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Stadtgeschichte

THistorisches Stader Haus: „Ich alter Schwede fühle mich jetzt wie neu“

Das Hinterhaus am Cosmae-Kirchhof 8 beherbergte einst Vincent Lübeck und später den Gebetsraum der Stader Juden. Heute ist Brokelmanns Geschäft im Erdgeschoss.

Das Hinterhaus am Cosmae-Kirchhof 8 beherbergte einst Vincent Lübeck und später den Gebetsraum der Stader Juden. Heute ist Brokelmanns Geschäft im Erdgeschoss. Foto: Richter

Ein historisches Haus in der Stader Altstadt hat eine wundersame Verjüngungskur erfahren. Wie es ihm damit geht, erzählt das Haus hier selbst.

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Von Anping Richter
25.07.2026, 17:50 Uhr

Stade. „Gestatten? Ich bin das Haus Nummer 26 in der Hökerstraße.“ So habe ich mich vor fünf Jahren erstmals vorgestellt. Wie Sie wissen, bin ich nicht mehr das Jüngste, und Ulf Brokelmann, mein derzeitiger Eigentümer, wollte mir eine Schönheitskur verpassen.

Ich kam als Schwede zur Welt. Stade unterstand der schwedischen Krone, als mein Erbauer, der Weinhändler Johann Lüders, anno 1669 einzog - mit seiner Frau, seinen drei kleinen Söhnen und seinem Geschäft. Er zählte damals 33 Lenze und war durch Partenreederei reich geworden.

Heutiger Eigentümer trifft auf damaligen Erbauer

Falls Sie wissen wollen, wie Johann aussah: Ulf hat sich sein Porträt an die Wand gehängt. Es wurde einst auf eine Diele gemalt und hat gut versteckt in meinem Inneren die Jahrhunderte überstanden.

Eine besondere Verbindung: Ulf Brokelmann mit einer Abbildung, die möglicherweise Johann Lüders zeigt, den Erbauer seines Hauses.

Eine besondere Verbindung: Ulf Brokelmann mit einer Abbildung, die möglicherweise Johann Lüders zeigt, den Erbauer seines Hauses. Foto: Richter

Als meine Restauratorin Inke Hansen das Bild entdeckte, sagte sie zu Ulf: „Das könnte Johann Lüders sein.“ Sie rätselten dann lange über seine „ungewöhnliche Kopfbedeckung“. Ulf als Bekleidungshändler müsste doch wissen: Kaum etwas ändert sich so schnell wie die Mode.

Das Haus in der Hökerstraße 26 heute.

Das Haus in der Hökerstraße 26 heute. Foto: Richter

Manchmal hält Ulf heimlich Zwiesprache mit Johanns Porträt. Er spürt da eine Verbindung. Zu Recht, denn sie sind sich ähnlich: Tüchtige Geschäftsleute mit Mumm in den Knochen, die ein Risiko wagen, weil sie eine Zukunftsvision haben. Ich finde das wichtig, schließlich zähle ich mein Leben nach Jahrhunderten.

Der Neubeginn nach dem großen Stadtbrand

Als schönstes Haus am Platze wurde ich einst zum Sinnbild für Stades Kraft zum Neubeginn nach dem großen Stadtbrand, der 1659 mehr als 500 Häuser zerstörte. Während Ulf bei Abbrucharbeiten mit dem Vorschlaghammer Spannungen abbaute, habe ich ihn mal über teuren Brandschutz schimpfen hören, doch mir hat das Sorgen genommen.

Fürwahr: Um mich auf Vordermann zu bringen, hat Ulf alles gegeben. Vor sechs Jahren vermeinten er und unsere Architektin Angelika Budde noch, 680.000 Europa-Taler dürften reichen. Wohlweislich behielt ich für mich, welche Überraschungen in meinen Mauern, Ziegeln und Balken auf sie warteten.

Als sie es gewahr wurden, war es zu spät. „Einmal dachte ich, nächste Woche muss ich Privatinsolvenz anmelden“, sagt Ulf. Angelika versuchte, jeden Fördertopf anzuzapfen: Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz engagierte sich, die Bingo-Stiftung auch. Der Landrat trieb beim Land Niedersachsen noch etwas auf. Und die Städtebauförderung gab dann noch einen kräftigen Nachschlag.

Meine Verjüngungskur hat am Ende allerdings mehr als zwei Millionen Europa-Taler gekostet. Ohne falsche Bescheidenheit möchte ich sagen: Das habe ich verdient. Schließlich bin ich ein exzeptioneller Geschichtenerzähler. Da wäre zum Beispiel die von dem Komponisten Vincent Lübeck, der ab 1674 in meinem Hinterhaus wohnte. Wie oft habe ich ihn seine Melodien summen hören, bevor sie zu berühmten Orgelwerken wurden!

Spanierin verliebt sich auf den ersten Blick

Sein Busenfreund, der später berühmte Orgelbauer Arp Schnitger, baute damals gerade die St.-Cosmae-Orgel. Vincent blickte aus seiner Wohnung direkt auf die Kirche.

Heute wohnt dort eine Spanierin namens Maria. Um meine Kur zu finanzieren, hat Ulf nämlich Wohnungen ausgebaut. Neben dem Geschäft im vorderen Bereich beherberge ich inzwischen fünf Parteien. Maria kümmert sich, soweit ich weiß, um die Finanzen einer Companie für flüssiges Gas und hat schon an vielen Orten der Welt gelebt. „Ich mag Häuser mit Charakter“, sagt sie.

Maria Ros Marín und ihre Westie-Hündin Uma können von ihrer Wohnung aus die Sonne hinter St. Cosmae untergehen sehen - wie ihr Vorbewohner Vincent Lübeck.

Maria Ros Marín und ihre Westie-Hündin Uma können von ihrer Wohnung aus die Sonne hinter St. Cosmae untergehen sehen - wie ihr Vorbewohner Vincent Lübeck. Foto: Richter

Kein Wunder, dass Maria sich gleich in mich verliebt hat. „Vom Schlafzimmer aus kann ich die Sonne hinter der Kirche untergehen sehen“, schwärmt sie. Ihre kleine Hündin ist übrigens mit ihr eingezogen.

Inzwischen bin ich natürlich mit allen Annehmlichkeiten der heutigen Zeit ausgestattet: Zentralheizung, makellose Badezimmer und Küchen. Und ich bin noch polyglotter geworden: Schwedisch, Französisch und Plattdeutsch kann ich schon lange, Hebräisch erlernte ich ab Mitte des 19. Jahrhunderts von der Jüdischen Gemeinde, die in meinem Hinterhaus am Cosmae-Kirchhof 8 ihren Gebetsraum hatte. Jetzt kommen Spanisch, Türkisch und Ukrainisch hinzu.

Kleine Fenster in die Haus-Historie

Angelika Budde hat dafür gesorgt, dass meine Bewohner sehen können, wie ihre Vorgänger mich gestalteten: Bewusst freigelassene Stellen im Putz zeigen alte Wandschichten, mal leuchtend grün, mal strahlend blau, meistens reich verziert. Auch ein paar Deckenmalereien sind wieder zu sehen. Lauter kleine Fenster in meine Vergangenheit.

Vögel und Ölzweige zeigt dieses Deckengemälde im Haus Hökerstraße 26.

Vögel und Ölzweige zeigt dieses Deckengemälde im Haus Hökerstraße 26.

Der Bewohner, der sich am meisten um mich kümmert, heißt Ilker Hos und ist unser Hausmeister. Seine Frau Ferai sagt, dass ich sie an das uralte Haus ihrer Großeltern in Istanbul erinnere. Die beiden sind 53 Jahre alt und erst seit sieben Monaten vermählt. Er folgte ihr nach Deutschland. So gut wie ihr Gebäck immer duftet, kann ich nur sagen: Das hätte ich auch getan.

Ferai und Hos Ilker auf dem Balkon ihrer Wohnung im Haus Hökerstraße 26.

Ferai und Hos Ilker auf dem Balkon ihrer Wohnung im Haus Hökerstraße 26. Foto: Richter

Ferai ist aber nicht Bäckerin, sondern Krankenschwester. Unter meinem Dach wohnt auch ein angehender Arzt. Im Laufe der Jahrhunderte bin ich Wohn- und Werkstatt für Menschen aller möglichen Berufe gewesen: Goldschmied, Buchdrucker, Hutmacher, Apotheker und ein Schneidermeister, Ulfs Vater Hermann Brokelmann.

Ein rauschendes Fest zum Abschluss

Durch meine Schönheitskur habe ich weitere kennengelernt: den Fassadenreiniger Otto Petigk, der 27 Farbschichten von mir entfernte. Den Statiker Holger Posse, der behauptet, dass meine Wände nur noch aus Gewohnheit standen. Dann waren da noch Stadtplaner, Denkmalschützer, Städtebauförderer, Zimmerer, Maurer, Elektriker, Klempner. Fast alle habe ich bei dem Gelage wiedergesehen, zu dem Ulf zur Feier meiner vollendeten Verjüngung einlud.

Ein Archivar war auch dabei: Robert Gahde beförderte einiges zutage, was ich fast schon vergessen hatte. Zum Beispiel, dass mein Gewölbekeller von 1450, der den großen Stadtbrand überstanden hat, früher ein Weinlager war. Ulf bewahrt dort Verpackungsmaterial und Akten auf.

Gahde hat auch Johann Lüders Testament gefunden. Seine zweite Gattin, Anna, hinterließ er gut versorgt. Anna heißt auch Ulfs Frau, und auch sie mag ich sehr. Vor zweieinhalb Jahren, in der schwierigsten Zeit meiner Sanierung, haben die beiden geheiratet. Das hat ihm Kraft gegeben.

Pest, Schietwetter und neue Zuversicht

Ulf hat ja schon einiges überstanden. Die Pest habe ich schon oft erlebt, doch als mein Umbau anfing, grassierte eine neue Pest. Jetzt gehen die Leute nicht mehr so gerne in den Laden wie früher, sondern lassen sich die Dinge lieber von Boten bringen, oft aus fernen Ländern. Seine elegante Boutique hat Ulf aus diesem Grunde aufgegeben. In mein Vorderhaus ist nun eine Firma namens Schietwetter eingezogen. Ich mag den Namen nicht so gerne, doch die Kleidung ist praktisch und kommt besonders bei Reisenden gut an.

Ulf und Anna sind aber bei mir geblieben. Jeden Tag arbeiten sie Seite an Seite im Erdgeschoss der alten Synagoge, wo sie seinen Handel mit maßgeschneiderten Cabrio-Lederjacken weiterführen. Auch Arbeitskleidung haben sie im Portfolio. Es scheint gut zu laufen. Und ich alter Schwede fühle mich jetzt wie neu - und freue mich auf die nächsten Jahrhunderte.


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