Richter auf Krautsand

TBeach-Life, Party, Oldtimer: Zum Abschied gibt Krautsand alles

Chillen mit Oldtimern direkt am Elbstrand: Tina Gerz, Jessica, Jella und Martin Meybohm und Sören Becker beim Küstendrive.

Chillen mit Oldtimern direkt am Elbstrand: Tina Gerz, Jessica, Jella und Martin Meybohm und Sören Becker beim Küstendrive. Foto: Richter

An Anping Richters sechstem und letzten Tag strömen bunte Bullis und Käfer-Cabrios in Scharen zum Küstendrive auf die Elbinsel. Endlich scheint die Sonne - und ausgerechnet jetzt muss sie gehen.

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Von Anping Richter
10.07.2026, 20:30 Uhr

Krautsand. Meine sechste und letzte Nacht auf der Insel habe ich nicht in meiner Hütte verbracht. Die musste ich am Donnerstag räumen, weil am Freitag der Küstendrive begonnen hat.

Schon in den letzten Tagen habe ich auf dem Campingplatz viele süße VW-Käfer und bunt lackierte Bullis eintrudeln sehen, die zum Oldtimer-Treffen für Freunde luftgekühlter Volkswagen am Krautsander Elbstrand wollen. Meine Hütte war schon Wochen vorher für das Wochenende ausgebucht.

Das Insider-Netzwerk der Einheimischen

Nicht, dass Sie denken, ich sei nicht vorbereitet: Meine TAGEBLATT-Kollegen, die für den Norden und damit auch für Krautsand zuständig sind oder waren, haben mich gebrieft und mit einer Liste von Ansprechpartnern losgeschickt. Eine Kollegin im nahen Asselersand hatte mir für die letzte Nacht auch ein Bett angeboten. Doch die Liste - sorry, liebe Kollegen! - habe ich gar nicht benutzt. Stattdessen habe ich lieber die Einheimischen befragt und mich von einem zur anderen schicken lassen. So habe ich auch Brigitte Dringenberg kennengelernt.

Als ich fragte, ob sie wisse, wo ich auf Krautsand ein Zimmer für die Nacht bekommen könnte, antwortete sie: „Bei mir.“ Donnerstagabend saßen wir dann auf ihrer Terrasse bei frisch aus dem Ofen gezogener Quiche und einem Glas Wein, als Ami und Jonas Kötz vorbeikamen. „Du hast immer Hunger, oder?“, merkte Jonas grinsend an.

Die gastfreundlichen Insulaner

Tatsächlich habe ich mir bei ihm auch schon ein, zwei Brote schmieren dürfen. Dass ich Amis Fahrrad die ganze Zeit benutzen durfte, erwähnte ich ja bereits. Ich antwortete ihm, dass ich in meinem nächsten Artikel allen Schnorrern dieser Welt empfehlen werde, nach Krautsand zu kommen. Hier lässt es sich gut leben.

Die Krautsanderin Brigitte Dringenberg hat einen Garten voller Blumen, eine unglaubliche Aussicht auf die weiten Felder und ein großes Herz.

Die Krautsanderin Brigitte Dringenberg hat einen Garten voller Blumen, eine unglaubliche Aussicht auf die weiten Felder und ein großes Herz. Foto: Richter

Wir haben noch bis spätabends geredet. Meine wunderbare Gastgeberin, die ein spannendes Leben hat, möchte hier aber nicht so gerne vorgestellt werden, und auch zum Foto musste ich sie sehr überreden. Sie ist Zugezogene und findet, ich sollte lieber eine echte Krautsanderin befragen. Deshalb hat sie mich zu Brigitte Wolter geschickt.

Brigitte Wolters Wohnzimmer zieren Ölgemälde von Schiffen mit Familienbezug.

Brigitte Wolters Wohnzimmer zieren Ölgemälde von Schiffen mit Familienbezug. Foto: Richter

Brigitte Wolter, Jahrgang 1949, kommt aus einer Familie mit einer langen Schifffahrtstradition: Ihr Vater Erhard Möller war geborener Krautsander und Bootsbauer bei Hatecke. Er hat das Schiff gebaut, das in der Krautsander Kirche vorne beim Altar hängt. Ihr Mann Klaus Wolter, der vor einigen Jahren verstarb, war Kapitän auf hoher See, bevor er Elblotse wurde.

Sechs Promille der Krautsander sind Elblotsen

Sönke Wolter, ihr Sohn, der zufällig gerade vorbeischaut, ist übrigens auch Elblotse, und zwar nicht der einzige auf Krautsand: „Wir sind fast drei. Der dritte ist gerade noch in der Ausbildung.“ Bei 500 Einwohnern entspricht das einem Anteil von sechs Promille. Sönke Wolters Opa war auch Kapitän und besaß ab 1914 einen Elbewer namens Ida, der in Öl gemalt auf einem Bild im Wohnzimmer zu sehen ist.

Sönke war drei Wochen alt, als die große Sturmflut im Januar 1976 Krautsand heimsuchte, berichtet Brigitte Wolters. Im Haus stand das Wasser in Höhe des Küchentischs, die Treppe nach draußen hatten die Fluten weggerissen. Mit ihrer fünfjährigen Tochter und dem Baby flüchtete sie auf den nicht ausgebauten Dachboden des Hauses, das sie neu gebaut und drei Monate zuvor bezogen hatten.

Ihr Mann ging derweil seine Mutter holen, die nebenan wohnte. Das gelang nur knapp: Die Oma, Helene Wolter, saß nebenan auf einem Stuhl, den sie auf den Küchentisch gestellt hatte. Völlig durchnässt schleppten sie sich zu den anderen. „Das Schlimmste waren die Wellen“, sagt Brigitte Wolter. Sie schlugen gegen das Haus. Als auch noch Baumstämme angespült wurden, hatten sie Angst, dass es nicht halten würde.

Bittere Sturmflut-Erfahrungen

Mit Matratzen, einer letzten Thermoskanne mit heißem Wasser für die Babynahrung und in Kissen und Decken gehüllt harrte die Familie auf dem kalten Dachboden aus. Am nächsten Morgen kam das DRK und brachte Baby-Milchpulver. Evakuiert wurden sie aber erst später.

Drei Wochen danach kam die nächste Sturmflut. Wieder brachte die Familie sich bei Nachbarn in Sicherheit. Oma Helene hatte zwar nur ihre Handtasche dabei - darin aber alles, was in dieser Lage wichtig war: ihr Sparbuch, eine Mettwurst und eine Flasche Rum.

Die Käpt'n Klünder an ihrem Sommerliegeplatz im Ruthenstrom.

Die Käpt'n Klünder an ihrem Sommerliegeplatz im Ruthenstrom. Foto: Richter

Trotzdem scheint mir, dass viele Krautsander eine gute Beziehung zum Wasser haben. Offenbar auch in den Nachbarorten: Aus Dornbusch hat mich Bernd Blanck angerufen, der 1. Vorsitzende des Fördervereins zur Erhaltung des Küstenmotorschiffs Käpt‘n Klünder e.V. Er lädt mich ein, das Schiff an seinem Sommerliegeplatz im Ruthenstrom unweit der Hatecke-Werft zu besuchen.

Eigentlich ist Dornbusch ja nicht Krautsand. Aber der Liegeplatz gehört zur Insel. Dort empfangen mich Bernd Blanck und Detlev Korölus vom Vorstand des Vereins an Bord. Käpt‘n Klünder hieß zuerst übrigens Marie Bröhan, weil sie 1907 als Besanschut, also als Frachtsegler, für den Reeder Johann Hinrich Bröhan aus Estebrügge gebaut wurde.

Wie aus Marie Bröhan Käpt‘n Klünder wurde

Nach mehreren Eigentümern und Umbauten kaufte Karl Meyer, der Senior des bekannten Entsorgungsunternehmens in Wischhafen, die Käpt‘n Klünder. Sie kann heute 6,5 Knoten fahren, hat 75 PS und ist 24 Meter lang. Karl Meyer ließ sie so umbauen, dass er im früheren Frachtraum Kunden empfangen und bewirten konnte.

Davon profitiert der Dornbuscher Verein, der das Schiff 1995 übernahm. „Jeden Sommer machen wir sechs bis acht Fahrten“, berichtet Bernd Blanck. An Bord, wo unter Deck an langen Tischen und an der Bar reichlich Platz ist, wird gerne gefeiert - aber unter einer Bedingung: Fünf Crew-Mitglieder sind im Dienst und müssen nüchtern bleiben.

Bernd Blanck am Steuer der Käpt'n Klünder.

Bernd Blanck am Steuer der Käpt'n Klünder. Foto: Richter

Blanck ist übrigens auch Schiffer und hat ein Kapitänspatent: Mit seinem Bruder führt er das Familienunternehmen, die Partenreederei MS Fredo, und befördert mit einem 85 Meter langen Frachtschiff vor allem Futtermittel und Getreide zwischen Nord- und Ostsee.

Was der Käpt‘n-Klünder-Crew Sorgen macht

An Käpt’n Klünder fasziniert ihn und seine Mitstreiter vor allem, was hier noch alles in Handarbeit passiert. Der Förderverein hat stolze 150 Mitglieder - und eine Sorge: Ob es gelingt, das Schiff im Winter zurück in den Dornbuscher Hafen zu bringen?

„Es ist alles verschlickt. Deshalb geht das nur einmal im Monat, wenn Springtide ist.“ Der Plan B lautet Wischhafen, doch die Dornbuscher hoffen, dass sie ihn nie umsetzen müssen.

Mein nächster Stopp ist der Küstendrive. Die meisten Oldtimer stehen direkt am Elbstrand, wo die Gäste entspannt in der Sonne dösen, sich austauschen, baden und sich auf die Livemusik am Abend freuen.

Fredenbecker organisieren den Küstendrive

Jessica und Martin Meybohm aus Fredenbeck, die den Küstendrive seit 2011 organisieren, sehen zufrieden aus: „Dieses Jahr ist das Wetter perfekt“, sagen sie und rechnen damit, dass in diesem Jahr etwa 600 Fahrzeuge das Treffen anfahren.

NIels ist 60 Jahre alt, hat ein bewegtes Leben bei der Bergwacht hinter sich und gehört Sven und Wuddel aus Harsefeld. Sie haben ihn selbst bemalt.

NIels ist 60 Jahre alt, hat ein bewegtes Leben bei der Bergwacht hinter sich und gehört Sven und Wuddel aus Harsefeld. Sie haben ihn selbst bemalt. Foto: Richter

Wo war die Sonne, als ich kam, denke ich, als ich ein letztes Mal über den Campingplatz Am Leuchtturm zu meinem Parkplatz gehe. Meine Hütte hier fühlte sich fast ein bisschen wie zu Hause an. Die Betreiberfamilie ist freundlich, und es gibt auch einen wunderschönen Badesee auf dem Gelände. Mein Bikini und mein Badeanzug sind leider die einzigen beiden Kleidungsstücke, die in diesen Tagen trocken geblieben sind. Aber sie sollen noch zum Einsatz kommen. Bald. Krautsand, ich komme zurück!

Zum Abschied zeigt Krautsand sich von der schönsten Seite. Jetzt würde Anping Richter gerne noch bleiben.

Zum Abschied zeigt Krautsand sich von der schönsten Seite. Jetzt würde Anping Richter gerne noch bleiben. Foto: Frauke

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, sechs Prozent der Krautsander seien Elblotsen. Das war dann doch etwas hochgegriffen, wie ein aufmerksamer Leser dankenswerterweise anmerkte.

Silas Menter (rechts) führt den Campingplatz Am Leuchtturm mit viel Unterstützung aus der Familie - auch sein Vater Heinz Menter und sein Schwiegervater Gerd Lenzing (links) packen mit an.

Silas Menter (rechts) führt den Campingplatz Am Leuchtturm mit viel Unterstützung aus der Familie - auch sein Vater Heinz Menter und sein Schwiegervater Gerd Lenzing (links) packen mit an. Foto: Richter

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