24-Stunden-Reportage

TBevor der erste Zug fährt: EVB-Lokführerin startet um 3 Uhr morgens

Lokführerin Andrea Gruhlke ist bereit für ihre erste Fahrt des Tages. Startzeit: 4.37 Uhr.

Lokführerin Andrea Gruhlke ist bereit für ihre erste Fahrt des Tages. Startzeit: 4.37 Uhr. Foto: P. Meyer

Während andere noch schlafen, bereitet Lokführerin Andrea Gruhlke die erste Fahrt des Tages vor. Selbst technische Probleme am Wasserstoffzug bringen sie nicht aus der Ruhe.

Von Pauline Meyer 15.07.2026, 18:50 Uhr

Landkreis. Es ist kurz nach 3 Uhr morgens in Bremervörde. Noch liegt die Kleinstadt im Landkreis Rotenburg im Dornröschenschlaf. Auf das rote Backsteinhaus, über dessen Eingang in Großbuchstaben das Wort „Bahnhof“ prangt, fällt sanft das Licht der umliegenden Straßenlaternen.

Pünktlich zur blauen Stunde ist die Bahn bereit für ihre erste Fahrt des Tages.

Pünktlich zur blauen Stunde ist die Bahn bereit für ihre erste Fahrt des Tages. Foto: P. Meyer

Mit ihrem Fahrrad rollt Andrea Gruhlke auf den Vorplatz. Begleitet vom Mondschein hat die Lokführerin nur wenige Minuten zu ihrer Arbeitsstelle gebraucht. Bevor sich die vielen Pendler der Region in ein paar Stunden auch auf den Weg zu ihrer Arbeit machen, muss Andrea Gruhlke einen der Wasserstoffzüge für die erste Fahrt des Tages vorbereiten.

Im Bahnhof wird rund um die Uhr gearbeitet

Andrea Gruhlke hat heute Frühschicht. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie schon bei der Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser GmbH (EVB: eigene Schreibweise der Abkürzung) als Lokführerin und in der Leitstelle. Nach kurzem Austausch mit einem Kollegen über die Koordinierung der Züge, zieht sich die 34-Jährige ihre orangene Weste über. „Das ist Vorschrift“, sagt sie. „Wegen der Sicherheit.“ Dann macht sie sich auf in Richtung Gleise.

Nachtschicht und Frühschicht im Austausch.

Nachtschicht und Frühschicht im Austausch. Foto: P. Meyer

Die Nacht ist ruhig, doch richtig leise ist es nicht am Bahnhof Bremervörde. Ein gelbes Fahrzeug des EVB-Infrastruktur-Teams kommt gerade von einer Einsatzfahrt zurück. Da die Strecken nachts frei sind, kümmern sie sich frühmorgens schon um den Grünschnitt. Das sei wichtig, erklärt Andrea Gruhlke: „Die Signale müssen immer frei sein.“

Graffitis und Schäden: Zug wird vor dem Start gecheckt

Auf den Abstellgleisen stehen mehrere Züge hintereinander aufgereiht. Andrea Gruhlke hat von der Leitstelle heute die beiden Fahrzeuge ET 004 und ET 011 zugewiesen bekommen. Sie sollen aneinandergekoppelt - in einer sogenannten Doppeltraktion - von Bremervörde über Buxtehude bis nach Bremerhaven fahren. Start: 4.37 Uhr. Bis sie starten kann, muss Andrea Gruhlke den Wasserstoffzug allerdings erst noch überprüfen und vorbereiten. „Das dauert etwa 45 Minuten“, sagt sie und beginnt mit einer einfachen Sichtkontrolle.

Bevor die Fahrt starten kann, muss Andrea Gruhlke den Zug auf Schäden überprüfen.

Bevor die Fahrt starten kann, muss Andrea Gruhlke den Zug auf Schäden überprüfen. Foto: P. Meyer

Mit der Taschenlampe begutachtet die Lokführerin die Fahrzeuge, hält Ausschau nach äußeren Schäden oder Graffitis. Schmierereien gebe es häufiger mal, erzählt sie. Jedoch eher bei den vorderen Gleisen und an Zügen, die nicht regelmäßig gefahren werden.

Andrea Gruhlke kontrolliert die Kopplungsstelle zwischen den Fahrzeugen.

Andrea Gruhlke kontrolliert die Kopplungsstelle zwischen den Fahrzeugen. Foto: P. Meyer

Beim Rundgang um die gekoppelten Fahrzeuge fällt nichts Besonderes auf, beide sind in einem guten Zustand, alle vorgeschriebenen Beschriftungen sind lesbar. Besonders genau schaut Andrea Gruhlke auf die Kopplungsstelle zwischen den Zügen - auch hier ist alles einwandfrei, keines der Bleche verbogen.

Quereinstieg als Lokführerin: EVB überzeugte mit Familienfreundlichkeit

Zu ihrem Beruf ist die gebürtige Kölnerin als Quereinsteigerin gekommen. Vorher hatte Andrea Gruhlke eine Ausbildung als Kfz-Mechatronikerin mit dem Schwerpunkt Nutzfahrzeugtechnik gemacht. „In meiner damaligen Firma in Minden wurden dann Lokführer gesucht“, so Andrea Gruhlke. Damals fuhr sie noch im Güterverkehr, war im Schnitt zwei Tage am Stück unterwegs. Dann sei das Angebot der EVB gekommen.

„Der Personenverkehr ist einfach familienfreundlicher“, erklärt die dreifache Mutter, deren Kinder besonders stolz darauf sind, dass sie als Lokführerin arbeitet. „Wenn wir privat mit dem Zug fahren, erzählen sie anderen Gästen gerne, dass ihre Mama den Zug fahren kann“, sagt Andrea Gruhlke lachend. Gemeinsam mit ihrem Mann, der ebenfalls im Schichtsystem arbeitet, lassen sich Beruf und Familie gut unter einen Hut kriegen. „Auch wenn wir uns manchmal die Klinke in die Hand geben“, sagt sie.

Die Bahn wartet auf die erste Fahrt des Tages.

Die Bahn wartet auf die erste Fahrt des Tages. Foto: P. Meyer

Nachdem die Lokführerin den Zug aufgerüstet, also in Betrieb genommen hat, geht es in den Innenraum. Beim Gang durch die Reihen achtet Gruhlke auf mögliche Schäden oder vom Reinigungsdienst vergessene Gegenstände. Im Vorbeigehen klappt sie die Armlehnen nach oben. „Das gibt sonst schnell blaue Flecken“, sagt sie.

Da der Zug aus zwei Triebfahrzeugen besteht, hat er insgesamt vier Führerstände. Zwei davon - jeweils vorne und hinten - können nach Bedarf besetzt werden. Trotzdem überprüft Andrea Gruhlke alle Führerstände nach Funktionstüchtigkeit und korrekter Einstellung.

Unbekanntes Problem: Hochvolt-Batterien streiken

Es ist mittlerweile kurz vor 4 Uhr, als Andrea Gruhlke beim Prüfen des letzten Führerstandes auf ein technisches Problem aufmerksam wird. Eine der Hochvolt-Batterien schaltet sich nicht zu. „Das habe ich noch nie erlebt“, erklärt Andrea Gruhlke, die ihren Kollegen Michael Lange dazugerufen hat. „Schnell auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren - das ist eigentlich unser Job“, erklärt Lange, während Andrea Gruhlke gleichzeitig mit Werkstatt und Leitstelle telefoniert.

Blick auf den Fußboden - ist alles sauber?

Blick auf den Fußboden - ist alles sauber? Foto: P. Meyer

Als Lokführer sei man nicht nur Fahrer, sondern auch Problemlöser, weiß Michael Lange. Seien es technische Schwierigkeiten, wie an diesem Morgen, seien es vor die Bahn springende Rehe - oder Kinder, die Steine auf die Schienen legen. „Das ist sehr gefährlich, kommt aber leider häufiger vor“, so Michael Lange. Zuletzt sogar mit Polizeieinsatz.

Umstieg notwendig: 007 als Retter in der Not

Mittlerweile rückt der Startzeitpunkt näher. Im Führerstand des ET 004 wird es hektisch, während draußen das Schwarz der Nacht zu einem satten Blau wird. Auf die Schnelle kann das Problem nicht gelöst werden - jetzt ist Umdenken angesagt: Der von Michael Lange vorbereitete Zug war erst für eine spätere Verbindung vorgesehen und wird nun von Andrea Gruhlke übernommen.

Das Team der EVB löst das Problem gemeinsam: Andrea Gruhlke am Telefon mit der Werkstatt und der Leitstelle.

Das Team der EVB löst das Problem gemeinsam: Andrea Gruhlke am Telefon mit der Werkstatt und der Leitstelle. Foto: P. Meyer

Mit dem Umstieg auf den ET 007 wird sie ihre Fahrt pünktlich starten können. „Man muss flexibel bleiben“, sagt Andrea Gruhlke. Das Schöne sei, dass man bei der EVB im Team arbeite, Herausforderungen gemeinsam gestemmt werden.

Beim ersten Wasserstoffzug gab es technische Probleme.

Beim ersten Wasserstoffzug gab es technische Probleme. Foto: P. Meyer

Im ET 007 klappt das Aufrüsten des Führerstandes einwandfrei. Nach einem Austausch mit der Leitstelle darf Andrea Gruhlke vom Gleis 37 auf das Gleis 1 wechseln - dort warten bereits erste Fahrgäste und die Kollegen, die die Fahrt als Zugbegleiter betreuen werden.

Warum sie ihren Job so gerne macht, kann Andrea Gruhlke genau sagen: „Obwohl ich oft dieselbe Strecke fahre, ist es sehr abwechslungsreich.“ Sie nehme etwa das Wetter ganz anders wahr als aus einem Büro heraus.

Der Bahnhof in Bremervörde.

Der Bahnhof in Bremervörde. Foto: P. Meyer

Zum Frühstück gab es heute nichts für die junge Lokführerin. „Nicht um diese Uhrzeit“, sagt Andrea Gruhlke. „Viel zu früh.“ Dafür werde sie sich unterwegs etwas beim Bäcker holen, sagt sie. Bis zur Mittagszeit ist es dann nicht mehr weit. Dann endet ihre Schicht wieder, pünktlich um 12.30 Uhr am Bahnhof Bremervörde.

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