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Wirtschaft

TIst Drochtersen als Standort geeignet? Das sagen zwei Firmen

Wähler hat seit einem Jahr einen Standort in Drochtersen.

Wähler hat seit einem Jahr einen Standort in Drochtersen. Foto: Anna-Lena Schlichting

Warum zieht es Unternehmen in die Gemeinde Drochtersen, und was hält alteingesessene Firmen dort? Ein Blick auf zwei sehr unterschiedliche Firmen gibt Antworten.

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Von Lars Wertgen
10.09.2026, 11:55 Uhr

Unternehmen

Das Familienunternehmen Jahncke wurde 1883 gegründet und produziert in Assel unter dem Namen Paradise Fruits. Es zählt zu den weltweit führenden Unternehmen der industriellen Obst- und Fruchtverarbeitung.

Die Firma Wähler ist seit 107 Jahren als Tief- und Rohrleitungsbau-Unternehmen im Elbe-Weser-Bereich tätig und am Standort Drochtersen seit einem Jahr ansässig. In Norddeutschland gibt es zwölf Standorte.

Der Wirtschaftsstandort Drochtersen in Zahlen

„Drochtersen ist kein hyper-dynamischer Wachstumsstandort, aber ein sozioökonomischer Fels in der Brandung“, sagt Henrik Gerken von der IHK Elbe Weser. Heißt: Der Standort wächst nicht außerordentlich, aber stetig - und stabiler als viele vergleichbare Gemeinden in Niedersachsen.

Die Zahlen stützen dieses Bild:

  • Die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort stiegen zwischen 2021 und 2025 um 8,8 Prozent, von 2489 auf 2709.
  • Der Anteil der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe ist mit 36 Prozent relativ hoch, im Landkreis Stade liegt er bei 28 Prozent.
  • Knapp 73 Prozent der Nachfrage verbleiben im Gemeindegebiet, sprich: Drei von vier Euro, die Einwohner ausgeben könnten, bleiben auch tatsächlich vor Ort.
  • Der Einzelhandelsumsatz wuchs leicht von circa 61,5 auf etwa 62,4 Millionen Euro.

Was Drochtersen auszeichnet

Breiter Branchenmix

Bürgermeister Mike Eckhoff führt das auf einen breiten Branchenmix zurück: Sämtliche Handwerksgewerke seien nach wie vor vertreten, dazu kämen ein starker Einzelhandel und ein wachsender Tourismus. Unternehmen wie Paradise Fruits würden zudem in vielerlei Hinsicht „eine große Rolle in der Gemeinde“ spielen, so Eckhoff: als Arbeitgeber, als Gewerbesteuerzahler und als Aushängeschilder.

Das Familienunternehmen Jahncke ist seit weit mehr als einem Jahrhundert eine wichtige Größe in der Gemeinde und hat sich weltweit etabliert.

Das Familienunternehmen Jahncke ist seit weit mehr als einem Jahrhundert eine wichtige Größe in der Gemeinde und hat sich weltweit etabliert. Foto: Jahncke

Elbe

Für beide Unternehmen spielt die Nähe zur Elbe eine wichtige Rolle, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Für Paradise Fruits zählt vor allem die kurze Distanz zu den Seehäfen Hamburg, Bremen/Bremerhaven und Wilhelmshaven. Sie erleichtert den Export und ist „ein bedeutender Standortvorteil“ für die weltweiten Lieferbeziehungen des Unternehmens, so Geschäftsführer Kurt Jahncke.

Für Wähler ist die Nähe zur Elbe eine wichtige Auftragsquelle: Industriebetriebe entlang des Flusses zählen zu den Auftraggebern, etwa Dow und AOS oder das LNG-Terminal in Bützfleth. Größtes laufendes Projekt ist derzeit die Verlegung von Starkstromleitungen auf 43 Kilometern zwischen Bremervörde und Wischhafen im Auftrag von Tennet.

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Eine Kehrseite hat der Fluss: „So wertvoll die Elbe ist, so ist sie doch auch eine natürliche Grenze für Handel und Dienstleistungen“, sagt Bürgermeister Eckhoff. Vielleicht liege die Stärke der Gemeinde gerade in dieser „Abgeschiedenheit“, so Eckhoff. Durch sie „ist es gelungen, unsere Gemeinde maßvoll weiterzuentwickeln und stabile Strukturen zu etablieren“.

In Drochtersen sieht Wähler zukünftig großes Potenzial - insbesondere wegen der Autobahnen.

In Drochtersen sieht Wähler zukünftig großes Potenzial - insbesondere wegen der Autobahnen. Foto: Anna-Lena Schlichting

Verwurzelung

Die Nähe der eigenen Mitarbeitenden zum Arbeitsort und die Nähe zu den eigenen Kunden waren für Wähler wichtige Faktoren bei der Standortwahl, so Geschäftsführer Frank von der Geest. Ausnahmslos alle Mitarbeitenden stammen demnach aus der Region, und gerade der Standort Drochtersen ziehe überdurchschnittlich viele Bewerbungen an.

Bei Paradise Fruits ist es ähnlich: „Die Region prägt unsere Unternehmenskultur sehr stark. Viele Mitarbeitende wohnen direkt im Ort oder in der Umgebung und haben hier ihren Lebensmittelpunkt. Die familiäre Atmosphäre entsteht auch dadurch, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen bereits aus der Schulzeit, aus Vereinen oder dem persönlichen Umfeld kennen“, so Jahncke. Der Erfolg des Familienunternehmens würde auf „Tradition, regionaler Verwurzelung und langjährigen Mitarbeitenden“ beruhen.

Bevölkerung

Während die Region Kehdingen insgesamt eher schrumpft, hält Drochtersen seine Bevölkerungszahl stabil, merkt Gerken an. Für ansässige Unternehmen bedeutet das ein verlässlicheres Arbeitskräftepotenzial und eine stabilere Kundenbasis vor Ort. Aber: Wie andere Grundzentren weist die Gemeinde einen Auspendlerüberschuss auf - der örtliche Arbeitsmarkt ist laut Gerken nicht groß genug, um die ansässige, erwerbsfähige Bevölkerung mit ausreichend Arbeitsplätzen zu versorgen.

Was Drochtersen fehlt

Verkehrsanbindung

„Aus rein infrastruktureller Sicht würde man sich heute vermutlich eher für ein Gewerbegebiet mit besserer Verkehrsanbindung entscheiden“, sagt Kurt Jahncke. Sowohl er als auch von der Geest nennen dabei denselben Hoffnungsträger: die A20 mit Elbquerung und die A26.

Für Jahncke würde eine bessere Anbindung Richtung Hamburg auch beim Fachkräftemangel helfen, weil Mitarbeitende aus Schleswig-Holstein oder dem Hamburger Raum dann leichter zu erreichen wären. Von der Geest rechnet sogar mit „einem gewaltigen Aufschwung über Jahre“ für die ganze Region, sollten beide Autobahnen tatsächlich gebaut werden - und nennt auch den Elbtunnel als wichtige Verbindung für den Standort.

Moderne Straßen und Brücken

Jahncke wünscht sich vor allem Fortschritte bei Straßen- und Brückensanierungen. Bürgermeister Eckhoff bestätigt das aus Verwaltungssicht: Transporte großer Bauteile seien mitunter schwierig, und die Sanierung maroder Straßen und Brücken der Landesstraße führe zu weiträumigen Umleitungen. Zuständig sind Land oder Kreis, nicht die Gemeinde.

Wenig Bürokratie

Von der Geest bezeichnet langwierige Genehmigungsverfahren, etwa bei Aufgrabe-Genehmigungen, als Herausforderung für Wähler und wünscht sich einheitlichere Abläufe in den Gemeinden. „Grundsätzlich kommen wir mit den Behörden aber gut zurecht“, so von der Geest.

Jahncke berichtet von ähnlich zeitintensiven Genehmigungsprozessen, auch wenn sie den Austausch mit der Gemeinde und den lokalen Behörden insgesamt als konstruktiv beschreibt.

Die von Wähler und Paradise Fruits genannten Probleme decken sich mit einer Standortumfrage der IHK (2019): Damals bemängelten Betriebe im Landkreis Stade insbesondere die Breitbandversorgung, die Anbindung an das Fernstraßennetz und lange Bearbeitungsdauern bei Verfahren. Bis heute treffen laut Gerken alle drei Punkte weiterhin auf Drochtersen zu.

Welche Perspektive Drochtersen hat

Beim Blick nach vorne überwiegt bei der IHK der Optimismus. „Eindeutig Rückenwind und positive wirtschaftliche Impulse“ bringe der Ausbau der A20 und A26, sagt Gerken: Wird Drochtersen zum Kreuzungspunkt zweier Autobahnen, profitieren vor allem Logistik und produzierendes Gewerbe. „Aus einem aktuellen Lagenachteil kann ein Lagevorteil werden“ - mit kürzeren Fahrzeiten, neuen Absatzmärkten und neuen Arbeitskräftepotenzialen.

Die wichtigste Maßnahme dafür: eine „frühzeitige Gewerbeflächenentwicklung mit Blick auf A20/A26“, wie Gerken es formuliert, mit der Nachbargemeinde Bremervörde als Vorbild. Konkrete Flächen sieht der Landkreis bereits vor: das gut 66 Hektar große Vorranggebiet Krautsand für hafenorientierte Anlagen und einen circa 192 Hektar großen Logistikstandort in Gauensiek, beide in Reichweite der künftigen A20 und des Autobahnkreuzes Kehdingen.

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