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Seltenheit

TDarum sorgte diese Foto-Schar für Aufsehen am Bassenflether Strand

Ornithologen mit Kamera und Teleobjektiv auf der Jagd nach einer US-Ringschnabelmöwe am Bassenflether Strand.

Ornithologen mit Kamera und Teleobjektiv auf der Jagd nach einer US-Ringschnabelmöwe am Bassenflether Strand. Foto: Samtgemeinde Lühe/Gerke

Spaziergänger machten sich Sorgen, der Bürgermeister suchte nach einer Erklärung. Die liegt in einer seltenen Atlantiküberquerung bis hin zur Elbe ins Alte Land.

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Von Björn Vasel
Freitag, 20.03.2026, 12:15 Uhr

Hollern-Twielenfleth. Der Bassenflether Strand in der Gemeinde Hollern-Twielenfleth ist seit Jahrzehnten ein beliebtes Ausflugsziel. In den vergangenen Tagen haben Vogelkundler den Sandstrand an der Elbe für sich entdeckt. Der Grund: Hobby-Ornithologen haben ein Exemplar der Ringschnabelmöwe („Larus delawarensis“) entdeckt. Diese Vogelart ist eigentlich in Nordamerika heimisch.

Flug über die Elbe: Der Vogelkundler Sören Rust fotografierte die nordamerikanische Ringschnabelmöwe am Bassenflether Strand.

Flug über die Elbe: Der Vogelkundler Sören Rust fotografierte die nordamerikanische Ringschnabelmöwe am Bassenflether Strand. Foto: Sören Rust

Spaziergänger hatten sich gewundert, warum Fotografen an der Spundwand ihre Teleobjektive in die Richtung des 2003 stillgelegten Atomkraftwerks Stade (AKW) richteten. Die Abbrucharbeiten im Bereich des Reaktorgebäudes des im Jahr 1972 errichteten AKW waren es nicht. Ihr Interesse galt allein der Möwe. „Eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit bestand nicht, es waren auch keine Spione unterwegs“, sagte Samtgemeindebürgermeister Timo Gerke nach einem Kontrollgang.

Seltene Möwe am Strand gesichtet

Zu den Hobby-Ornithologen, die es an den Bassenflether Strand zog, gehörte am Dienstag und am Mittwoch auch Guido Seemann. „Der Anblick ist sehr selten“, so der Naturschützer aus der Stadt Buxtehude. Vögel aus fernen Ländern würden im Norden insbesondere auf Helgoland gesichtet, „ein echter Hotspot“. In Fachkreisen verbreiteten sich Sichtungen schnell, selbst aus der Schweiz seien laut Seemann in der Vergangenheit interessierte Ornithologen angereist. Er verweist auf die Zwergscharbe aus der Familie der Kormorane, die im Jahr 2022 an der Elbe gesichtet wurde. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt in Rumänien und Aserbaidschan.

Stader entdeckt den Atlantiküberquerer

Der Stader Hobby-Ornithologe Sören Rust hatte die Möwe bereits am 3. März entdeckt. Doch das war dem Chemiker an dem Tag noch nicht klar. Sein Fokus lag auf der Schwarzkopfmöwe, die auf dem AKW-Gelände brütet. Gemeinsam mit Seemann dokumentiert der Stader, aktiv im NABU und im Arbeitskreis Vogelschutzwarte, den Bestand.

Beim Sichten der Fotos fiel ihm die Ringschnabelmöwe plötzlich ins Auge. „Diese hatte ich bereits bei einem Aufenthalt in Kalifornien beobachten können“, sagt Rust und betont: „Das ist schon eine sehr außergewöhnliche, beeindruckende Sichtung.“ Am Montag habe er die Möwe wiederentdeckt.

Er habe das schöne Hobby vor 15 Jahren für sich entdeckt - gemeinsam mit der Fotografie.

Die Vogelwelt sei an der Niederelbe sehr beeindruckend und vielfältig. Er hofft, insbesondere mit seinen Fotos mehr Menschen für die Ornithologie und damit auch für den Schutz der Natur zu gewinnen.

Ringschnabelmöwen müssen nicht als blinde Passagiere auf Container- oder Kreuzfahrtschiffen den Atlantik überqueren. Sie fliegen selbstständig über den großen Teich. „Für die Möwen ist das relativ einfach, sie können überall wassern“, erklärt Guido Seemann. Die Sichtung an der Elbe sei für die Ornithologe-Welt „schon was Besonderes, gerade bei so amerikanischen Arten“. Unter ihnen gebe es einige, die seltene Arten fotografierten und dokumentierten.

Möwe bevorzugt im Winter eigentlich die Karibik

Dass sich die Ringschnabelmöwe mit heimischen Exemplaren paart, davon geht Seemann nicht aus: „Das würde ich eher ausschließen.“ Vermutlich werde sie im Sommer nicht mehr im Alten Land sein. Exemplare der amerikanischen Ringschnabelmöwe sind auch schon einmal am Rhein gesichtet worden, seit 1982 gab es 13 Sichtungen in Deutschland. Sören Rust entdeckte das 14. Exemplar in Bassenfleth.

Erstmals ist diese Art im Jahr 1952 in Westeuropa nachgewiesen worden, 1982 gelang auf der Insel Sylt der erste Nachweis in Deutschland. Die Deutsche Avifaunistische Kommission hat eine Dokumentationsstelle für seltene Vogelarten eingerichtet.

Die Ringschnabelmöwe schwimmt in der Elbe.

Die Ringschnabelmöwe schwimmt in der Elbe. Foto: Sören Rust

Ringschnabelmöwen werden bis zu 54 Zentimeter groß und bis zu 770 Gramm schwer. Die Spannweite: 112 bis 124 Zentimeter. Ihr Brutgebiet (Brutzeit: April bis Juni) erstreckt sich vom südlichen Kanada bis in die mittleren USA. Es sind Bodenbrüter. Es handelt sich um Kurzstreckenzieher und Standvögel, überwintert wird vorwiegend an den Küsten der südlichen USA und Mittelamerikas, aber auch in der Karibik.

Die Population wird auf rund 1,2 Milliarden Exemplare geschätzt. Damit handelt es sich um die dritthäufigste Vogelart. In den USA kommt es - aufgrund der nahen Verwandtschaft - gelegentlich zu Mischbruten mit Sturmmöwe, Präriemöwe oder Aztekenmöwe. Auf den Teller kommen Fische, Insekten und Regenwürmer.

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