T100 Tage Jonas Schlender: Ein Handball-Nerd auf der BSV-Bank
Jonas Schlender mit seiner Mannschaft nach dem Sieg gegen Neckarsulm: „Ich war erstmal glücklich, aber man überlegt, was man besser machen kann.“ Foto: Jan Iso Jürgens
Er hinterfragt sich nach Siegen, drängt nicht ins Rampenlicht und will seriös arbeiten. Wie kommt Jonas Schlender nach 100 Tagen BSV an? Und was hat er über sich gelernt?
Buxtehude. Am Samstagabend bebt die Halle Nord. Der BSV erreicht das Viertelfinale im DHB-Pokal. Wenig später sitzt Jonas Schlender im Auto und rauscht anderthalb Stunden in seine Heimatstadt Oldenburg, um den Geburtstag eines Freundes zu feiern.
Auf dem Weg dorthin kreisen seine Gedanken um das Spiel. „Ich war erstmal glücklich, aber man überlegt, was man besser machen kann.“ War es richtig, dass einige Spielerinnen nur auf der Bank saßen? Wie erklärt man ihnen das? Wie hätte er in bestimmten Situationen anders reagieren können? Typische Trainer-Gedanken. „Das kann man nicht einfach ablegen“, sagt Schlender. Selbst nach einem Sieg nicht.
„Es ist ein Privileg, hier sein zu dürfen“
Zwei Tage später ist der 31-Jährige zurück in Buxtehude, sitzt in einer schwarzen BSV-Jacke im Foyer der Halle Nord. Hier arbeitet er häufig am Laptop, analysiert Spiele oder führt Gespräche. Hinter der Glasscheibe liegt im Dunkeln das Spielfeld, auf dem seine Mannschaft Neckarsulm aus dem Pokal warf.
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Seit dieser Saison ist Schlender Cheftrainer des BSV - seit genau 100 Tagen. „Es ist ein Privileg, hier sein zu dürfen“, sagt er. Gleichzeitig ist es eine Herausforderung.

Buxtehuder Jubel: Jonas Schlender und Lin Lück. Foto: Jan Iso Jürgens
Nach Jahren im Mittelmaß will der BSV wieder an erfolgreichere Zeiten anknüpfen. Schlender steht hinter dieser Vision, spürt aber auch den Druck. „Man hat den Druck, jede Trainingseinheit effektiv zu nutzen, niemanden auf der Strecke zu lassen. Man muss sich über jeden Ablauf Gedanken machen“, sagt er. Der Druck treibt ihn auch an.
Lieber spricht er über Handball als über sich selbst
Was ihm dabei hilft, sind Strukturen. Der Montag zum Beispiel steht bei Schlender im Zeichen der Spieltagsanalyse - mit Video, Notizen und Konzepten. Hinzu kommt der Austausch mit Trainerkollegen aus Buxtehude, seinem Ex-Club Oldenburg oder dem Männerhandball. Außerdem versucht er, feste Grundstrukturen für die Spielweise zu schaffen: Gewisse Abläufe sollen sich ähneln, damit die Spielerinnen auch in schwierigen Situationen wissen, was zu tun ist. Eigentlich dauere das lange, sagt Schlender. „Aber dass wir schon so weit sind, hätte ich nicht gedacht.“
Es wird schnell klar: Schlender hat einen Job, der ihn nach eigener Aussage „24/7“ beschäftigt. Manchmal beantworte er selbst um 22.30 Uhr noch WhatsApp-Nachrichten seiner Spielerinnen.

Austausch am Spielfeldrand: Trainer Schlender stimmt sich mit Spielmacherin Anika Hampel ab. Foto: Jan Iso Jürgens
Privat sucht Schlender dagegen Abstand. Sein Freundeskreis habe mit Handball „glücklicherweise“ wenig zu tun, sagt er. Beim Geburtstag am Samstag sei Handball nur kurz Thema gewesen. Und seine Partnerin hilft ihm, die Dinge einzuordnen. Wenn der Druck zu groß werde, erinnere sie ihn daran, dass es nur eins von mehreren Saisonspielen sei, erzählt er. Schlender schätzt das. Sein Privatleben hält er auch deshalb bewusst aus der Öffentlichkeit heraus. Lieber spricht er über „nerdige“ Handball-Themen als über sich selbst.
Wer große Ansagen erwartet, wird enttäuscht
Was nach 100 Tagen BSV auffällt: Der 1,93 Meter große Schlender ist kein Trainer, der in den Mittelpunkt drängt oder mit großen Ansagen auffällt. Bei Pressekonferenzen spricht er respektvoll über den Gegner, stellt sich bei Kritik vor seine Spielerinnen, hebt keine Einzelne hervor und verweist immer wieder auf den Entwicklungsprozess: Die Mannschaft sei jung und brauche noch Zeit.

Heute Bundesliga-Trainer, früher selbst aktiv: Jonas Schlender spielte einst in der vierten Liga am Kreis. Foto: Jan Iso Jürgens
Auch wenn es im Handball ein Stück weit um Entertainment und das Verkaufen von Emotionen geht, gibt sich Schlender betont „seriös“ und „realistisch“. Falsche Erwartungen möchte er nicht wecken. Deshalb nennt er beim Saisonziel allenfalls den Klassenerhalt.
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Doch woran wird er gemessen? Die Geschäftsführung des BSV habe es ihm gegenüber so formuliert, erzählt er: „Ein Aufwärtstrend muss sichtbar sein.“ Manager Peter Prior bestätigt das und sagt: „Wir sehen uns auf einem guten Weg.“ Bislang hat der BSV den besten Saisonstart seit fünf Jahren hingelegt.
Manchmal bekommt er einen Spruch reingedrückt
Schlender selbst sehe sich nicht als den „Chef von allen“, sagt er. In gewissen Situationen treffe er zwar die finale Entscheidung, aber ihm sei ebenso Mitbestimmung wichtig, dass gemeinsam gelacht und dem Trainer auch mal ein Spruch reingedrückt werden dürfe. Manchmal bekomme er das zu spüren, wenn er vor seiner jungen Mannschaft „altertümliche Begriffe“ wie „Baujahr“ verwende. „Da heißt es dann: Was ist das für ein Boomer“, sagt Schlender, selbst erst 31, und lacht.

Kommunikativ: Laut seiner Spielerinnen tauscht sich Jonas Schlender viel mit ihnen aus. Foto: Jan Iso Jürgens
Gerade in Sachen Kommunikation hat er in den ersten 100 Tagen viel gelernt. Jede Mannschaft brauche etwas anderes, sagt Schlender. In Buxtehude setze er in Timeouts auf konkreten taktischen Input, gebe den Spielerinnen auch den Raum, selbst Dinge anzusprechen. „Und ich weiß jetzt, wo ich den Mund halten sollte“, sagt Schlender. Er reflektiert sich ständig.
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Außerdem ist ihm noch etwas klar geworden: „Ich hatte größeren Respekt vor der Aufgabe, als ich hätte haben müssen“, sagt er über den Schritt zum BSV. Zu Beginn habe er auch Zweifel gehabt, wenn es nicht so lief wie gewünscht. Doch er habe die Ruhe bewahrt und nicht gleich seine Ideen über den Haufen geworfen, sagt er.
Wie würde er die ersten 100 Tage zusammenfassen? „Wir haben große Schritte nach vorne gemacht, sportlich und strukturell“, sagt Schlender. Und persönlich? „Dasselbe trifft auch auf mich zu.“
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