würden Unsummen verschlingen. Das wäre wirtschaftlich schwerlich darstellbar.

Die Obstbauern könnten diese Fachhallenhäuser heute nicht mehr wirtschaftlich nutzen. Sie seien in einer Zeit errichtet worden, als Getreidebau und Viehhaltung das Alte Land prägten und mehrere Generationen mit Gesinde unter einem Dach wohnten. Auch bauphysikalisch sei die Nutzung als Wohnhaus eine finanzielle Herausforderung, so Streckwaldt, der selbst in einem Fachwerkhaus lebt.

Streckwaldt und Ropers fordern, dass das Land Niedersachsen die Förderung für Baudenkmäler deutlich erhöht. „Wer Gebäude unter Denkmalschutz stellt, muss die Eigentümer auch in die Lage versetzen, diese zu erhalten“, so Ropers. Aber im Jahr 2023 hat das Land die europäische Fördersäule für Kulturelles Erbe gestrichen.

Landrat fürchtet weitere Verluste im Alten Land

Bereits im vergangenen Jahr und im Januar haben Landrat Kai Seefried (CDU), der Kreisverband des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes und der Landschaftsverband an den zuständigen Minister für Wissenschaft und Kultur, Falko Mohrs (SPD), appelliert, die Mittel zu erhöhen, um die Altländer Baukultur zu sichern. Dabei hat Seefried auch den Tourismus im Hinterkopf, denn Fachwerk und Obstanbau prägten die Marsch. Doch mehr Geld gab es vom Land bislang nicht.

Im Kreishaus werde der Verlust weiterer ortsbildprägender Denkmäler befürchtet. Seefried: „Es geht um regionale Identität und um einen wichtigen Bestandteil der Kulturlandschaft sowie um ein Stück niedersächsisches Erbe.“ Lapidar habe ihnen Mohrs geschrieben: „Sowohl für das norddeutsche Kulturerbe als auch für Landesidentität und kulturtouristischen Wert der gesamten Küstenregion wären großflächige Verluste von Reetdächern auf Baudenkmalen ein großer Schaden.“

Seefried und der Geschäftsführer des Landschaftsverbandes Stade, Hans-Eckhard Dannenberg, mahnen, dass die Zeit der Sonntagsreden ein Ende haben müsse. Vom Kulturfördergesetz, vor mehr als drei Jahren unter der SPD/CDU-Koalition im Landtag beschlossen, hätten sie sich „mehr versprochen“. Landesweit stünden nur 1,1 Millionen Euro für Denkmalförderung zur Verfügung, wobei Reetdächer einen Schwerpunkt bei der Mittelvergabe bilden sollen.

Das sei ein Tropfen auf den heißen Stein. Landkreisweit gebe es, außerhalb von Stade und Buxtehude, 1300 Baudenkmäler. 75.000 Euro verteile der Kreis pro Jahr selbst insgesamt als Förderung an Eigentümer, um die Sanierung von Reetdächern denkmalgeschützter Gebäude zu unterstützen. Aber: 180.000 Euro für ein neues Dach seien heute keine Seltenheit. Ihr Appell: „Das Land muss seiner Verantwortung im Denkmalschutz und beim Erhalt der Baukultur endlich gerecht werden.“

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