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Harsefeld

TErinnerungen an den Gasthof Fitschen - Ein Jürgen war immer dabei

Ein Foto um 1900 vom Gasthof Fitschen, der hintere Bereich war damals noch reetgedeckt.

Ein Foto um 1900 vom Gasthof Fitschen, der hintere Bereich war damals noch reetgedeckt. Foto: Archiv

Den Harsefelder Gasthof Fitschen mit 160-jähriger Tradition gibt es nicht mehr. Dank aktueller Spurensuche lebt seine Geschichte wieder auf. Einblicke in die Familiengeschichte.

Von Susanne Laudien Donnerstag, 19.03.2026, 21:00 Uhr

Ahlerstedt. Die Vergangenheit der Musikszene und ehemaliger Gaststätten im Landkreis Stade gehört zu den großen Leidenschaften von Reiner Klintworth. Der Vorsitzende des Helmster Heimatvereins hat bereits einige Recherchen, etwa zur Bargstedter Gaststätte, im Harsefelder Jahrbuch veröffentlicht.

Jetzt begab sich der Hobby-Historiker auf Spurensuche nach dem wohl ältesten Wirtshaus in Hollenbeck, einem Harsefelder Ortsteil - und stieß auf eine lange und kuriose Familiengeschichte: Der Gasthof war stets mit dem Namen Jürgen Fitschen eng verbunden.

Seit 1839 in Hollenbeck

Seit 1839 bis heute zieht sich der Name Jürgen durch alle Generationen, wie Klintworth und der Hollenbecker Hobby-Historiker Hermann Holst herausfanden. Häuserlisten von 1926 und Karten von 1834 aus dem Niedersächsischen Staatsarchiv in Stade lieferten dazu Hinweise, ebenso wie das Heiratsregister von 1655 bis 1852 der Kirche Bargstedt sowie die Hollenbecker Einwohnerliste von 1852.

Ansichtskarte vom Hollenbecker Gasthof von Jürgen Fitschen.

Ansichtskarte vom Hollenbecker Gasthof von Jürgen Fitschen. Foto: Archiv

Seit 1839 befand sich das Wirtshaus an der heutigen Hauptstraße in Hollenbeck. Für Jürgen Fitschen war es wohl attraktiv, an der vielbefahrenen Straße einen Gasthof mit Ausspann zu betreiben, bei dem nicht nur Gäste bewirtet, sondern auch Pferde versorgt wurden, vermutet Hermann Holst.

Die Gastronomie liegt ihnen am Herzen (von links): Reiner Klintworth, Hermann Holst, Friedrich Fitschen mit Ehefrau Anneliese und Nichte Anna-Maria Fitschen-Bockelmann.

Die Gastronomie liegt ihnen am Herzen (von links): Reiner Klintworth, Hermann Holst, Friedrich Fitschen mit Ehefrau Anneliese und Nichte Anna-Maria Fitschen-Bockelmann. Foto: Laudien

„Wo wir jetzt sitzen, befand sich früher das Clubzimmer des Wirtshauses, von dem man die schöne Magnolie im Vorgarten sehen konnte, die noch heute vor dem neuen Wohnhaus steht“, sagt Holst beim Treffen mit Angehörigen der Familie Fitschen.

Gasthof mit Ausspann für Pferde

Früher stand dort ein Strohdachhaus. Im Laufe der Zeit wurde der ältere Teil des Hauses durch einen Neubau ersetzt - mit einer großen Diele und Stallungen.

Versammlung der Jägerschaft um 1940 vor dem Gasthof Fitschen in Hollenbeck.

Versammlung der Jägerschaft um 1940 vor dem Gasthof Fitschen in Hollenbeck. Foto: Archiv

1885 beantragte der Sohn, der auch Jürgen hieß, nachweislich eine Konzession für den Betrieb der Gastwirtschaft. Während des Zweiten Weltkriegs lernte dessen Sohn, der ebenfalls Jürgen hieß (1906-1973), im Lazarett seine zukünftige Ehefrau Ilse aus Hannoversch Münden kennen.

Die Zwillings-Paare der Familie Fitschen 1950.

Die Zwillings-Paare der Familie Fitschen 1950. Foto: Privat

Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor - eine Tochter, die kurz nach der Geburt verstarb und gleich zwei Mal Zwillinge: 1948 wurden Hans-Otto und Jürgen geboren, 1952 Friedrich und Günter. Vater Jürgen war hauptsächlich Vieh- und Pferdehändler, Mutter Ilse führte die Gastwirtschaft, und die vier Söhne mussten ihr dabei helfen.

Bonanza und Lassie im Gasthof

Anfangs galt die Wirtin in Hollenbeck als Fremde und verstand kein Plattdeutsch. „Doch sie ließ sich nicht unterkriegen und war später bei allen sehr beliebt“, erzählt Hermann Holst aus eigener Erfahrung.

Der Gasthof Fitschen war ab den 1960er Jahren auch ein beliebter Treff für die Jugend.

Der Gasthof Fitschen war ab den 1960er Jahren auch ein beliebter Treff für die Jugend. Foto: Archiv

In den 1960er Jahren war das Gasthaus bei der Dorfjugend ein beliebter Treffpunkt - nicht zuletzt aufgrund des einzigen Fernsehgerätes im Hollenbeck. „Am Sonntagnachmittag durften wir bei Tante Ilse immer Bonanza und Lassie schauen“, erzählt Holst. Aber auch Händler, Bauern und Handwerker kehrten regelmäßig ein, ebenso wie Feuerwehr- und Gemeindevertreter, die sich zu ihren Sitzungen trafen sowie heimische Jäger und Sparclubmitglieder.

Jürgen Fitschen, der Vierte, macht Karriere als Bank-Chef

Von den vier Söhnen der Familie Fitschen wurde Friedrich Elektriker bei der EWE. Zwillingsbruder Günter ging zur Deutschen Bahn. Der fünf Jahre ältere Hans-Otto wurde wie sein Vater Jürgen Vieh- und Pferdehändler. Dessen Zwillingsbruder Jürgen, mittlerweile der vierte Jürgen in der Familie, studierte Wirtschaftswissenschaften und machte internationale Karriere als Banker.

Als Co-Chef der Deutschen Bank wurde er bekannt und lebt heute mit seiner Partnerin in der Nähe von Frankfurt. Aus seiner Ehe mit einer Thailänderin, die bei einem Autounfall ums Leben kam, stammen ein Sohn, der ebenfalls Jürgen heißt, und Tochter Anna-Maria.

Zurück zu den Wurzeln

Im Jahr 2000 schloss das Gasthaus Fitschen seine Türen. Sechs Jahre später wurde das Gebäude abgerissen und durch eine Wohnanlage ersetzt. Mit Ilse Fitschen, die 2013 starb, ging ein weiteres Stück Familiengeschichte zu Ende - doch die Erinnerungen leben weiter.

Vor der Magnolie, die schon früher vor dem Gasthof Fitschen stand (von links): Hermann Holst, Reiner Klintworth, Friedrich Fitschen mit Ehefrau Anneliese und Nichte Anna-Maria Fitschen-Bockelmann.

Vor der Magnolie, die schon früher vor dem Gasthof Fitschen stand (von links): Hermann Holst, Reiner Klintworth, Friedrich Fitschen mit Ehefrau Anneliese und Nichte Anna-Maria Fitschen-Bockelmann. Foto: Laudien

In dem Wohnhaus mit der Magnolie im Vorgarten wohnen heute Enkelin Anna-Maria Fitschen-Bockelmann und Ehemann Nils Bockelmann. Er führt in siebter Generation den Schützenhof in Ahlerstedt und setzt damit eine lange Familientradition fort.

Anna-Maria Fitschen-Bockelmann zeigt das Fotobuch, das sie für ihren Vater Jürgen, den einstigen Co-Chef der Deutschen Bank, zum 70. Geburtstag zusammengestellt hat.

Anna-Maria Fitschen-Bockelmann zeigt das Fotobuch, das sie für ihren Vater Jürgen, den einstigen Co-Chef der Deutschen Bank, zum 70. Geburtstag zusammengestellt hat. Foto: Laudie

Herzlichkeit und Gastfreundschaft

Auch Anna-Maria Fitschen-Bockelmann trägt die Leidenschaft für die Gastronomie in sich: „Beeindruckt und geprägt haben mich Gastfreundschaft und Herzlichkeit meiner Oma in Hollenbeck ebenso wie die meiner Mutter, die in Thailand ein Restaurant führte und dieses sehr liebte. Beide gaben ihren Gästen stets das Gefühl, willkommen zu sein und ein Stück weit sich wie zu Hause zu fühlen.“

In Thailand geboren und in Asien aufgewachsen, verbrachte Anna-Maria Fitschen-Bockelmann mit ihrem Bruder viele Sommerferien im Gasthof der Großeltern in Hollenbeck - zusammen mit Cousins und Cousinen. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Familie Fitschen lebt heute im Ahlerstedter Schützenhof weiter.

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