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Naturphänomene

TFiese Blutsauger quälen Meisen-Nestlinge

Junge Meise im Nistkasten

Junge Meise im Nistkasten Foto: Paulin

Ein Nistkasten an einer Hauswand könnte das Heim für Familie Kohlmeise sein. Doch sie ist nicht allein. Es gibt eine Vielzahl von Untermietern und Mitbewerbern.

Von Wolfgang Kurtze Sonntag, 03.05.2026, 12:50 Uhr

Landkreis. Ein ganz normaler Nistkasten für Kohlmeisen könnte es sein. Sagen wir in der Grundfläche 14 mal 14, in der Höhe 28 Zentimeter, das Loch 34 Millimeter. Oben drauf ein überstehendes Dach, mit Dachpappe benagelt.

Schon im Winter wird das Vogelhäuschen interessant. Da wird getestet, wie der Eingang beschaffen ist. Es wird hineingerochen, ob hier erfolgreich gebrütet wurde. Breite und Tiefe werden ausgelotet. Die handwerklichen Arbeiten werden geprüft: Ist alles schön dicht, zieht es nicht? Stören hier noch Reste von der letzten Brut? Oder schläft in einem Eckchen noch eine Maus? Ist der Einflug frei? In welche Richtung zeigt das Loch?

Frau Kohlmeise entscheidet über die Herberge

Für Kohlmeisen sind das Fragen und Probleme ohne Ende. In der Regel zeigt das Meisenmännchen dem Weibchen die mögliche Herberge. Das entscheidet nach umfangreicher Prüfung, ob ja oder nein. Wissenschaftler fanden heraus, dass die Nachbarschaft bei der Besetzung des Nistkastens auch eine Rolle spielt: Brüten Freunde und Verwandte in der Nähe oder sind Streitereien mit Nachbarn zu erwarten?

Im Frühling erscheinen am Nistkasten häufig ganz andere Gäste: Hummelweibchen und Hornissenweibchen prüfen, ob sich solch eine Höhle zur Staatsgründung eignet. In der Regel brauchen sie gar nicht in den Nistkasten hineinzukrabbeln. Anhand der Resonanz ihrer Fluggeräusche können sie in Windeseile entscheiden, ob eine Zwischenlandung oder ein rasches Weiterfliegen angebracht ist.

Ist das Vogelnest gebaut und sind Eier gelegt, dann zeigen sich im Nistkasten fiese Blutsauger, gegen die sich Meisen kaum wehren können: Aus den kleinsten Ritzen krabbeln winzige Parasiten. Die haben schon die Vorbesitzer dort gelassen, oder das Brutpaar trägt sie aus dem eigenen Gefieder zufällig ein.

Ungebetener Besuch quält die Jungvögel

Es gibt Flöhe, Federmilben, Wanzen, Federlinge oder Zecken. Hier herrscht in Nest und Gefieder ein paradiesisches, feuchtwarmes Klima. Manche Schmarotzer, wie Lausfliegen, können nur sehr kurze Strecken fliegen.

Das aber reicht aus, um zielgerichtet an einem Einflugloch zu landen. Kurz darauf fallen ihnen die Flügel ab. Hier lauern sie, um sich in einem günstigen Moment an der Kohlmeise festzuhalten. Dann verschwinden sie als üble Blutsauger blitzschnell im Gefieder.

Leider fallen all diese Parasiten auch über die Meisenjungen her. Nur wer als Jungvogel diese Tortur gut überlebt, hat eine bessere Chance im weiteren Leben.

Nach der Brut ist das bunte Leben im Nistkasten nicht vorbei. Jetzt arbeiten Spinnentiere und Insekten daran, Dreck und Nest zu zersetzen. Winzige Schmetterlingsmücken zum Beispiel legen ihre Eier an Kotresten ab. Milben fressen an zurückgebliebenen Pflanzenteilen. Oder die Raupen von Kleidermotten ernähren sich von den Haaren, die Kohlmeisen beim Nestbau eingetragen haben. Zurückgeblieben sind einige Parasiten für die Bewohner im nächsten Jahr. Deshalb wird empfohlen, Nistkästen im Herbst zu reinigen.

Serie und Buch

Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.

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