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Naturphänomene

TDistelfalter sind die Vagabunden unter den Schmetterlingen

Distelfalter

Distelfalter Foto: hajo-naturfoto

In jedem Frühsommer wandern Distelfalter zu uns. In diesem Jahr sind es sehr viele hier in Norddeutschland. Es lohnt sich, die Falter auf ihrer Route zu verfolgen.

Von Wolfgang Kurtze Samstag, 20.06.2026, 14:50 Uhr

Landkreis. Der Abflug der Distelfalter begann in diesem Jahr im subtropischen oder tropischen Afrika; vielleicht im Sudan oder im Niger. Von dort aus wanderten die Falter nach Nordafrika und Südeuropa. Hier entwickelte sich die zweite Generation der Distelfalter. Genug Nahrung ab es, denn der Winter war etwas regenreicher als üblich. Die Raupen entwickelten sich prima. Viele Falter schlüpften im Frühjahr und machten sich auf den Weg in den Norden.

Der weite Flug über das Mittelmeer, über die hohen, teilweise noch verschneiten Berge der Alpen, all das schaffen sie. Denn Distelfalter sind elegante und kräftige Flieger. Sie können auch gegen den Wind fliegen, nutzen dabei Wirbel oder Windschatten geschickt aus. Entomologen (Wissenschaftler, die sich mit Insekten beschäftigen) sind immer wieder überrascht, dass Distelfalter bei ihrer Wanderung über die Alpen die für sie günstigen Pässe und Täler nutzen.

Tausende Kilometer vom Mittelmeer nach Nordeuropa

Tausende von Kilometern von der Mittelmeerküste bis zu uns können sie zurücklegen, weil ihre Muskulatur weniger Sauerstoff verbraucht als die anderer Insekten. Nun sind die Distelfalter in Stade, Buxtehude oder auf Helgoland angekommen. Sie haben Unwetter mit Sturm und Regen überstanden. Ihre Flügel haben Risse und Schrammen, Schuppen wurden verloren. Die anfangs bunte Flügelfärbung ist verblasst.

Viele Falter wandern noch weiter in den Norden: zum Beispiel in die baltischen Länder oder in den Norden Finnlands. Distelfalter sind wahre Vagabunden. In Nord- und Mitteleuropa werden sich die Schmetterlinge paaren und Nachkommen der dritten Generation hervorbringen. Etliche Falter bleiben bis zum Winter bei uns. Doch ihr Körper ist nicht auf die in Deutschland tiefen Wintertemperaturen ein gestellt, sie sterben.

Doch viele Distelfalter der dritten Generation wandern wieder weit in den Süden zurück. Es treibt sie auf ihrer Rückreise vielleicht bis nach Ägypten oder Äthiopien. Es ist unglaublich, dass diese Falter einige Tausend Kilometer wandern können. Vielleicht von Stade sogar bis nach Addis Abeba, wer weiß das schon.

Warum die Schmetterlinge so weite Strecken fliegen

Wozu diese weiten Wanderungen? Während ihrer Reise besuchen die Distelfalter Blüten, um Nektar und damit Energie aufzutanken. Dabei wird von der Nektarpflanze Pollen aufgenommen und zu den nächsten Nektarpflanzen transportiert. Durch diesen Vorgang wird Pollen und zugleich Genmaterial über große Entfernungen verbreitet.

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Der Vorteil für die Pflanzen: Ihr Genmaterial wird immer wieder neu kombiniert. Dabei erhalten die Pflanzen neue Eigenschaften, die ihnen jetzt oder später einmal Vorteile bringen können. Weit reisende Schmetterlinge wie der Distelfalter tragen also dazu bei, dass Pflanzen immerzu für ihre Umwelt passende Gene bekommen können. Inwiefern Distelfalter selbst davon profitieren, ist noch nicht geklärt. Es lässt sich vermuten, dass die Falter für sich selbst genetisch perfekte Pflanzen produzieren. Diese Wechselbeziehung ist langfristig für Pflanze und Falter von Vorteil.

Der Autor, die Serie und das Buch

Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, promovierter Biologe und Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte und in Jahreszeiten gegliederte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.

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