Nachbarschaftsstreit

TÄrger um Kangal-Hunde – Nur noch mit Pfefferspray auf die Straße

Fatih Önal, der Vermieter des Hauses im Vieländer Weg, und Michaela Börsmann.

Fatih Önal, der Vermieter des Hauses im Vieländer Weg, und Michaela Börsmann. Foto: kul

Pfefferspray und Küchenmesser in der Manteltasche: In Bremerhaven fürchten Anwohner die Hunde ihrer Nachbarn. Und die Behörden unternehmen nichts?

Von Ismail Kul 19.03.2026, 12:00 Uhr

Bremerhaven. In Bremerhaven-Wulsdorf schwelt ein Nachbarschaftskonflikt, der für Michaela Börsmann existenzielle Züge angenommen hat. Während Hunde für viele Menschen treue Begleiter sind, verlässt die Wulsdorferin ihr Haus im Vieländer Weg nur noch mit einem unguten Gefühl. In ihrer Manteltasche trägt sie ein Küchenmesser, in der anderen oft ein Pfefferspray. „Ohne das gehe ich nicht mehr raus“, sagt sie.

Der Grund: Kangal-Hunde im Hof eines Hauses in unmittelbarer Nachbarschaft, die über die Absperrung springen könnten und das auch getan hätten. Bereits vier Menschen seien bislang von den Tieren attackiert worden. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Kind verletzt wird“, befürchtet sie. Auch weitere Anwohner äußern ähnliche Sorgen. Sie glauben, dass die Tiere nicht artgerecht gehalten werden.

Kangal-Hunde sind große, robuste Herdenschutzhunde aus der Türkei, die vor allem durch ihre Wachsamkeit und Stärke auffallen.

Kangal-Hunde sind große, robuste Herdenschutzhunde aus der Türkei, die vor allem durch ihre Wachsamkeit und Stärke auffallen. Foto: Tierheim Bremerhaven

Wenn Hunde für Konflikte in der Nachbarschaft sorgen

Kangals stammen ursprünglich aus der Türkei. Sie sind großgewachsene Herdenschutzhunde, sie schützen selbstständig Schafherden gegen Raubtiere wie Wölfe oder Bären. Ihr ausgeprägter Schutzinstinkt und ihre Kraft können jedoch in dicht besiedelten Wohngebieten zur Herausforderung werden.

In Bremerhaven leben rund 5.500 gemeldete Hunde, nach Schätzungen dürften es inklusive Dunkelziffer über 6.000 sein. Für die Halter sind sie Stressabbau, Bewegungspartner und soziale Stütze. Im Vieländer Weg aber hat sich dieses Gefühl für einen Teil der Anwohner in sein Gegenteil verkehrt.

Polizei und Ordnungsamt zeichnen ein anderes Bild

Die Polizei Bremerhaven bestätigte in der „Nordsee-Zeitung“, dass bisher lediglich ein Vorfall als Ordnungswidrigkeit an das Ordnungsamt abgegeben wurde.

Auch die Stadt bewertet die Lage zurückhaltender. Da Kangals in Bremen nicht als sogenannte Listenhunde gelten und keine offiziellen Beißvorfälle vorliegen, werden sie derzeit nicht als gefährlich eingestuft. Ein Vorfall vom vergangenen Dezember wurde laut Bürger- und Ordnungsamt so bewertet, dass sich ein Hund „schützend“ verhalten habe, nachdem der Halter verbal angegangen worden sei. Dies hätten auch Zeugen bestätigt.

Das Veterinäramt (LMTVet) kam ebenfalls zum Schluss, dass kein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz vorliege. Eine zunächst vermutete nicht tierschutzgerechte Haltung sei nicht bestätigt worden.

Fronten zwischen den Konfliktparteien bleiben verhärtet

Michaela Börsmann und ihre Nachbarn können diese Einschätzung nicht teilen. Sie fühlen sich von den Behörden alleingelassen. „Man sammelt Beweise, und nichts passiert“, sagt sie. Aus ihrer Sicht wäre eine Maulkorbpflicht sinnvoll.

Ein Bewohner des betroffenen Hauses wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Auf Nachfrage reagierte er knapp: „Ziehen Sie weiter. Es gibt kein Gespräch.“

Was die Polizei für kritische Situationen rät

Die Stadt verweist darauf, dass ein Tierhaltungsverbot bei Unzuverlässigkeit des Halters möglich ist – etwa bei Drogenkonsum oder Überforderung: „Wenn Hunde ein Grundstück verlassen und Dritte anspringen, wären zunächst Mittel wie Sicherung des Grundstückes oder die Anordnung von Leinenzwang vorrangig zu nutzen. Eine Wegnahme von Tieren kommt erst dann in Betracht, wenn Haltungsverbote rechtskräftig sind.“ Aktuell lägen der Fachabteilung keine neuen Hinweise vor.

Die Polizei rät Anwohnern, die sich bedroht fühlen, sich in Sicherheit zu bringen und im Ernstfall den Notruf 110 zu wählen. Für Michaela Börsmann ist das kein wirklicher Trost. Sie hofft, dass Stadt und Nachbarn bald gemeinsam eine Lösung finden.

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