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Geschichte

TErniedrigt, verprügelt und beleidigt: Als Staatenlose in der Nachkriegszeit

Ein alter Reiseausweis für Staatenlose erinnert an die Zeit, in der Dorothea Langwald ohne gesicherte Staatsangehörigkeit leben musste. Das Dokument gehörte ihren Eltern.

Ein alter Reiseausweis für Staatenlose erinnert an die Zeit, in der Dorothea Langwald ohne gesicherte Staatsangehörigkeit leben musste. Das Dokument gehörte ihren Eltern. Foto: rp

Ausgegrenzt in den 50ern – und noch bis in die 80er hinein: und dies nur, weil der Vater von Dorothea Langwald aus der Ukraine stammte. Die Erinnerungen schmerzen die Neuenwalderin noch heute.

Von Pascal Patrick Pfaff 24.10.2026, 07:55 Uhr

Landkreis Cuxhaven. Als Dorothea Langwald während des Gesprächs erstmals den Begriff „Polake“ in den Mund nimmt, da zittern ihre Hände. Für einen Moment wird die 76-Jährige aus Neuenwalde still am Tisch. „Wir waren eben halt die Polaken“, sagt sie. Das Wort, mit dem ihre Geschwister, Eltern und sie verunglimpft wurden, steht für eine Kindheit, in der sie als Fremde galten. Als Staatenlose im Landkreis Cuxhaven.

Die damals wie heute stark abwertende Bezeichnung für Menschen aus Polen war Teil von Dorothea Langwalds Lebensrealität. Von den 50ern bis in die 80er hinein. Nach Polen hatte die Familie keine Beziehung, betont die Neuenwalderin: Ihr Vater stammte aus der Ukraine, die Mutter war Deutsche.

Mit der Familie am Tisch und heiter trotz Härten

Zurück an den Tisch: Da sitzen heute noch ihre Schwester Anke Prusseit, ihr Bruder Dieter Rywak, Nichte Michaela Hermann und Tochter Jenny Langwald. An diesem Tag hört ihre Familie zu, ergänzt, lacht dazwischen. Die allgemeine Heiterkeit nimmt der Geschichte nichts von ihrer Härte. Sie zeigt aber, wie die Familie gelernt hat, neben den Verletzungen weiterzuleben.

Auf dem Sofa versammelt sind von links: die Geschwister Anke Prusseit, Dorothea Langwald (beide geborene Rywak) und Dieter Rywak sowie Jenny Langwald (Dorotheas Tochter) sowie Michaela Hermann (geborene Rywak und Tochter des verstorbenen Karl Rywak; Bruder von Anke, Dorothea und Dieter).

Auf dem Sofa versammelt sind von links: die Geschwister Anke Prusseit, Dorothea Langwald (beide geborene Rywak) und Dieter Rywak sowie Jenny Langwald (Dorotheas Tochter) sowie Michaela Hermann (geborene Rywak und Tochter des verstorbenen Karl Rywak; Bruder von Anke, Dorothea und Dieter). Foto: rp

Von Debstedt aus führt Dorothea Langwalds Erzählung zu den Ämtern im Landkreis Cuxhaven und Bremerhaven sowie nach Neuenwalde (Kreis Cuxhaven). Sie handelt von Ausgrenzung, Ohnmacht und wachsendem Selbstbewusstsein. Als Kind verstand sie die Beschimpfungen nicht: „Ich war so klein und wusste nicht, was das überhaupt bedeutet.“

Mitschüler gehen auf Dorothea los

Zu Hause: Da sei ihre Kindheit in den 50ern und 60ern schön gewesen. 1956 kam sie in die Schule, erzählt die 76-Jährige. Es war ein Umfeld, für das wohl kaum der Begriff „schwierig“ ausreicht. So erzählt die Ruheständlerin davon, regelmäßig gequält worden zu sein. „Ich wurde verprügelt, an einer Rutschbahn stellte mir ein Junge ein Bein, dadurch brach ich mir den linken Arm.“

Beschimpfungen seien an der Tagesordnung gewesen. Einmal habe ein Mitschüler sie auf der Schultoilette gegen einen Haken gedrückt: am Oberschenkel blieb eine Fleischwunde. „Es war fast jeden Tag etwas“, erinnert sie sich.

Ein anderes Mal wartete sie auf dem Heimweg, bis die Mitschüler fort waren. Doch an einer Ecke, so entsinnt sich Dorothea Langwald, lauerten sie, kreisten sie ein und grölten. Vor Angst habe sie sich in die Hose gemacht. Im Winter sei sie den Weg durch den Schnee über die Felder gelaufen. Als sie ihrem mittlerweile verstorbenen Bruder Karl von einer Mitschülerin erzählte, die sie verprügelt hatte, habe er ihr geholfen. Danach sei es ruhiger geworden.

Kirche spendet zu Weihnachten – nur nicht für Langwalds Familie

„Man fühlt sich in solchen Situationen alleine“, sagt sie und hat dabei noch Weihnachten im Kopf. Damals sei die Familie leer ausgegangen, obwohl die Kirche Süßigkeiten und Spielzeug verteilte. Tochter Jenny bringt den Sachverhalt auf den Punkt, wenn sie ihre Großmutters zitiert: „Warum bekommen wir nichts von der Kirche?“ Die Antwort: „Nee, das ist nur für die Deutschen.“

Ein Schwarz-Weiß-Foto aus den 50ern bewahrt die Erinnerung an drei Kinder, die einst gemeinsam vor dem Haus der Familie saßen. Links ist Dorothea Langwald zu sehen.

Ein Schwarz-Weiß-Foto aus den 50ern bewahrt die Erinnerung an drei Kinder, die einst gemeinsam vor dem Haus der Familie saßen. Links ist Dorothea Langwald zu sehen. Foto: rp

Dorothea Langwalds Vater stammte aus der Ukraine, war nach dem Krieg Zwangsarbeiter und arbeitete später auf Bauernhöfen in der Region. Auch er ist nach Aussage seiner Tochter damals ins Abseits gestellt worden. Demnach habe er in einem Betrieb Fausthandschuhe erhalten, Kollegen dagegen Fingerhandschuhe. Sie berichtet von Schlägen und davon, dass jemand auf ihn uriniert habe.

Nach der Heirat ist die Mutter staatenlos

Jahre später, so sagt es Dorothea Langwald, habe sie einen älteren Neuenwalder gefragt, ob er ihren Vater kenne. Der Mann sei kreidebleich geworden. „Dem ist bei der Erinnerung an Früher alles aus dem Gesicht gefallen“, berichtet sie davon, wie ein Mann, der damals Kind war, die Gewalt an Zwangsarbeitern miterlebte. Er war nicht an den Umständen direkt beteiligt, habe sich am nächsten Tag aber entschuldigt. Das sei es dann gewesen. „Da spricht hier niemand drüber. Das wird alles totgeschwiegen“, hält die 76-Jährige fest.

Besonders schwer wiegt, was ihrer Mutter Johanna widerfuhr: Sie sei Deutsche gewesen; nach der Hochzeit mit ihrem ukrainischen Vater 1950 habe sie indes die Staatsangehörigkeit verloren. Dorothea Langwald zeigt den Reiseausweis ihrer Eltern. Er verweist auf ein Abkommen vom 15. Oktober 1946; der Landkreis Wesermünde stempelte ihn am 26. Januar 1959. Darin steht: „Aufenthaltserlaubnis: Die Inhaber des Reiseausweises sind heimatlose Ausländer nach dem Gesetz über die Rechtsstellung heimatloser Ausländer im Bundesgebiet.“

Gegängelt durch die Behörden aus dem Landkreis Cuxhaven

Durch die Heirat wurde Dorothea Langwalds Mutter als heimatlose Ausländerin geführt. Ihr ukrainischer Vater ohnehin. Bei Behördengängen musste die Familie warten, während der Pass geprüft wurde. Anke Prusseit erinnert sich an eine Schiffsreise: Sie und ihre Mutter hätten als Einzige nicht an Land gehen dürfen.

Auch Dorothea erlebte Behördenmisstrauen. Es war 1969, als sie ihren Mann ehelichte; einen Deutschen: Im Jahr darauf ging sie mit ihrem Sohn zum Kreishaus, um die Staatsbürgerschaft zu beantragen. Dabei habe der Beamte gefragt, ob ihr Mann Deutscher sei, und verlangte nach ihrer Bestätigung einen Beweis. „Da war ich so wütend“, entsinnt sie sich an die Situation, als sie ihm die Papiere aus der Hand riss: „Geben Sie her, ich bleib das, was ich bin.“ Staatenlos.

Der Antrag blieb also liegen. Zwei Jahre später zog sie nach Bremerhaven und musste zum Ausländeramt. Ein junger Mitarbeiter hörte von ihr, dass sie für die Staatsangehörigkeit nicht bezahlen wolle: „Ich empfinde das als Kriegsverbrechen an meinem Vater.“ Der Ausweis kostete letztlich drei D-Mark, die sie bezahlte. 1972 wurde sie dann Deutsche. Nach Jahren der Zurückweisung habe sich erstmals jemand gekümmert. „Das ist ja phänomenal gewesen“, beschreibt sie ihre Emotionen. Zuvor habe sie bei Behörden gespürt: „Die wollen dich einfach nicht hier haben.“

Ihre Mutter erlebte die Wendung nicht mehr: Sie starb 1984 ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Auch Geschwister und Nichten kämpften noch in den 1980er-Jahren mit Papieren. Dorothea bekam den deutschen Ausweis, ihre Mutter aber hatte es nicht geschafft.

Während der Ausbildung zur Hilfsarbeit degradiert

Noch 1967 erlebte Dorothea Langwald Erniedrigungen. Damals begann sie in einem Schuhhaus eine Ausbildung. Nachdem die Chefin von ihrem Status erfahren hatte, musste sie putzen und einkaufen statt im Laden zu lernen. Einmal brachte sie einen Blumenstrauß für den Sohn der Chefin. Diese fragte, ob sie ihn damit schmücken solle; das wachse bei ihr als Kraut im Garten. „Ich habe den Strauß über den Tisch geworfen“, zeigt sie mit einer wegwerfenden Bewegung, wie sie auf die Geringschätzigkeit ihrer Mitmenschen reagierte.

Dieses Foto aus den 50ern zeigt Dorothea Langwald als Kind an der Seite ihres Vaters Piotr Rywak (rechts) und eines Bekannten der Familie.

Dieses Foto aus den 50ern zeigt Dorothea Langwald als Kind an der Seite ihres Vaters Piotr Rywak (rechts) und eines Bekannten der Familie. Foto: rp

Sie habe Zuhause geweint und nicht mehr zurück wollen. Nach einem Streit im Büro nahm sie denn auch ihre Sachen: „Ich gehe jetzt und ich komm nie wieder.“ Alles habe mit dem Abbruch der Lehre geendet. Dorothea Langwald berichtet, danach in einem Debstedter Lebensmittelgeschäft gearbeitet zu haben. Später in verschiedenen Tätigkeiten, die sich mit den Kindern vereinbaren ließen. Schließlich machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete bis 2015 in diesem Beruf.

In „Stöver‘s Gasthof“ wurde bis in den frühen Morgen gefeiert

56 Jahre waren Dorothea Langwald und ihr Mann verheiratet, bis er im vergangenen Jahr starb. Gemeinsam lebten sie viele Jahrzehnte in Neuenwalde. Er sei es auch gewesen, der sie auf „Stöver‘s Gasthof“ im Ort aufmerksam machte. Die heute 76-Jährige führte das Lokal von 1983 bis 1988, bevor sie als Krankenschwester arbeitete.

Mit den gemeinsamen Erinnerungen an die Zeit in „ihrer“ Kneipe wird der Ton am Tisch leichter. Langwald erzählt von einem Saal für bis zu 200 Gäste, von Hochzeiten, Bällen und jungen Leuten, die nach der Arbeit bis in den Morgen blieben. Ihre Familie ergänzt und neckt einander. „Das war großartig“, sagt die Neuenwalderin. Die Leute aus dem Ort seien ihr als „ein tolles Kneipenvolk“ im Gedächtnis geblieben.

Tochter beschreibt Mutter als „Revoluzzerin“

Sie selbst habe früher oft erstmal beobachtet und nicht viel mit Menschen gesprochen. Alles aus den Erfahrungen der Vergangenheit heraus. Wer heute Dorothea Langwalds Tochter Jenny hört, bekommt indes ein Gefühl dafür, dass aus einer vorsichtigen Zugezogenen eine Gastgeberin geworden war, die den Ort mitprägte. „Meine Mutter ist eine richtige Revoluzzerin.“

Letztere widerspricht nicht: „Die Erfahrungen haben mich stark gemacht.“ Sie habe gelernt, sich zu wehren – auf dem Amt, in der Ausbildung und später im Beruf. Als das Krankenhaus in Debstedt verkauft wurde und es aus ihrer Sicht bergab ging, schrieb sie an Verantwortliche und zog sich nicht mehr zurück wie früher. Ihre Familie erlebt sie denn auch als eine Frau, die sich nicht mehr kleinhalten lässt.

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