TGefürchtete Jäger: Spinnen sind Multitalente
Die einem Speichenrad ähnelnde Konstruktion der Gartenkreuzspinne muss leicht, wasserfest, dehnbar und haltbar zugleich sein. Etwa 20 Meter Spinnenseide werden im Rad verbaut. Foto: Schaffhäuser
Egal ob Teppichseide, Netz oder Sprungseil, fast alles können Spinnen produzieren. Doch leider trägt alles das nicht dazu bei, dass sie besonders gemocht werden.
Landkreis. Spinnen bauen Netze und sind darin wahre Künstler. Sie produzieren Fäden, mit denen sie ihre Beute fangen, verkleben oder einwickeln. Auch können sie ihre Wohnräume dicht ausspinnen und tapezieren. Sie haben je nach Situation eine Lösung bei der Produktion ihrer Spinnseide bereit.
Die Alleskönner bei der Herstellung von Spinnfäden sind Kreuzspinnen. Ihre einem Speichenrad ähnelnde Konstruktion muss leicht, wasserfest, dehnbar und haltbar zugleich sein. Etwa 20 Meter Spinnenseide werden im Rad verbaut.
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Je nach Bedarf werden von den neun Spinndrüsen unterschiedlichste Fäden produziert: Feste Sicherungsfäden dienen dem Aufhängen der gesamten Konstruktion. Besonders elastische Fäden federn den Anprall der Beute ab. Klebefäden ermöglichen, dass die Beute festgehalten wird. Und dann können sie noch Fäden produzieren, die das gefangene Insekt wie ein Tuch einwickeln.
Je nach Bedarf weiß die Kreuzspinne nicht nur, wie sie spinnen und konstruieren muss, sondern auch welche chemische Zusammensetzung der benötigte Spinnfaden in diesem Moment haben soll. Blitzartig kann sie ihre Chemiefabrik in den Spinndrüsen verändern: Dann werden je nach Situation dem Faden die nötigen Aminosäuren zugesetzt.
Kein Entrinnen auf dem Baldachin
Die kleinen Baldachinspinnen arbeiten ebenfalls kunstvoll und vielfältig. Ihr Netz spannen sie mit festen Sicherungsfäden zwischen Zweigen. Darunter liegt der Baldachin. Der ist etwas ganz Besonders: Er ist fest und extrem dehnbar zugleich. Dazu werden neben elastischen Fäden auch einige Zementfäden kreuz und quer eingewebt. Arbeitszeit: meistens drei bis fünf Tage.
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Die Insekten sehen den Baldachin, aber sie erkennen nicht die zickzackartig versponnenen, super-elastischen Absturzfäden darüber. Darin verstricken sie sich und fallen auf den Baldachin. Es gibt kein Entrinnen, denn unter dem Baldachin lauert die Spinne. Damit die Beute festgesetzt werden kann, muss die Spinne ihre Beute schnell von der Oberseite des Baldachins bekommen. Der Clou: Sie durchbeißt mit ihren rasierklingenscharfen Mundwerkzeugen blitzschnell den Baldachin, um die Beute zu packen.
Nach solch einem aufwendigen Beutefang ist das Netz zum Teil zerstört und muss geflickt werden. Doch Baldachinspinnen sind wie alle Spinnen gut im Recycling: Teile der Netze werden gefressen, ihre Eiweiße im Körper umgewandelt und als neue Seide von den Spinndrüsen ausgeschieden.
Die Minimalisten sind Springspinnen
Es gibt eine Reihe von jagenden Spinnen, die keine Netze bauen. Zu solchen Minimalisten gehören die Springspinnen. Unsere heimischen Springspinnen werden nur wenige Millimeter groß. Gern jagen sie an Steinen und Mauern. Dort bespringen sie ihre Beute und beißen sich sofort an ihr fest. Geht der Sprung daneben, dann haben sie wie beim Klettern immer ihr Sicherheitsseil bei sich. Diese Seile sind extrem flexibel und haltbar zugleich.
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Nicht nur das: Es gibt Hinweise, dass sie noch kurz vor und während des Sprunges die Eigenschaften des Seils chemisch verändern und der Flug- und Landesituation anpassen können. Mit Hilfe des Sicherheitsseils ziehen sich Springspinnen wieder in die Höhe oder seilen sich an ihm ab. Und wenn es nötig ist, dann verschnaufen sie eine Weile am Seil – oder schlafen sogar an ihm.
Serie und Buch
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.
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