TIn der Buxtehuder Unterwelt: So sieht es im alten Bunker aus
VHS-Hausmeister Georg Lent (links) und VHS-Leiter Dr. Dirk Pohl öffnen die Stahltür zum Schutzbunker der früheren Estetal-Kaserne in Buxtehude. Foto: Sulzyc
Tief unter der Erde in Buxtehude befindet sich ein geheimer Platz: der verlassene Schutzbunker der früheren Estetal-Kaserne. So fühlt es sich darin an.
Buxtehude. Hierhin hätten sich Soldaten bei einem Atomangriff zurückgezogen: Der Schutzbunker unter der früheren Estetal-Kaserne in Buxtehude. Heute ist er ein verlassener Ort. Nur wenige Menschen haben noch Kenntnis von ihm.
Einer von ihnen ist Georg Lent (65), Hausmeister an der Volkshochschule Buxtehude (VHS). Zwei Stockwerke unter dem heutigen VHS-Gebäude und angrenzenden Grundstücken befinden sich die Schutzräume der ehemaligen Kaserne: insgesamt vier baugleiche Doppelbunker.
Regeln aus der Zeit des Kalten Kriegs: Wer den Bunker betreten möchte, muss Klopfzeichen geben. Foto: Sulzyc
Drei von ihnen seien fest verschlossen, sagt Georg Lent. In den vierten Doppelbunker gewährt die VHS Besuchern in seltenen Fällen exklusiven Zugang. Deshalb ist er teilweise von alten Neonröhren beleuchtet. Auf eigenen Wunsch haben ihn zum Beispiel Geflüchtete aus der Ukraine besichtigt. Für das TAGEBLATT öffnen Georg Lent und VHS-Leiter Dirk Pohl den Schutzraum.
„Nicht selbstständig öffnen! Klopfzeichen geben!“ steht auf dem Schild an der druckfesten Stahltür. Eine Anweisung an Soldaten aus vergangener Zeit. Wie viele Soldaten im Ernstfall die Parole gekannt hätten, bleibt ein Geheimnis. Damals war Kalter Krieg, als sich West und Ost von 1947 bis 1990 im Wettrüsten und mit Spionage bedrohten.

Ein vergilbter Zettel an der Wand verkündet in sauberer Handschrift Regeln zum Betreten des Schutzbunkers: Wer hinein will, meldet sich mit Klopfzeichen an und nennt die Parole. Foto: Sulzyc
Wann der Bunker errichtet wurde, sei nicht bekannt. „Die Bundeswehr hat alle Unterlagen mitgenommen“, sagt Georg Lent. Das macht den unterirdischen Ort noch geheimnisvoller.
Von 1957 bis 1994 nutzte die Bundeswehr die Estetal-Kaserne, die 1939 bis 1940 errichtet wurde. 1994 wurde die Garnison aufgelöst. Nach Ende der militärischen Nutzung erwarb die Stadt Buxtehude im Dezember 1994 das Gelände für damals 14 Millionen Deutsche Mark vom Bund.
Unangenehm kühl ist es tief unter der Erde
Nach dem Betreten des Bunkers fällt sofort der deutliche Temperaturunterschied auf: Kühl ist die Luft. Unter zehn Grad Celsius, schätzt Dirk Pohl die Temperatur. Ein Wohlfühlklima stellt sich nicht ein. Fingerkuppen und Nasenspitze bleiben auch am Ende des 45 Minuten langen Aufenthalts unangenehm kühl. Man meint, die Kälte des Kalten Kriges zu spüren.
In etwa 4,50 Meter Tiefe unter der Erde befindet sich der Bunker. Das Erdreich wirkt als thermische Masse, die Wärme kaum aufnimmt, sondern den Bunker kühlt. Ohne moderne Wärmedämmung leitet der Beton die kühle Bodentemperatur in den Innenraum. Mit einem Zollstock misst Georg Lent eine Innenwand aus Stahl und Beton: 62 Zentimeter dick ist sie.
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Der karge Beton hat noch eine andere unangenehme Wirkung: Bei Gesprächen hallt es gewaltig. „Man mag sich kaum vorstellen, wie laut es wäre, würde eine Band hier Musik spielen“, sagt Dirk Pohl. Ein Stockwerk über dem Bunker, im Keller der Volkshochschule, befinden sich heute zwei Übungsräume für Bands.
Klamm riecht die Luft - ähnlich wie in einem feuchten Keller. Offenbar ist der Bunker nicht absolut wasserdicht. Feuchtigkeitsschäden sind aber nicht erkennbar. Sauber wirken Boden, Wände und Decke - wie eben gerade gefegt und aufgeräumt. Dabei würde niemand den Bunker reinigen, versichert Georg Lent.

Raum im Inneren des Schutzbunkers der früheren Estetal-Kaserne. Obwohl er nicht geputzt wird, wirkt er sauber und ist frei von Staub. Früher sollen hier Feldbetten gestanden haben. Foto: Sulzyv
Beinahe leergeräumt ist der Bunker. Früher hätten hier Feldbetten in Dreierreihen gestanden, auch Stative für das Schnellfeuerwehr G3, sagt Georg Lent. Nur wenige Installationen erinnern noch an die Bundeswehrzeit: Ein Wassertank, der mit einem winzig kleinen Waschbecken in Verbindung steht, ist nicht demontiert worden. Auch ein Manometer ist noch da. Das Gerät misst den Druck von Gasen und Flüssigkeiten.

Fluoreszierende Stoffe an der Wand wirken noch heute und geben ein grünes Licht ab. Das Bild zeigt einen Manometer im Inneren des Bunkers. Ein Manometer ist ein technisches Druckmessgerät, das den Druck von Gasen oder Flüssigkeiten misst und anzeigt. Foto: Sulzyc
Eine Filterpumpe mit Kurbelbetrieb ist vorhanden. Zu kurbeln wäre im Falle einer nuklearen Katastrophe überlebenswichtig gewesen. Auf diese Weise wurde die verbrauchte Luft ins Freie und frische, gefilterte Luft in den Bunker gepumpt.
So wirkt der Aufenthalt im Bunker auf Soldaten
Aber wie lange hätten es die Insassen in dem Schutzraum überhaupt ausgehalten? Von einer 40 Stunden-Übung im Atomschutzbunker der früheren Jägerhofkaserne in Ludwigsburg berichtete ein früherer Soldat in der Stuttgarter Zeitung: Nach zwei Tagen hätten sich Aggressionen unter den Soldaten breit gemacht, erzählte er. Im Ernstfall hätten die Soldaten bis zu 14 Tage im Bunker verbracht – so lange hätten die Vorräte gereicht.
579 öffentliche Schutzräume mit rund 478.000 Plätzen gibt es aktuell noch in Deutschland. Nach Angaben des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sind diese Anlagen nicht funktions- und einsatzbereit. Der Bund hatte 2007 im Einvernehmen mit den Ländern entschieden, das Schutzbaukonzept aufzugeben und die funktionale Erhaltung der öffentlichen Schutzräume einzustellen.
VHS plant öffentliche Führung durch den Bunker
Der Bunker der früheren Estetal-Kaserne in Buxtehude spielt beim Katastrophenschutz des Landkreises Stade keine Rolle. „Die Räume haben ausgedient“, antwortete der Landkreis dem TAGEBLATT.
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