TBier am Vormittag und die Frage: Ist Krautsand überhaupt eine Insel?
Das Team der Catharina, einem alten Ewer im Hafen von Krautsand. Foto: Richter
Im strömenden Regen kommt TAGEBLATT Reporterin Anping Richter Samstagabend in ihrer Campinghütte auf Krautsand an. Das kann ja heiter werden, denkt sie. Und das wird es tatsächlich.
Krautsand. Meine erste Zufallsbekanntschaft auf Krautsand beginnt mit einer Frage: „Hast du zufällig Kaffee dabei?“ Nein. Den habe ich vergessen. Aber ich habe gerade Teewasser aufgesetzt und lade meinen Nachbarn, den Radfahrer aus der Hütte nebenan, auf eine Tasse Ostfriesentee ein.
137 Kilometer mit dem Gravel-Bike
Carsten Schindler kommt aus Frankfurt. Am Samstagabend habe ich durch die Regentropfen, die ans Fenster klatschten, seine Ankunft beobachtet. Da hatte er 137 Kilometer Fahrt auf seinem Gravel-Bike hinter sich. Für ihn ist das nicht viel: Er ist Mittwoch in Kassel gestartet und hat auf der ersten Etappe bis zu einem Baggersee bei Hameln fast 200 Kilometer abgerissen. „Es war warm, ich habe einfach unter freiem Himmel auf meiner Luftmatratze geschlafen.“

Radfahrer Carsten Schindler aus der Nachbarhütte hat keinen Kaffee dabei. Die Reporterin auch nicht. Darum gibt es Tee. Foto: Richter
Carsten hat Verden, Bremen und Nordenham passiert und ist dann über Cuxhaven hierher gekommen. Den Norden mag er - besonders das letzte Stückchen ab Neuhaus: „Auf dem Deich zu fahren ist schön. Aber da musste ich immer wieder Türchen öffnen, durch die Schafe und Rinder durchgehen. Das hatte ich alles noch an den Reifen und dann kurz vor dem Ziel in Drochtersen noch einen Platten. Eine wahre Freude.“

Ein neugieriges Lamm kommt zum Zaun. Foto: Richter
Gestern hat meine Wetter-App 14 Grad angezeigt, gefühlt waren es 12 Grad. Meine Woche auf Krautsand hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Und wieso heißt es eigentlich „auf“ Krautsand? Von Insel habe ich bei der Anfahrt nichts bemerkt.

Blick auf Schafe, Deich und Unterfeuer am Samstagabend. Foto: Richter
Carsten schon. „Ich kam von Wischhafen, und da musst du über eine Brücke, um hierher zu kommen. Aber die ist ab 19 Uhr gesperrt.“ Also ging es im strömenden Regen weiter. Die Dornbuscher Brücke war dann auch gesperrt, er musste also weiter fahren, um aus Richtung Drochtersen nach Krautsand zu kommen.
Insel-Frage: Experten-Team taucht unvermutet auf
Über die Brücke muss ich auch gefahren sein - ohne es zu merken. Die Frage, ob Krautsand wirklich eine Insel ist, beschäftigt mich, aber eine halbe Stunde später habe ich Gelegenheit, sie einem Team von Experten zu stellen. Eigentlich wollte ich ja joggen gehen, am Strand entlang. Aber kurz nach dem Campingplatz-Ausgang liegt im Hafen von Krautsand ein alter Ewer, die Catharina, und darauf sitzen mehrere Männer, die sich auszukennen scheinen.
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Ich laufe hin und stelle mich vor. „Ach, vom Tageblatt“, sagen sie, nicken wissend und bieten mir ein Bier an.Dafür ist es mir noch etwas zu früh, sage ich und erkundige mich stattdessen nach ihrem Bezug zu Schiff und Hafen.
Vom teuren Schrott zum maritimen Schmuckstück
Sie sind die Catharina-Crew und haben sich der Aufgabe verschrieben, das maritime Erbe zu erhalten. Das mag abstrakt klingen, ist es aber nicht: Sie suchten einen alten Ewer, um ihn in den Hafen zu legen und fanden schließlich 2012 in Hamburg-Wilhelmsburg einen, über den Ulf Lorenzen, der damals das Geld dafür auslegte, heute sagt: „Das war Schrott. Teurer Schrott.“
Der Schrott heißt Catharina und ist heute ein weiß leuchtendes Schmuckstück. Aber im Bauch der Catharina, unter Deck, ist zu sehen, mit welchem Einsatz die Crew sich der Aufgabe damals verschrieb: Fotos zeigen ein völlig verrostetes Wrack. Trotzdem sahen sie das Potenzial. Mit dem Verein für Dorfgemeinschaft und Heimatpflege beantragten sie Fördergelder und begannen mit der Restaurierung, sagt Günter Kolkhorst, der mir die kleine Bilderausstellung zeigt.

Günter Kolkhorst führt sein selbstgebautes Krautsand-Modell vor und lässt die Süderelbe mit blauen Lämpchen leuchten. Foto: Richter
Als sich herausstellte, dass das Schiff mit einer asbesthaltigen Farbe bemalt worden war, mussten sie es einhausen und mit Schutzanzügen und Atemschutz daran arbeiten. Trotz allem gelang es, aus der Catharina binnen eines Jahres das wunderschöne Schiff zu machen, auf dem sich die Crew jetzt an jedem ersten Sonntag im Monat trifft.
Ohne den vor einigen Jahren verstorbenen Kapitän und Modellbauer Hans-Hinrich von Rönn hätten sie das nie geschafft, sagen die Crewmitglieder. „Der wusste, wo der Tampen hingehört“, sagt Günter Grotheer. Von Rönn lernte sein Metier einst selbst noch auf einem Ewer.
Die eindeutige Antwort der Experten
Die Catharina wurde 1895 in Boizenburg an der Oberelbe gebaut, fuhr aber viele Jahrzehnte auf der Unterelbe. Das steht auf einer Tafel am Hafen. Der Autor der Tafeltexte ist zufällig auch gerade an Bord: Hermann Oltmann. Er dürfte der Richtige sein, um meine Insel-Frage zu beantworten. Doch als ich sie stelle, antworten alle, wie aus einem Mund und fast schon empört: „Natürlich ist Krautsand eine Insel.“
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Die Süderelbe, die früher viel mehr Wasser führte als heute, trennt Krautsand vom Festland, wie Günter Kolkhorst erklärt. Er hat ein großes Krautsand-Modell gebaut, das unter Deck zu sehen ist. Die Süderelbe kann er per Knopfdruck mit vielen kleinen, blauen Lichtern aufleuchten lassen.
Heute ist sie an manchen Stellen eher ein Rinnsal. In Zukunft soll sie wieder mehr Wasser führen. „Dazu fragst du am besten Beatrice Claus vom WWF-Naturschutzprojekt Krautsand, die hat hier ein Büro“, sagt Hermann Oltmann. Unbedingt vorbeischauen soll ich auch bei dem Holzbildhauer und Illustrator Jonas Kötz und bei Götz, dem Hausmeister des Elbstrand Resort.
Die Krautsander Segelohren
Krautsand, haben mir einige Kollegen und Freunde versichert, hat einen ganz eigenen Zauber. Zeichnen sich die Krautsander eigentlich auch durch eine Besonderheit aus, frage ich. „Ja, Segelohren“, sagt Hermann Oltmann, der übrigens nicht von Krautsand stammt, sondern aus Drochtersen.
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Ist das jetzt ein Scherz? Inzwischen sitze ich in meinem Jogging-Outfit schon so lange an Deck, dass es 10.61 Uhr ist, wie die Crew-Mitglieder sagen. Also kurz nach elf. Ich habe noch immer nicht gefrühstückt. Die gute Stimmung lässt mich mein schlechtes Gewissen vergessen. Ich nehme jetzt doch ein Bier an.
Oltmanns Crew-Kollegen warnen mich zwar, das zu kolportieren, aber ich verrate es jetzt trotzdem: Er wurde als junger Mann sogar vor den Krautsander Segelohren gewarnt - mit welcher Geste, macht er vor, indem er seine Ohren nach vorne drückt. Die Krautsanderin, mit der er damals ausging, wurde trotzdem seine Ehefrau - und er der größte Krautsand-Fan.
Über den Ewer Catharina und über Krautsand hat Oltmann auch Bücher geschrieben. Montag möchte ich ihn besuchen, soll dann aber ein Fahrrad mitbringen, damit er mir die Insel besser zeigen kann. Leihen könne ich mir ein Fahrrad im Elbstrand Resort.
Gegen D/A verloren - aber Krautsand war super
Dort checkt gerade eine große Gruppe aus: Viele junge Männer in sportlichen, schwarzen Outfits mit Rollkoffern kommen mir entgegen. Das Fußballteam des SV Rödinghausen hat gerade drei sportliche Trainingstage hier verbracht und ein Testspiel gegen D/A verloren. Wie es auf Krautsand war? „Super“, versichern die beiden Spieler, die ich danach frage.

Fertig eingerichtet in der Hütte: Zuhause und Arbeitsplatz auf Zeit für TAGEBLATT-Reporterin Anping Richter. Foto: Richter
Für das Fahrradleihen habe ich am Ende keine Zeit mehr. Ich muss zurück in meine kleine Außenredaktion auf dem Campingplatz Am Leuchtturm: Neun Quadratmeter, Stockbett und Wasserkocher, Kühlschrank, Kaffeemaschine, Tisch und Stühle - was braucht der Mensch mehr? Noch etwas Sonne vielleicht. Ich hoffe, es war nicht zu optimistisch, Bikini und Badeanzug einzupacken.

Anping Richter Foto: Finnern
Serie: Richter auf Krautsand
Sie arbeitete schon im Kiosk und im Abfallwirtschaftszentrum, nahm den Lühe-Anleger unter die Lupe und heuerte auf der Elbfähre an. Jetzt ist Anping Richter reif für die Insel. Zum mittlerweile fünften Mal verbringt die TAGEBLATT-Reporterin für eine Sommerserie eine Woche an einem Ort oder Arbeitsplatz im Landkreis Stade. Dort bekommt sie spannende Einblicke, auch hinter den Kulissen. Dieses Jahr zieht es sie nach Krautsand. Auf der Elbinsel bezieht sie eine Hütte auf dem Campingplatz Am Leuchtturm - gewissermaßen eine TAGEBLATT-Außenredaktion. Von dort berichtet sie täglich, was sie auf Krautsand erlebt.
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Heinz schaltet den Strom in der Hütte auf dem Campingplatz Am Leuchtturm ein und bringt Bettzeug. Foto: Richter