TDrachenfest auf Krautsand: Darum ließ man früher Drachen steigen
Zum Fischen, für die Wissenschaft, zu religiösen Festen oder aus Freude: Drachen werden bis heute aus den unterschiedlichsten Gründen steigen gelassen Foto: Ali Hashisho/XinHua/dpa
Am Wochenende machen sie beim Drachenfest auf Krautsand den Himmel bunt. Früher hatten Drachen meist ernstere Aufgaben. Zehn Dinge, für die Drachen eingesetzt wurden und werden.
Drochtersen. „Man hat Drachen nicht als Spielerei erfunden. Sie mussten einen Zweck erfüllen und haben eine große Anwendungsfläche“, sagt Axel Kostros. Der preisgekrönte Drachenbauer besitzt mehr als 700 Drachen.
1. als Angelhelfer
Die Geschichte des Drachens reicht mehr als 2000 Jahre zurück. Ursprünglich halfen Drachen beim Fischen, sagt Kostros. Auf den Inseln Polynesiens und in Südostasien bauten Fischer sie aus robusten Pflanzenblättern und Bambusstreben.
Mit dem Drachen ließ sich der Köder weit vom Boot entfernt ausbringen. So mussten die Fischer nicht nahe an scharfe Korallenriffe heranfahren und verschreckten keine scheuen Fische.
2. als missglücktes Lehrstück
Allgemein wird die Wiege des Drachens aber im chinesischen Kulturkreis vermutet. Der Philosoph und Ingenieur Mozi baute im 5. Jahrhundert vor Christus einen fliegenden Vogel aus Holz.
Historiker vermuten hinter dem Projekt technische Neugier und einen Wettstreit mit dem Baumeister Lu Ban. Drei Jahre arbeitete Mozi an dem Vogel, nach einem Tag in der Luft war er kaputt. Sein Fazit laut Überlieferung: Technik ohne Nutzen ist wertlos.
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3. als Stratege
Über Jahrtausende hinweg wurden Drachen im Krieg als strategisches Hilfsmittel eingesetzt. Ein chinesischer General ließ der Legende nach einen Drachen steigen, bis er genau über dem feindlichen Palast stand. So wusste er, wie lang ein Tunnel unter der Stadtmauer hindurch sein musste.
Drachen dienten auch der Verständigung: In China rief ein belagerter Kaiser per Drachen um Hilfe. In Korea und Japan halfen sie dabei, verschlüsselt zu kommunizieren. Das sei vergleichbar mit den Rauchzeichen der amerikanischen Ureinwohner, so Kostros.
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4. als Späher
Später nutzte man Drachen, um den Feind auszuspionieren. Kleine und leichte Soldaten wurden an Drachen befestigt, sagt Kostros. Vom Himmel aus konnten sie über die feindlichen Linien schauen.
Einen Vorboten der heutigen Drohne schuf Arthur Batut. 1888 ließ er über Labruguière in Südfrankreich eine Kamera an einem Drachen steigen und machte Luftbilder. Im Ersten Weltkrieg spähten die Franzosen mit Kameras und bemannten Drachen deutsche Linien aus.
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5. als Zielscheibe
Im Ersten Weltkrieg wurden Flugzeuge wichtiger. Für Schießübungen wurden daher Drachen als bewegliche Ziele genutzt, sagt Kostros. Zugleich schützten Drachensperren wichtige Betriebe vor Angriffen.
Drachen und Fesselballons hielten in bis zu 3000 Metern Höhe Drähte, an denen sich Flugzeuge verfingen. Drachen retteten im Zweiten Weltkrieg auch Leben: Notgewasserte Flugbesatzungen ließen Drachen steigen. Die Schnur diente als Antenne für den SOS-Sender.
6. als Wetterfrosch
Schon 1749 ließen zwei Schotten bei Glasgow Thermometer an einer Kette aus Drachen steigen. Ende des 19. Jahrhunderts wurden Drachen zur festen Messstation am Himmel. Der Amerikaner William Eddy entwickelte dafür eine eigene Drachenform.
Am höchsten stiegen Drachenketten am Observatorium im brandenburgischen Lindenberg. Dort erreichte 1919 eine Kette aus acht Drachen 9740 Meter, bis heute Rekord.
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7. als Flug-Labor
Für die ersten Flugpioniere waren Drachen fliegende Labore, an denen sie Aerodynamik testeten. Der Australier Lawrence Hargrave erfand 1893 den Kastendrachen.
An seinen Drachen fand er heraus, dass gewölbte Flächen doppelt so viel Auftrieb liefern wie flache. Großen Einfluss hatte auch der Wildwest-Showman Samuel Cody. 1908 gelang ihm der erste Motorflug Großbritanniens. „Der Hype um ihn herum war sehr prägend“, sagt Kostros.
8. als Glücksbringer
In China ließen Bauern Drachen in Form eines Reisbauernhuts über ihren Feldern steigen. Geschmückt waren sie mit frischen Reisgarben, deren Körner auf die Felder fielen. So wollten sie die Götter besänftigen und um eine gute Ernte bitten, sagt Kostros.
Zur Geburt eines Sohnes bauten Familien einen Tausendfüßler-Drachen. Wer reich war, schmückte ihn mit Fasanenfedern. In Korea schrieb man den Namen des Sohnes auf einen Drachen und kappte die Leine. Böse Geister sollten mit ihm davonfliegen. In Guatemala steigen riesige Drachen über dem Friedhof von Sumpango auf und sollen böse Geister vertreiben.
9. als Litfaßsäule
Drachen eigneten sich auch als Werbung. Um 1937 soll der Kamerahersteller Voigtländer Drachen in seinen Firmenfarben angefertigt haben. Vermutlich gab es sie als Zugabe für verkaufte Kameras, sagt Kostros.

Axel Kostros zeigt Kindern seit Jahrzehnten, wie sie Drachen bauen können, die sie selbst steigen lassen können. Wie hier auf Krautsand. Foto: Ludewig
10. als Spielzeug
Der älteste erhaltene Drachen der Welt wurde bei Umbauarbeiten in Leiden in den Niederlanden gefunden. Er trägt die Jahreszahl 1773. Gebaut wurde er nur zum Spaß, sagt Kostros.
Der Spaß kann sogar zu groß werden. In Japan soll 1760 das Drachensteigen verboten worden sein, sagt Kostros. Die Menschen hätten lieber Drachen steigen lassen, als zu arbeiten.
Auf Krautsand fliegen Drachen am Wochenende ganz offiziell zum Vergnügen. „Wir machen den Himmel bunt“, sagt Chef-Organisator Dirk Ludewig. Auch Kostros nimmt teil. Das 11. Drachenfest läuft am Samstag ab 11 Uhr und am Sonntag ab 10 Uhr.
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