Zähl Pixel
Altländer Viertel

TGemeinsam stark: Sie unterstützen Kinder in Stades sozialem Brennpunkt

Birgit Post engagiert sich ehrenamtlich an der Montessori Grundschule im Altländer Viertel in Stade.

Birgit Post engagiert sich ehrenamtlich an der Montessori Grundschule im Altländer Viertel in Stade. Foto: Stehr

An der Montessori Grundschule stehen nicht nur Lehrkräfte vor großen Herausforderungen, sondern auch Ehrenamtliche wie Birgit Post oder Sozialarbeiter Jost Funck. Ein Besuch.

author
Von Lena Stehr
Dienstag, 12.05.2026, 14:08 Uhr

Stade. Dienstagmorgen, 7.30 Uhr an der Montessori Grundschule im Altländer Viertel in Stade. Schulsozialarbeiter Jost Funck steht lächelnd auf seinem Posten im Eingangsbereich. Mit seiner ruhigen Art und einem leichten bayrischen Singsang in der Stimme begrüßt er jedes Kind, das durch die Tür kommt - viele mit Handschlag. Jost Funck fragt, wie es so geht und ob alle gut geschlafen haben.

Einfach mal raus aus dem Hamsterrad

Gut möglich, dass sich bei manchen Kindern morgens schon etwas angestaut habe, weil sie noch mit niemandem gesprochen haben. Wenn die beim Ankommen in ein freundliches Gesicht blicken und Wertschätzung erfahren, wirke sich das positiv aus, sagt Jost Funck. Auf alle anderen natürlich auch.

Jost Funck arbeitet als Schulsozialarbeiter an der Montessori Grundschule in Stade.

Jost Funck arbeitet als Schulsozialarbeiter an der Montessori Grundschule in Stade. Foto: Stehr

Außerdem achtet der Schulsozialarbeiter darauf, dass alle ihre Straßenschuhe gegen die Hausschuhe tauschen. Später sitzt Jost Funck in der sogenannten Insel auf der Empore über dem Eingang. Hierher können sich die Kinder zurückziehen, wenn sie etwas auf dem Herzen haben oder einfach mal „aus dem Hamsterrad raus wollen“.

An der Montessori Grundschule läuft vieles anders als an anderen Stader Grundschulen. Das liegt auch am Standort. Die Schule selbst bezeichnet das Altländer Viertel auf ihrer Homepage als „sozialen Brennpunkt“.

Montessori-Konzept hilft im Altländer Viertel

Hier leben viele Menschen mit niedrigerem Einkommen oder Empfänger von Sozialleistungen. Mehr als die Hälfte der Einwohner sind Ausländer. Sie stammen aus etwa 20 verschiedenen Nationen mit vielen unterschiedlichen Religionen. Die große Mehrheit der Grundschülerinnen und Grundschüler sprechen Deutsch nicht als erste Sprache. Ihnen kommt das Montessori-Konzept besonders zugute.

An der Montessori Grundschule sollen vor allem die Sinne der Kinder angesprochen werden. Auch mit Spielfiguren aus Holz.

An der Montessori Grundschule sollen vor allem die Sinne der Kinder angesprochen werden. Auch mit Spielfiguren aus Holz. Foto: Stehr

Gelernt wird hier nämlich hauptsächlich über die Sinne, zum Beispiel mit Hilfe von Farbtafeln oder Zahlenstäbchen. Die Klassen sind altersgemischt, es gibt keine Noten und kaum Frontalunterricht. Stattdessen entscheiden alle Kinder zwischen 7.30 und 10.30 Uhr selbstständig, woran sie arbeiten wollen.

In der Delfinklasse sitzen Erst- und Drittklässler um kurz nach 8 Uhr an ihren Gruppentischen. Manche machen Deutschaufgaben oder rechnen. Andere malen Bilder für ein Kind, das heute Geburtstag hat. Unterstützung bekommen die Kinder dabei von gleich drei Frauen: einer Klassenlehrerin, einer pädagogischen Mitarbeiterin und einer Ehrenamtlichen.

Die pädagogische Mitarbeiterin Silke Peters unterstützt die Klassenlehrerin im Unterricht.

Die pädagogische Mitarbeiterin Silke Peters unterstützt die Klassenlehrerin im Unterricht. Foto: Stehr

Die 77-jährige Birgit Post engagiert sich seit sechs Jahren ehrenamtlich an der Montessori Grundschule. Sie hilft gerade einem zierlich wirkenden Jungen mit dunklen Haaren beim Lesen. Heute geht es um Wörter mit V. Birgit Post zeigt dem Jungen eine kleine Violine aus Holz, dann soll er das Wort auf dem Papier Buchstabe für Buchstabe entziffern. Er hat Schwierigkeiten und grinst verlegen. Birgit Post ermutigt ihn, bis er es schafft.

20 Ehrenamtliche unterstützen die Lehrkräfte

„Viele Kinder bekommen zu Hause leider nur wenig Unterstützung und sprechen schlecht Deutsch“, sagt die Staderin. Sie gehört zu einem Team von 20 Ehrenamtlichen, die mit den Kindern lesen, Gedichte üben und beim Mittagessen dabei sind.

Birgit Post ist zwei Mal in der Woche von morgens bis mittags in der Delfinklasse im Einsatz, fährt sogar mit auf Klassenfahrt. „Ich erfahre hier viel Wertschätzung, werde gebraucht und kann den Kindern Zeit schenken“, sagt die Rentnerin, die kürzlich Ur-Oma geworden ist.

Die meisten Kinder an der Montessori Grundschule in Stade haben ausländische Wurzeln.

Die meisten Kinder an der Montessori Grundschule in Stade haben ausländische Wurzeln. Foto: Stehr

Seit ihr Mann im vergangenen Jahr starb, arbeitet sie einmal in der Woche auch noch ehrenamtlich im Schulkindergarten im Altländer Viertel. „Ich habe wohl ein Helfersyndrom“, sagt Birgit Post. Früher war die gelernte Versicherungskauffrau beim medizinischen Dienst tätig. Ehrenamtliche Arbeit empfindet sie als absolut bereichernd. „Sonst dreht man sich ja nur um sich selbst und das ist nicht gut“, sagt sie.

Besonders am Herzen liegen Birgit Post benachteiligte Menschen. Sie war deshalb unter anderem auch schon in der Hamburger Bahnhofsmission tätig und hat einst die Stader Wärmestube mit aufgebaut.

Ein bisschen wie in einer anderen Welt

Dass viele Menschen Berührungsängste mit dem Altländer Viertel haben, kann sie verstehen. „Das hier ist schon ein bisschen wie in einer anderen Welt“, sagt Birgit Post. Über die Jahre habe sich die Situation weiter verschärft, ist ihr Eindruck.

Die Kinder üben gerade gemeinsam ein Lied ein. "Gemeinsam stark im Altländer Land" heißt es im Refrain.

Die Kinder üben gerade gemeinsam ein Lied ein. "Gemeinsam stark im Altländer Land" heißt es im Refrain. Foto: Stehr

Die Montessori Grundschule ist für Birgit Post gerade deswegen ein „echter Schatz“. Hier finden die Kinder eine feste Struktur, können kreativ sein sowie mit- und voneinander lernen. Seit mittlerweile 30 Jahren.

Zum runden Geburtstag studieren alle gerade ein Lied ein - natürlich auch Birgit Post und Jost Funck. „Wir lernen mit Kopf, Herz und Hand, gemeinsam stark im Altländer Land“, heißt es im Refrain.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel