TAsche in Tinte: Zehn kaum zu glaubende Fakten rund um die Feuerbestattung
Ein Sarg fängt Feuer, nachdem er in den Ofen des Krematoriums hineingefahren wurde. Foto: Felix Kästle/dpa
Knochen nach der Einäscherung mit dem Stäbchen weiterreichen? Asche auf die Haut tätowieren? Gibt es alles in der Beerdigungskultur - und das ist noch lange nicht alles.
Stade. 1. Das erste Krematorium der Welt stand in Mailand, im katholisch geprägten Italien. Und das in einer Zeit, als die Verbrennung von Leichen noch als Widerstandsakt gegen die Kirche gesehen wurde. Die Öfen wurden als Weltanschauungstechnologien bezeichnet.
Dem Seidenhändler Alberto Keller ist es zu verdanken, dass die Technik am 22. Januar 1876 auf einem Friedhof in Mailand eingesetzt wurde. Keller war da bereits zwei Jahre tot, die Leiche wurde einbalsamiert. Er wollte unbedingt verbrannt werden. Das Krematorium wurde aus seinem reichen Erbe finanziert.
Bertha von Suttner: „Keine Heuchelei nach dem Tode“
2. Die erste Frau, die in Deutschland eingeäschert wurde, war die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner aus Österreich. Die Worte in ihrem Testament waren typisch für sie: klar, deutlich, unmissverständlich. „Ich verlange, nach Gotha überführt zu werden. Urne in die dortige Urnenhalle. Verbitte mir jegliche Aufbewahrung, Kranzspenden, Einsegnung.“
Sie wollte sterben wie sie gelebt hatte, als „überzeugte Freidenkerin“. Wörtlich soll sie hinterlassen haben: „Habe im Glauben gehandelt und will auch keine Heuchelei nach dem Tode.“
Alte Tradition
T Die Stader Brauerknechte begleiten Tote auf dem letzten Weg
Welche Regeln gelten
Haustier im eigenen Garten begraben: Was ist erlaubt?
3. Die Geschichte der modernen, technisch geprägten Feuerbestattung ist 150 Jahre alt. Doch schon vor 40.000 Jahren wurden Menschen eingeäschert. Darauf lässt ein Fund im heute ausgetrockneten Lake Mungo in Australien schließen. Forscher fanden heraus: Der Leichnam einer Frau wurde verbrannt, dann wurden die Knochen zerkleinert und nochmals verbrannt, bevor die Beisetzung stattfand.
In Bremen darf die Urne im privaten Garten liegen
4. Bremen hatte zum 1. Januar 2015 den Friedhofszwang außer Kraft gesetzt. Beisetzungen dürfen jetzt auch auf Privatgrundstücken oder auf öffentlichen Flächen stattfinden. Der verstorbene Mensch muss das schriftlich fixiert haben, damit der Wunsch umgesetzt werden kann. Die Resonanz hält sich in Grenzen. Innerhalb von zehn Jahren wurden dafür 400 Genehmigungen erteilt.
5. Was dem Norddeutschen die Seebestattung, ist dem Rheinland-Pfälzer die Flussbestattung. Die Asche darf nach einer Reform im Bundesland jetzt auch Rhein, Mosel, Lahn oder Saar übergeben werden.
In Rheinland-Pfalz darf die Asche mit nach Hause genommen werden. Doch was passiert mit ihr, wenn auch die Angehörigen sterben? Alternative: Sie im Garten verstreuen, das ist dort erlaubt.
Aus der Asche entsteht ein Diamant oder ein Tattoo
6. In Sachsen-Anhalt darf aus fünf Gramm Asche ein Diamant zur Erinnerung gepresst werden. Schmucksteine, Gemälde oder Keramik dürfen wiederum in Rheinland-Pfalz mit der Asche des oder der Verstorbenen angereichert werden.

Das ein Karat große Musterbeispiel eines Diamanten aus Totenasche hält der Inhaber des Bestattungsinstituts „Crist-All Bestattungen“ in Berlin mit einer Pinzette. Foto: picture alliance / dpa
7. Die Verwendung der Asche aus dem Krematorium kennt kaum Grenzen. In den USA mischen Hinterbliebene Asche in Tinte, um sich daraus ein Tattoo stechen zu lassen. In England wird Asche mit Vinyl verpresst, um dem Lieblingssong des oder der Verstorbenen eine besondere Ehre zuteilwerden zu lassen.
8. Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry ließ seine Asche am 21. April 1997 von den Kanaren aus in einer lippenstiftgroßen Aluminiumkapsel ins Weltall schießen. Per Satellit umrundete er so vielfach die Erde, ehe der Satellit am 20. Mai 2002 in die Erdatmosphäre eintrat und verglühte.
Ein sehr sonderbares Toten-Ritual aus Japan
9. Der Erfinder der Pringles-Dose, Fredric Baur, wurde in der typischen Chips-Verpackung beerdigt. Baur, Chemiker und Verpackungstechniker, hatte 1970 sein Patent auf die Pringles-Dose erhalten - und war bis zu seinem Tod mächtig stolz darauf.

Bestatterin Ulrike Grandjean zeigt im Beisein von Kapitän Joachim Zimmermann auf der Telegraaf IV, wie eine Urnenbestattung auf der Mosel abläuft. Foto: Harald Tittel/dpa
10. Klingt makaber, ist aber so: In Japan sitzen die engsten Angehörigen nach einer Verbrennung zusammen und sammeln die Knochen ein - mit Stäbchen. Hüftbeine und Wirbel werden aus der Asche gelesen, von Mensch zu Mensch weitergegeben und dann in die Urne gelegt. In Japan heißt diese jahrtausendealte Zeremonie „Kotsuage“.
Das alles und noch viel mehr steht im Buch „Das Zeitalter der Krematisten - 150 Jahre moderne Feuerbestattung“ von Svend-Jörk Sobolewski, Krematist in Stade.
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