TAlles für den Eisvogel: Mit der Kettensäge im Einsatz am Stader Bach
Matthias Grienitz, Gewässerwart des Stader Anglervereins, beim Einsatz an der Heidbeck. Foto: Richter
Naturschützer wollen die Heidbeck wieder zu einem Bach machen, in dem sich Libellenlarven und Raubfische tummeln. Aber warum mit der Kettensäge? Das erklären sie bei ihrem Einsatz.
Stade. Bis eben lag eine mystische Stimmung über der Heidbeck, die an diesem Wintermorgen noch im Nebel liegt. Aber jetzt kreischt die Kettensäge: Sebastian Zinke bearbeitet eine Erle am Ufer. Der Stamm kippt, fällt und kommt quer über dem Bach zu liegen.
Im Einsatz für die Artenvielfalt: rechts Thomas Piper, Vorsitzender des Stader Anglervereins. Foto: Richter
In der Natur kommt so etwas immer wieder vor, nach einem Sturm zum Beispiel. Hier wird mit der Säge und vielen helfenden Händen nachgeholfen. „Totholz ist gut für Gewässer“, sagt Thomas Piper, während er durch den klammen Matsch am Ufer stapft. Er hilft, ein langes Stück des schweren Stamms zur richtigen Stelle zu schleppen.
15 Ehrenamtliche schleppen Baumstämme
Piper ist Vorsitzender des Stader Anglervereins und mit Naturschützern im ehrenamtlichen Einsatz. Zu den 15 Männern und Frauen gehören neben dem Baumkletterer Sebastian Zinke Mitglieder von BUND, Nabu und Stader Anglerverein, aber auch engagierte Anwohner. Sie alle sind hier, um der Heidbeck etwas Gutes zu tun - mit Totholz.
„Wenn alles gut läuft, jagt hier irgendwann wieder der Eisvogel“, erklärt Piper. Der Baumstamm, der jetzt am Ufer liegt und in den Fluss ragt, soll sehr bald von Mikroorganismen und Kleinstlebewesen besiedelt werden.
„Makrozoobenthos“, ergänzt Janina Heins von der Ökologischen Station des BUND. Das seien sehr kleine tierische Organismen wie Strudelwürmer, Schnecken und Muscheln, aber auch Insektenlarven von Steinfliege, Köcherfliege oder Libelle, die sich an und um Totholz wohlfühlen.
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Die Heidbeck - manche sagen auch der Heidbeck - lag ursprünglich in einem Sumpfgebiet mit mehreren Wasserläufen. Im Laufe der Zeit wurde sie stark begradigt und ausgebaut. Hier, nahe der Brücke am Barger Weg, ist sie heute überbreit und fließt kaum noch.
„Es gibt zu wenig Bewegung, das ist schlecht“, erklärt Angler und Nabu-Mitglied Bernd Unglaub. Bei einer kürzlichen Elektrobefischung hätten sie sehr wenige Fischarten gefunden: „Nur ein paar Gründlinge und kleine Hechte.“
Sie wollen die Strömung günstig beeinflussen
Die Maßnahme, an der die Naturschützer heute arbeiten, soll den Bach mit mehreren vom Ufer bis zur Bachmitte ins Wasser ragenden Stämmen etwas verengen und die Strömungsverhältnisse auch sonst günstig beeinflussen.
Dafür, dass diese Renaturierungsmaßnahme Hand und Fuß hat, bürgen Fachleute: Maria Huber, Leiterin der Ökologischen Station Stade des BUND, hat die Maßnahme initiiert und das Fachliche gemeinsam mit Inken Gerlach vom Nabu und Dr. Timm Ruben Geissler geplant.

Timm Ruben Geissler (vorne links), Bernd Unglaub und die anderen Ehrenamtlichen beobachten das Baumfällen. Foto: Richter
Geissler hat mit dem Planungsbüro WasserLand im Auftrag des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) den Gewässerentwicklungsplan für die Heidbeck gemacht, die in Stade in die Schwinge mündet. „Das Ziel ist, dass dieses Gewässer wieder ein vielfältig besiedelter Lebensraum wird.“
Dabei sollen Anlieger und Nutzer mitgenommen werden. Alles passiere in Absprache und mit Einverständnis des Unterhaltungsverbands, mit kurzen Kommunikationswegen und in kleinen Schritten. „So kann sich etwas entwickeln, ohne dass es großer Eingriffe bedarf“, erklärt er. Sollte es mal irgendwo Änderungsbedarf geben, könne sofort reagiert werden.
Wo Libellenlarven sich wohlfühlen sollen
Sebastian Zinke fällt an drei Stellen in Ufernähe morsche, abgängige Bäume. Mit kräftigen Hammerschlägen rammen die Ehrenamtlichen Pflöcke ein, um die langen Stämme in einem bestimmten Winkel an beiden Seiten des Ufers zu fixieren.

Maria Huber vom BUND bringt Baumpfleger Sebastian Zinke im Boot zu einem der Bäume, die gefällt werden sollen. Foto: Richter
Wo ein Baumstamm im Bach liegt, rauscht das Wasser nicht mehr einfach durch. An manchen Stellen fließt es schneller, an anderen langsamer. Im Strömungsschatten fühlen sich zum Beispiel Libellenlarven wohl, erklärt Janina Heins. Die sind kleine Räuber und machen unter Wasser Jagd auf andere schwimmende Insekten, Fische und Kaulquappen.
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Das Totholz sorgt auch dafür, dass sich unterschiedliche Substrate ablagern können, nicht nur Schlamm, sondern auch Sand und Kies. Das schafft Nischen, die für bestimmte Arten attraktiv sind. „Als Laichgrund für Forellen zum Beispiel“, sagt Bernd Unglaub. Im Totholz finden junge Fische auch Schutz vor Strömung und Fressfeinden.
Renaturierung nicht Kür, sondern Pflicht
Einen guten ökologischen Zustand des Gewässers zu erreichen, ist nicht nur das Ziel der Naturschützer, sondern auch der EU-Wasserrahmenrichtlinie. „Wir sind dazu verpflichtet, sie einzuhalten“, erklärt Anja Sawatzki von der Umwelt- und Freiraumplanung der Hansestadt Stade, die heute ebenfalls mit anpackt.

Anja Sawatzki von der Stadt Stade ist beim Einsatz dabei. Foto: Richter
Für die Stadt ist es Pflicht, für die Ehrenamtlichen ein Einsatz, der Hoffnung macht. Thomas Piper vom Anglerverein sieht es schon vor sich: „Nach den Mikroorganismen und den Kleinstlebewesen siedeln sich hier Fische an. Dann gesellen sich größere Raubfische dazu und irgendwann der Eisvogel. Und dann kommen wir. Die Angler“, sagt er und grinst.
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