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TInnovativ: Obstbauer Jonas Cohrs setzt auf ausgediente E-Auto-Batterien

Obstbauer Jonas Cohrs aus Bliedersdorf speichert Solarstrom in gebrauchten Batterien von E-Autos.

Obstbauer Jonas Cohrs aus Bliedersdorf speichert Solarstrom in gebrauchten Batterien von E-Autos. Foto: Vasel

Obstbauer Jonas Cohrs schenkt gebrauchten E-Auto-Batterien ein zweites Leben. Mit im Boot: ein junges Startup und Künstliche Intelligenz. Ein Besuch auf dem Hof.

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Von Björn Vasel
Freitag, 27.02.2026, 17:42 Uhr

Bliedersdorf. Mitten auf dem Obsthof Cohrs steht ein alter, unscheinbarer Seecontainer. Jonas Cohrs öffnet das Schloss, dreht den Hebel der Verriegelungsstangen nach oben und klappt die Doppelflügeltür auf. Hinter der Tür verbirgt sich die Zukunft.

„Das ist unser Batteriespeicher“, sagt der junge Obstbauer. Für ihn ist es mehr als ein Solarstromspeicher. Denn die Technologie in den Schaltschränken stehe für grüne Superpower - und eine Mission: Jonas Cohrs schenkt gebrauchten Elektro-Autobatterien auf seinem Hof ein zweites Leben.

Jonas Cohrs öffnet den Seecontainer: Im Inneren steht der Solarstrom-Speicher aus gebrauchten E-Auto-Batterien.

Jonas Cohrs öffnet den Seecontainer: Im Inneren steht der Solarstrom-Speicher aus gebrauchten E-Auto-Batterien. Foto: Vasel

Der Obstbaubetrieb in Rutenbeck setzt bereits seit fast zwanzig Jahren auf Photovoltaik auf den Hallendächern, um die Energiekosten zu senken. Denn die Produktionskosten steigen stetig - laut Obstbauzentrum Esteburg in Jork-Moorende waren das in den vergangenen fünf Jahren fast 23 Prozent. Und es geht weiter: Der Mindestlohn wird zum 1. Januar 2027 um fast 14 Prozent steigen. Das bedeute Mehrkosten pro Hektar von 1000 Euro beim Apfel- und sogar von 4000 Euro bei Freilanderdbeeren. Der Lebensmitteleinzelhandel zahle trotzdem nicht mehr.

Obstbauer stieß im Internet auf ein Startup

Doch für Jonas Cohrs sind Erneuerbare Energien nicht nur eine betriebswirtschaftliche Frage. „Als Obstbauer stehe ich für Nachhaltigkeit“, betont der 32-Jährige. Klima- und Artenschutz seien für ihn „eine Selbstverständlichkeit“ - sowohl bei der Produktion als auch bei der Lagerung.

Sein Blick schweift über die Dächer der Lager-Hallen und des Hofladens. Überall sind PV-Module zu sehen. Lange hätten sie ihren Strom allein ins Netz eingespeist. Doch eigentlich wollten sie ihren Solarstrom lieber selbst im eigenen Betrieb verbrauchen. Dafür musste ein Batteriespeicher her.

Obstbauer Jonas Cohrs aus Bliedersdorf checkt den Speicher.

Obstbauer Jonas Cohrs aus Bliedersdorf checkt den Speicher. Foto: Vasel

Cohrs machte sich auf die Suche. Und in den Weiten des Internets stieß der Bliedersdorfer auf das kleine Startup Voltfang, gegründet von drei Studenten der RWTH Aachen University im Jahr 2020/2021. „Das war ein großes Wagnis“, sagt der Obstbauer. Schließlich habe er nicht wissen können, dass die Firma von David Oudsandji, Roman Alberti und Afshin Doostdar sich so erfolgreich entwickeln würde.

Das sei ähnlich wie bei neuen Apfelsorten. Doch die Entscheidung, mit Voltfang zu kooperieren, habe sich als goldrichtig erwiesen. Heute arbeiten fast 120 Mitarbeiter in dem Unternehmen. Und: Auch für die Aachener stehe Nachhaltigkeit im Fokus. Ihr Motto: retten, aufbrauchen und erst dann recyceln.

Das gilt natürlich auch für Batterien von E-Autos. Schließlich sei der Lithium-Abbau in Chile oder im Kongo mit Blick auf Umwelt und Arbeitsbedingungen problematisch, auch die Produktion der Batterien benötige viel Energie und Wasser. Mit dem Einsatz der sogenannten Second-Life-Batterien aus der Elektromobilität würden Ressourcen geschont, diese seien Bausteine einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. Der CO2-Fußabdruck wird gesenkt.

Jonas Cohrs setzt auf Second-Life-Batterien

Die E-Autobatterien verfügten in der Regel über eine Restkapazität von mindestens 80 Prozent und seien somit ideal für den Einsatz in stationären Speichersystemen. Dass das Zweite-Leben für die Voltfang-Gründer keine Floskel sei, habe ihm gefallen. „Ihnen war es sehr wichtig, dass auch die recycelten Batterien in einem gebrauchten Seecontainer stehen“, sagt Cohrs.

Blick in den Container mit dem Batteriespeicher.

Blick in den Container mit dem Batteriespeicher. Foto: Vasel

Auf die Lithium-Ionenakkus gab das Unternehmen eine Garantie von zehn Jahren. Eine von Voltfang entwickelte Software optimiere den Energieeinsatz. Akkus werden nicht voll aufgeladen, „das Batteriemanagement verlängert die Lebenszeit“. Ihr Batteriespeicher habe eine Kapazität von 133 Kilowattstunden (kWh).

Klimaschutz kann sich rechnen

Die Investition von knapp 100.000 Euro werde sich nach sieben Jahren amortisiert haben, rechnet Cohrs. Versorgungssicherheit der Lager ist ein weiterer Aspekt. „Ich mach‘ das nicht aus bloßer Ideologie, das muss sich rechnen“, sagt der Obstbauer.

Obstbauer Jonas Cohrs bringt neue Äpfel in den Hofladen, dank Solarstrom bleiben sie bis in den Sommer erntefrisch.

Obstbauer Jonas Cohrs bringt neue Äpfel in den Hofladen, dank Solarstrom bleiben sie bis in den Sommer erntefrisch. Foto: Vasel

Der Stromverbrauch auf den Höfen ist hoch. Erdbeeren und Äpfel müssen gekühlt werden. Knapp 1400 Tonnen Äpfel lagern die Bliedersdorfer im Herbst ein. Auch der Hofladen hängt mit am Eigenstrom. Hinzu kommt das Wohnhaus. In der Erntezeit leben 60 Saisonarbeitskräfte auf dem Hof. Eine große PV-Anlage (240 kWp) von Fischer Solar aus Bargstedt hängt am Speicher.
Blick auf die PV-Anlagen auf dem Obsthof Cohrs in Rutenbeck.

Blick auf die PV-Anlagen auf dem Obsthof Cohrs in Rutenbeck. Foto: Obsthof Cohrs

Insgesamt bewirtschaftet die Familie fast 50 Hektar mit Kern-, Stein- und Beerenobst sowie Weihnachtsbäumen. Allerdings variiert der Verbrauch stark. Unter dem Strich können sie 50 Prozent des Gesamtstromverbrauchs (Autarkie-Quote) selbst produzieren. Die Eigenverbrauchsquote liege bei 60 Prozent. Im Sommer produzieren die Bliedersdorfer mehr Strom als sie selbst verbrauchen und in ihren Akkus speichern können.

Für sechs Cent pro Kilowattstunde wird dieser in das Netz der Stromversorger eingespeist, garantiert durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz - kurz EEG. Das Einspeisen rechne sich nicht, so Cohrs. Entscheidend sei der Eigenverbrauch. Im Winter nutzt er eine KI und eine App. Nachts kauft er günstigen Strom an der Börse in Leipzig ein, um den Batteriespeicher aufzuladen.

Er überlege, weitere Speicher zu kaufen. PV lohne sich, Windkraft oder Blockheizkraftwerk mit Holz als Energiequelle weniger. Cohrs‘ Ziel: „Ich will unseren Autarkiegrad erhöhen.“ Wünschenswert wäre, wenn Handel und Verbraucher die Leistungen für den Klima- und Artenschutz an der Kasse honorieren würden.

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