TEin altes Gewerk: Hat das Drechslerhandwerk ein Zukunftsproblem?
Drechsler verarbeiten vorrangig Holz. Doch sie arbeiten auch mit Horn, Elfenbein, Bernstein, Alabaster, Serpentin, Plexiglas und anderen Kunststoffen. Foto: P. Meyer
Seit Tausenden Jahren arbeiten Menschen mit Holz. In Zeiten von Massenproduktion leidet das Handwerk. Wie sieht es bei den Drechslern aus?
Bargstedt. Ob Schalen, Möbelteile oder filigrane Einzelstücke: Das Drechslerhandwerk gehört zu den ältesten Gewerken der Menschheit. Bereits vor mehr als 3500 Jahren wurden Werkstücke gedreht. Grundsätzlich ist das noch immer so: Ein Material wird eingespannt, rotiert und wird dann mit Werkzeugen in Form gebracht. Aber gerade mit Blick auf die heutigen Massenproduktionen stellt sich oft die Frage: Stirbt der Beruf des Drechslers aus?
Nischenhandwerk ohne Nachwuchsproblem
„Wir sind eine kleine Berufsgruppe, die besondere Pflege benötigt, aber nur weil wir weniger sind, heißt das nicht, dass wir aussterben“, stellt Wolfgang Miller, stellvertretender Bundesinnungsmeister des Verbands des Deutschen Drechsler- und Holzspielzeugmacherhandwerks klar. Zwar handele es sich um ein Nischenhandwerk, doch jedes Jahr würden auch neue Auszubildende gewonnen werden. Ein klassisches Nachwuchsproblem sieht Miller daher nicht. Wohl aber die allgemeinen Herausforderungen des Handwerks.
Neue Firmen
Mehr größere Betriebe in Deutschland gegründet
Kunsthandwerk
T Holzspäne und Handarbeit: Bargstedter drechselt aus Leidenschaft
Der Drechsler, oder wie es offiziell heißt „Drechsler (Elfenbeinschnitzer) und Holzspielzeugmacher“, arbeitet überwiegend mit Holz. Aber auch Materialien wie Kunststoff, Bernstein, Alabaster oder Metall verarbeitet er. Zentrales Werkzeug ist die Drehbank, ergänzt durch verschiedene Dreheisen. Die Bandbreite reicht von einfachen Alltagsgegenständen bis hin zu komplexen Bauteilen oder kunsthandwerklichen Einzelstücken. Dabei arbeiten Betriebe ganz unterschiedlich, vom kleinen Ein-Mann-Betrieb mit viel Handarbeit bis zur industriellen Fertigung mit computergesteuerten Maschinen.
Was darf Handarbeit kosten? Großindustrien beeinflussen Preisgefühl
Die Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre und erfolgt im dualen System. Spezialisierte Berufsschulen befinden sich unter anderem in Bad Kissingen, Seiffen und Michelstadt. 2004 entfiel die Meisterpflicht im Zuge der Reform der Handwerksordnung. Seit 2020 ist der Meistertitel wieder Voraussetzung, um den Beruf selbstständig auszuüben. Ein Schritt, der die Qualität sichern soll. Zuvor gegründete Betriebe stehen allerdings unter dem Bestandsschutz.
Personalmangel trotz Krise
Deutschlands Handwerkern fehlen 200.000 Mitarbeiter
Garten, Haus & Co.
Baumärkte: Kunden bleiben weg und kaufen lieber bei diesen Ketten ein
Doch wie in vielen Gewerken steht auch das Drechslerhandwerk unter wirtschaftlichem Druck. „Großkonzerne beeinflussen das Preisniveau, vielen fehlt das Gefühl dafür, was Handarbeit kosten darf“, erklärt Miller. Industriell gefertigte Produkte seien oft günstiger, könnten aber die Individualität und Qualität handwerklicher Arbeit nicht ersetzen.
Gleichzeitig bietet der Beruf ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Neben technischem Verständnis sind Kreativität, ein gutes Auge und feinmotorisches Geschick gefragt. „Es ist ein wahnsinnig vielseitiger Beruf“, sagt Miller. Wer erfolgreich sein will, müsse sich jedoch immer wieder neu erfinden und an veränderte Kundenwünsche anpassen.
Grand Prix de la Baguette
Kleiner Stadtteil-Bäcker gewinnt Pariser Baguette-Wettstreit
Konjunktur
Stagnation und Jobabbau im Handwerk
Auch Traditionsbetriebe gehen diesen Weg. Miller selbst führt ein Unternehmen, das seit 1745 besteht. Um neue Zielgruppen zu erreichen, habe er das Sortiment erweitert und angepasst - mit Erfolg. „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagt er.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.