TGroßenwörden II beendet ein Jahr ohne Sieg - und feiert bis in den Morgen
Erster Saisonsieg unter Flutlicht: So lange hat der TSV Großenwörden II auf diesen Moment gewartet. Foto: Scholz
Gerangel, Traumtore und ein Trainer, der alles erstmal verarbeiten muss: Großenwörden und Wischhafen liefern sich ein denkwürdiges Derby. Dann beginnt die dritte Halbzeit.
Wischhafen. Ein verletzter Spieler aus Großenwörden liegt mit seinem Tipp nur knapp daneben, auf dem Feld wird gerangelt, diskutiert, kommentiert und am Ende ist der Spielertrainer spürbar aufgewühlt. Fünf Anekdoten zum Derby:
1. Oldie beweist richtigen Riecher
25 Minuten vor dem Anpfiff steht Stefan Meyer, genannt „Puschen Werner“, in blauer TSV-Trainingsjacke am Spielfeldrand. Neben ihm seine Frau Melanie. Ausgerechnet heute fehlt der Mitte-Fünfzigjährige. „Ich habe mir das Knie bei der Arbeit angeschlagen“, sagt er.

Nur wenige Minuten bis zum Anpiff: Der TSV Großenwörden II wartet noch auf den ersten Saisonsieg. Foto: Scholz
Kribbelt’s trotzdem? „Lass mal die Jungen ran“, sagt er erst. Seine Frau grinst: „Komm, sei ehrlich.“ Schließlich gesteht Meyer: „Ja, ist schon ärgerlich.“
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Es ist das Spiel der Spiele in der 4. Kreisklasse - tiefer geht es nicht: FC Wischhafen/Dornbusch III gegen TSV Großenwörden II, Letzter gegen Vorletzter. Beide sind vor Anpfiff noch sieglos, haben jeweils zwei Punkte. Zuletzt entschied dieses Duell auch darüber, wer am Ende Letzter wird - so könnte es auch in dieser Saison sein. Immerhin: Absteigen können sie nicht.
Wischhafen/Dornbusch III - TSV Großenwörden II
Meyer tippt auf ein 3:1 für Großenwörden. Am Ende liegt er nur knapp daneben. Der TSV gewinnt überraschend deutlich mit 5:1.
2. Ein Stürmer steht am Grill statt auf dem Platz
Die Sonne steht tief über dem Elbestadion. Rund 50 Zuschauer verfolgen, wie Großenwörden schnell die Kontrolle übernimmt. Tim Lünser vergibt früh die erste Chance, Spielertrainer Lars von der Lieth räumt einen Gegenspieler robust ab - Szenenapplaus von draußen. „Das ist einer für die Erste“, ruft ein Zuschauer nach einer Rettungsaktion von Lennart Raspe.
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Großenwörden wirkt spritziger und konsequenter. Von der Lieth trifft schließlich per Freistoß aus spitzem Winkel zum 1:0, fast von der Eckfahne. Kurz vor der Pause kontern die Gäste, sein Bruder Kai von der Lieth hat nach einem Missverständnis in der Wischhafener Defensive freie Bahn, 2:0. Verteidiger und Torwart diskutieren.

Wischhafens Stürmer Nick Beckermann ist zum Zuschauen gezwungen. Foto: Scholz
In der Pause steht Wischhafens Angreifer Nick Beckermann am Grill und wendet Würste und Nackensteaks. Er wäre gerne auf dem Spielfeld, doch ein Bänderriss zwingt ihn zum Zuschauen. „Großenwörden macht das gut, was wir nicht gut machen“, sagt er. „Sie sind durchsetzungsfähiger.“
3. Immer wieder Gerangel und sehenswerte Tore
Mit Beginn der zweiten Halbzeit geht das Flutlicht an - und die Partie wird hitziger. Die Fanlager stehen hinter den jeweiligen Bänken. Es wird gerangelt, diskutiert, kommentiert.
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Als ein Großenwördener nach einem Foul lautstark zu Boden geht, ruft ein Zuschauer: „Schiri, der muss morgen noch arbeiten!“ Später hält sich Wischhafens Torwart nach einem Zusammenprall den Kopf. „Hol schon mal die Pferdesalbe!“, schallt es von draußen.

Zwischen FC-Kapitän Mats Junge (links) und Mattes Andreas gibt es immer wieder Gerangel. Foto: Scholz
Sportlich bleibt Großenwörden überlegen. Kai von der Lieth erzwingt ein Eigentor, 3:0. Danach geraten Wischhafens Kapitän Mats Junge und sein Gegenspieler Mattes Andreas bei Ecken immer wieder aneinander. Der Schiedsrichter trennt beide, doch schon beim nächsten Eckball stehen sie wieder nebeneinander, diesmal mit hinter dem Rücken verschränkten Armen. Die anschließende Ecke verwandelt Lars von der Lieth mit seinem feinen linken Fuß direkt zum 4:0.

Trotz der Rivalität: FC-Kapitän Mats Junge hilft seinem Gegenspieler Tom Elfers, der wegen Krämpfen auf dem Rasen liegt. Foto: Scholz
Wischhafen antwortet gleich danach mit einem kuriosen Treffer: Direkt vom Anstoßpunkt schießt Christoph Moje den Ball ins gegnerische Tor zum 1:4. In der 73. Minute sorgt der Großenwördener Bennet Koppelmann für den Endstand.
4. Lange Durststrecke hat ein Ende
Als der Schiedsrichter pünktlich abpfeift, wirkt der Jubel der Gäste fast vorsichtig. Mehr als ein Jahr hat Großenwörden auf diesen Moment gewartet. Genauer: Der letzte Ligasieg liegt 419 Tage zurück.

Der TSV Großenwörden zeigt einen souveränen Auftritt in Wischhafen und bejubelt fünf Treffer. Foto: Scholz
Die Spieler bilden einen Kreis, der Trainer lobt sein Team für ein „Topspiel“. Dann wird Tim Lünser plötzlich zu Boden gerissen, mehrere Mitspieler werfen sich auf ihn drauf. Fußballobmann Dirk Beckmann sagt: „Die Jungs wissen gar nicht so richtig, wie sie das feiern sollen.“
Spielertrainer Lars von der Lieth verschwindet danach in der Kabine. „Ich musste mich erstmal hinsetzen und das Ganze verarbeiten“, sagt er später, immer noch spürbar aufgewühlt und mit einem Becher Sangria in der Hand. „Vor dem Spiel musste ich hochfahren - und jetzt erst mal wieder runterkommen.“
5. Auswärtssieg im Heimatort
Besonders ist der Abend für die Brüder Lars, Kai und Sven von der Lieth allemal - sie wohnen in Wischhafen. Kai kam sogar mit dem Fahrrad zum Spiel.

Kai von der Lieth auf dem Weg zum 2:0 für Großenwörden. Foto: Scholz
„Ich kenne hier fast alle“, sagt Lars von der Lieth, der in der Jugend unter anderem in einer Spielgemeinschaft mit Wischhafen spielte. Auch Kai kennt viele Wischhafener. „Die dritte Halbzeit gehört hier einfach dazu“, sagt er lachend.
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Und die beginnt direkt nach Spielende. Vor der Gästekabine stehen Bierkästen. Eine Magnumflasche Berliner Luft wird herumgereicht. Yago von der Lieth schneidet Bio-Orangen in der Kabine und befüllt damit den Sangria-Tower. Aus den Lautsprechern läuft „Bella Napoli“, das Flutlicht geht aus.

23 Uhr: Die dritte Halbzeit ist im Gange. Wie geht es weiter? Foto: Scholz
Erst feiern beide Mannschaften für sich, später gehen die Großenwördener zu den Wischhafenern rüber. Wie es weitergeht, wissen sie um 23 Uhr selbst noch nicht. Vielleicht ziehen sie weiter in die Disco nach Heinbockel. Aber erst einmal stärken sie sich mit Nackensteak im Brötchen.
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Am nächsten Tag ist zu erfahren, dass in der Kabine weitergefeiert wurde. Einige sind gegen 2 Uhr gegangen. Bei anderen war da längst noch nicht Schluss.
Die Serie „Die Unabsteigbaren“
Der TSV Großenwörden II beendete die vergangene Saison als Letzter der untersten Spielklasse. Absteigen kann man hier nicht - und genau das macht diese Truppe so spannend. Das TAGEBLATT begleitet das Team durch die gesamte Saison. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Menschen, die die Mannschaft und den Verein prägen. Wir wollen zeigen, wie ein Dorfverein tickt, wie eine Amateurmannschaft funktioniert und warum sie trotz Niederlagen den Spaß am Kicken nicht verliert.
Die bisherigen Serienteile:
Teil 1: Das Schlusslicht in der untersten Spielklasse
Teil 2: TSV Großenwörden kassiert Mega-Klatsche
Teil 3: Der Mann mit dem goldenen Puschen
Teil 4: Tim Lünser und Großenwördens Strafenkatalog
Teil 5: Jupp Hesses Weg zu mehr Lebensfreude
Teil 6: Großenwörder Trainer - „Einer muss es ja machen“
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