TFaule Eier, rostige Flocken: So entsteht Trinkwasser in Himmelpforten
Wassermeister Justin Reinhard und TWV-Geschäftsführer Ralf Burghartz führten durch das Wasserwerk in Himmelpforten Foto: Wertgen
Aus 40 bis 50 Metern Tiefe bis in die Reinwasserbehälter: Ein Rundgang im Himmelpfortener Wasserwerk zeigt, wie viel Physik in der Aufbereitung steckt.
Himmelpforten. „Es riecht gleich nach verfaulten Eiern“, warnt Justin Reinhard auf dem Weg ins Obergeschoss des Himmelpfortener Wasserwerks. Reinhard ist Wassermeister beim Trinkwasserverband Stader Land (TWV). Er zeigt: Bevor das Wasser frisch aus dem Hahn läuft, sorgt es in der Aufbereitung für Gestank und sieht ungenießbar aus.
Dass die Aufbereitung mit zwei wesentlichen Arbeitsschritten auskommt, belüften und filtern, liegt am Grundwasser. „Das hat hier eine gute Qualität“, sagt TWV-Geschäftsführer Ralf Burghartz.
Das Wasserwerk in Himmelpforten ist seit 1955 in Betrieb. Das Grundwasser fördert der TWV derzeit aus 17 Brunnen, die 40 bis 50 Meter tief reichen. Zu sehen sind von ihnen nur die Schachtdeckel. Brunnenpumpen fördern es nach oben in ein Belüftungsbecken. Ab dort legt das Wasser seinen Weg durch das Werk ohne weitere Pumpen zurück, allein mit der Schwerkraft.
T Wald weicht Technik: Bau des Wasserwerks in Dollern steht kurz bevor
T Hätten Sie es gewusst? So lang ist das Stader Leitungsnetz
Warum riecht es hier nach faulen Eiern?
Eisen und Mangan kommen natürlich im Grundwasser vor. Gesundheitsschädlich sind sie in üblichen Mengen nicht. Kommen sie mit Sauerstoff in Kontakt, färben sie das Wasser bräunlich und setzen sich in Leitungen ab.
Außerdem können sie den Geschmack verändern. Damit später Filter die Stoffe vom Wasser trennen können, wird das Wasser belüftet. Durch den Sauerstoff oxidieren Eisen und Mangan. „Sie bilden feine Flocken“, sagt Reinhard.

Im Belüftungsbecken kommt das Grundwasser mit Sauerstoff in Kontakt. Foto: Wertgen
An den Rändern der Becken sind diese Ablagerungen zu sehen. Bei dem Prozess entweicht Schwefelwasserstoff, der den Geruch nach faulen Eiern verursacht. Anschließend fließt das Wasser über eine Beruhigungsstrecke, damit der Sauerstoff Zeit zum Wirken hat. Das eben noch klare Grundwasser ist nun rötlich braun. „Man kann sich das wirklich so vorstellen, dass das Wasser gerostet ist“, erklärt Reinhard.

Ist das Becken ausgeschaltet, sind die Ablagerungen zu erkennen. Foto: Wertgen
Was passiert mit dem Rost aus dem Wasser?
Danach fließt das Wasser in große Filterbecken, die von oben betrachtet eine Brühe enthalten. Hier sickert das Wasser durch Kiesfilter nach unten. Die zuvor gebildeten Flocken bleiben darin hängen. Damit die Kiesfilter nicht verstopfen, spült das Wasserwerk sie alle zwei Tage.

In diesen Becken läuft das Wasser durch Filter. Die Bedienelemente sind Relikte vergangener Zeit. Die Bedienung läuft längst an Bildschirmen. Foto: Wertgen
Die gelösten Flocken werden nach draußen in Schlammbecken abgeleitet. Dort sinkt der Eisen-Mangan-Schlamm zu Boden. Einmal im Jahr wird er abgeholt und etwa in Biogasanlagen zugemischt. In den Anlagen bindet das Eisen ausgerechnet den Stoff, der in der Belüftung nach faulen Eiern riecht: Schwefelwasserstoff. Das übrige Spülwasser des Wasserwerks läuft nachts in zwei Teiche und versickert dort.

So sieht ein Filter aus, der das Wasser reinigt. Foto: Wertgen
Wie kommt das Wasser wieder nach oben?
Das gefilterte Wasser ist über Rohre inzwischen unten im Keller angekommen. Die Reinwasserbehälter liegen aber wieder höher. Trotzdem gelangt das Wasser dorthin. „Das funktioniert hydraulisch und ohne externe Energie“, sagt Burghartz. Das Gewicht des nachfließenden Wassers drückt das gereinigte Wasser durch ein Rohr wieder nach oben. „Man nennt es das Prinzip der kommunizierenden Röhren“, sagt Reinhard.
Die Reinwasserbehälter bestehen aus Beton und liegen unter begrünten Erdhügeln. Zusammen fassen sie in Himmelpforten 8000 Kubikmeter. Die Behälter sind ein Puffer zwischen Werk und Leitungsnetz. Wenn die Menschen tagsüber Wasser nutzen, dann sinkt der Pegel. Nachts füllen sich die Behälter wieder. Aus ihnen drücken Pumpen das Wasser ins Netz.

Unscheinbar unter Rasenflächen lagert das Frischwasser, bevor es ins Netz gepumpt wird. Foto: Wertgen
Die Wasserqualität prüft der TWV zweimal pro Woche im eigenen Analyseraum. Einmal im Monat nehmen externe Labore Proben. Außerdem überwacht das Gesundheitsamt des Landkreises Stade die Versorgung. Fällt eine Probe auf, greift ein Maßnahmenplan, der im Extremfall bis zum Abkochen des Wassers reichen kann. Dieser sei in der Praxis hier aber noch nie vorgekommen.
Warum darf der Pegel nicht zu tief sinken?
Im Sommer stoßen die Systeme an ihre Grenzen. „Das Grundwasser wird eigentlich nicht knapp, nur der Verbrauch steigt zu sehr an“, erklärt Burghartz. Die Reinwasserbehälter leeren sich schneller, als sie volllaufen, denn die Aufbereitung braucht Zeit.
„Wenn wir das Wasser zu schnell durch die Aufbereitungsanlage fließen lassen, ist die Filtergeschwindigkeit zu groß und die Qualität des Wassers würde darunter leiden“, sagt er. Der TWV würde dann die Grenzwerte der Trinkwasserverordnung nicht mehr einhalten.
Das Problem: Sinkt der Wasserstand zu tief, schaltet sich das Werk automatisch ab. Sonst könnte sich wie in einer ablaufenden Badewanne ein Wirbel bilden und die Pumpen würden Luft ziehen, erklärt Burghartz.
Die Folge: „Die Pumpen könnten einen Schaden erleiden und man könnte kein Wasser mehr ins Netz pumpen“, sagt er. In diesem Sommer kam es fast zur Notabschaltung, vor allem im Werk Dollern. Der TWV kaufte Wasser von Nachbarversorgern zu, verbot das Bewässern von Gärten und rief zum Sparen auf.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.