Zähl Pixel
Naturphänomene

TDer Küchenschabe kann nicht einmal Radioaktivität etwas anhaben

Ein anscheinend nicht tot zu kriegendes Insekt: die Küchenschabe.

Ein anscheinend nicht tot zu kriegendes Insekt: die Küchenschabe. Foto: Paulin

Der Naturforscher Carl von Linne gab der Küchenschabe den Terminus „Blatta germanica“ - die deutsche Schabe. Sie ist lernfähig und vermehrt sich besonders schnell.

Von Wolfgang Kurtze Montag, 05.01.2026, 12:50 Uhr

Landkreis. Doch sie heißt nicht überall so. Je nachdem, mit welcher Nation man gerade miese Erfahrungen gemacht hatte, wurde die Deutsche Schabe zum Beispiel Franzose, Russe oder Preuße genannt. Der Name Küchenschabe ist zutreffender, denn sie liebt ein Leben in der Küche.

Küchen bieten den Schaben, auch Kakerlaken genannt, alles das, was eine Schabe so braucht: In Herdnähe ist es schön warm, Verstecke - zum Beispiel unter Küchenschränken - lassen sich immer finden, irgendwelche kleinen Krümelchen und Essensreste gibt es sowieso.

Das eigentliche Zuhause der Küchenschaben waren schwülwarme Regionen, wahrscheinlich in Kleinasien oder Indien. Von dort aus sind Küchenschaben den Menschen und seinen Siedlungen gefolgt. Ein bequemes Leben, wenn man als anspruchslose Schabe hier fast alles zum Fressen bekommen kann: etwa Leder, Papier, faulende Lebensmittel, Kleiderstoffe, moderndes Holz. Und so sind Küchenschaben mit fortschreitender Kolonialisierung und Globalisierung heute weltweit verbreitet.

Nachtaktive Insekten sind nur schwer zu entdecken

Ein weiterer Pluspunkt für die Schaben: Sie sind nachtaktiv und oft erst dann zu entdecken, wenn sie sich hinter Schränken oder hinter anderen finsteren Verstecken schon üppig vermehrt haben. Bis nach dem Krieg waren schwülwarme Keller von Wäschereien oder Krankenhäusern, Hallenbäder und Großküchen sehr beliebte Aufenthaltsorte. Doch heute wird penibel kontrolliert, und Gesundheitsämter sind extrem aufmerksam. Denn Schaben können auch Krankheiten übertragen.

Was tun gegen Küchenschaben? Die Chemiekeule erbrachte ihnen sogar Vorteile: Wegen ihrer hohen Vermehrungsrate konnten sich die überlebenden Tiere prächtig entwickeln. Schaben haben zudem die Eigenart, im eigenen Körper Enzyme und Immunkörper gegen die sie gerichteten Chemikalien zu bilden.

Es gelingt ihnen sogar, gleichzeitig gegen mehrere Schabengifte resistent zu sein. Ihre Lernfähigkeit, Stoffe zu meiden, mit denen sie schlechte Erfahrung gemacht haben, kann auch zum Überleben beitragen. Ihre besondere Brutpflege hilft auch: Die Weibchen schleppen den Eikokon mit sich herum. Wird die Situation für sie brenzlig, ziehen sie mitsamt des Kokons um.

Schaben sind resistent gegen die meisten Gifte

Bei ungünstiger Lage wird der Eikokon versteckt und die kleinen Larven schlüpfen erst nach einigen Monaten - und schon sind die Schaben wieder da. Ist andererseits die Lage günstig, dann wird über chemische Signale den Kolleginnen und Kollegen mitgeteilt, wo es sich prima leben lässt. Schaben sind eben perfekte Stehaufmännchen und Gifte sind ihnen ziemlich egal.

Gegen Schabeninvasion hilft nur eines sicher: Sauberkeit. Das Abdichten mit Silikon- und Acrylstreifen ab den 1970er Jahren hat im Übrigen erheblich dazu beigetragen, dass es sich Schaben in Fußbodenritzen nicht mehr so bequem machen können.

Schaben gibt es schon seit etwa 300 Millionen Jahren auf unserer Erde. Sie sind Profiteure einer langen Evolutionszeit. In ihnen haben sich alle die Gene weiterentwickelt, die ihnen Schutz gegen widrigste Umweltbedingungen gegeben haben. Durch Zufall entdeckten Forscher, dass Schaben sogar gegenüber radioaktiver Strahlung relativ unempfindlich sind.

Buch und Serie

Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel