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TKlärungsbedarf: Wie das Wasser in Oldendorf wieder sauber wird

Ike Sobotke kennt das Klärwerk in Oldendorf seit 35 Jahren.

Ike Sobotke kennt das Klärwerk in Oldendorf seit 35 Jahren. Foto: Klempow

Die dunkle Brühe ist am Ende klares Wasser. In der Oldendorfer Kläranlage ist Hightech im Einsatz. Klärwärter Ike Sobotke erklärt, wie das Wasser wieder sauber wird - und was die winzigen Mitarbeiter dabei leisten.

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Von Grit Klempow
Donnerstag, 23.10.2025, 19:15 Uhr

Oldendorf. Das Kanalsystem: Das Wasser strömt dunkel im Schacht. Hier kommt an, was das Kanalsystem in Oldendorf einsammelt. Ob dringendes Geschäft oder mühsam gepresstes Verdauungsresultat - alles landet hier in der Kläranlage am Ortsrand. Auch Merkwürdiges. Ike Sobotke hebt das Gitter an. Ein Tennisball und ein Baseball tanzen im Strudel. „Man wundert sich immer wieder, da ist alles drin, auch was nicht rein soll“, sagt Klärwärter Sobotke.

Duft nach sauberer Wäsche aus dem Schacht

Oldendorf ist über Freigefälle, Hagenah und Heinbockel sind über eine Druckrohrleitung angeschlossen. Bei den einen läuft’s, bei den anderen muss gepumpt werden. Sobotke und seine Kollegen sorgen dafür, dass das Abwasser am Ende so sauber wie möglich ist. Nicht nur sauber, sondern rein - zumindest riecht es aus dem Schacht so. Es duftet nach Waschmittel. Sobotke grinst. „Es gibt Tage, da denkt man, es ist bloßes Waschwasser.“

Das Belebungsbecken ist Fertigungshalle, Kantine und Wellnessbereich für die Millionen Mitarbeiter - die Bakterien.

Das Belebungsbecken ist Fertigungshalle, Kantine und Wellnessbereich für die Millionen Mitarbeiter - die Bakterien. Foto: Klempow

Die Oldendorfer und die Gräpeler Kläranlage werden über eine Unternehmenssparte des Trinkwasserverbands Stader Land betrieben. Die Gräpeler ist auf 1800, die Oldendorfer Anlage auf 4400 Einwohnergleichwerte ausgelegt - also für die Menge an Abwasser, die bei 4400 Einwohnern rechnerisch anfällt. Sie ist ausgelastet und läuft damit auch gut.

Erste Station: Der Feinrechen. Im kleinen Häuschen müffelt es ein bisschen. Hier kämmt der Feinrechen heraus, was nicht ins Abwasser gehört. Das Wasser läuft in einen Behälter, den belüfteten Sandfang. Sand, Fett, Haare, Feuchttuch-Klumpen - all das herausgekämmte Zeug landet ebenso wie die Bälle in einem separaten Plastiksack. Etwa zehn Tage dauert es, bis der Big-Bag voll ist. Ein Entsorgungsunternehmen holt den Sack ab, der Inhalt wird als Sondermüll verbrannt.

Zweite Station: Das Belebungsbecken. Das gesiebte Abwasser läuft unterirdisch in ein fünf Meter tiefes Becken. Das ist immer bis zum Rand gefüllt. Ein Steg mit Geländern führt bis in die Mitte. Ein Rührwerk sorgt am Boden andauernd für Bewegung. Das dunkle Wasser beginnt zu sprudeln. Der Belüfter arbeitet. Luftblasen steigen an die Oberfläche.

Im Belebungsbecken brodelt es.

Im Belebungsbecken brodelt es. Foto: Klempow

„Da ist jetzt richtig Action“, sagt Ike Sobotke. So soll es sein. Die Bakterien brauchen Luft. „Jetzt wird gerade Ammonium abgebaut, Nitrat entsteht“, erklärt er. Nitrat? Klingt auch nicht gut. Aber auch darum kümmern sich Bakterien. Fehlt es an Sauerstoff, bauen sie Nitrat und Nitrit zu Stickstoff und Sauerstoff um. „Das ist die Denitrifikationsphase“, sagt Sobotke. Der Ab- und Umbauprozess der Inhaltsstoffe durch unterschiedliche Bakterien ist ein stetiger Wechsel im Belebungsbecken. Andere Mikroorganismen wie Pilze helfen bei der Flockenbildung - in der braunen Brühe tobt das winzige Leben. In nur einem Tropfen wimmelt es von Bakterien oder Mehrzellern wie Glocken- oder Wimperntierchen, die nur unter dem Mikroskop zu erkennen sind.

Sonden messen Ammonium, Nitrat und Phosphat

Ob Sauerstoff gebraucht wird oder nicht, melden Messsonden aus dem Wasser an eine Software, die den Betrieb im Becken regelt. Die Sonden messen außerdem Ammonium, Nitrat und Phosphat. Die Mikroorganismen sind die wichtigsten Mitarbeiter. Ihre Zahl dürfte in die Billionen gehen. „Ohne sie hätten wir hier nur Modder“, sagt Sobotke mit Blick auf das Becken.

Sonden im Belebungsbecken messen ständig die Werte des Abwassers wie zum Beispiel Nitrit.

Sonden im Belebungsbecken messen ständig die Werte des Abwassers wie zum Beispiel Nitrit.

Seit 35 Jahren arbeitet er hier und liebt seinen Arbeitsplatz. „Mir hätte nichts Besseres passieren können.“ Zumal es nur vereinzelt mal ein bisschen müffelt. Aber gar nicht an den Klärbecken.

Ausgefeilte Technik und Chemie

Über die Jahre hat sich viel getan. Menschen gehen verantwortungsvoller mit der Ressource Wasser um. Es gibt strengere Grenzwerte und ausgefeiltere Technik. Die Oldendorfer Anlage ist laufend modernisiert worden. Tägliche Kontrollen und Proben gehören zum Geschäft, auch, um die Funktion der Sonden zu überprüfen. Der Landkreis überwacht die Kläranlage und prüft, ob die Grenzwerte eingehalten werden.

Am Bildschirm ruft sich Klärwärter Ike Sobotke die Messdaten auf. Die ständige Kontrolle ist tägliches Geschäft in der Kläranlage.

Am Bildschirm ruft sich Klärwärter Ike Sobotke die Messdaten auf. Die ständige Kontrolle ist tägliches Geschäft in der Kläranlage.

Die Abwasserbehandlung ist auch eine Frage der Chemie: In der Kläranlage wird Eisen-III-Chlorid zugesetzt. Das trennt Phosphat aus dem Wasser und bildet Flocken, die dann entfernt werden können. Bei den Druckrohrleitungen aus Hagenah und Heinbockel wird Eisen-II-Chlorid über eine Dosieranlage zugetröpfelt. Damit wird der aggressive Schwefelwasserstoff (Faulgas) in Schach gehalten, der sogar Beton angreift.

Dritte Station: Das Nachklärbecken. Hier trennen sich die Wege von Schlamm und Wasser. Unterirdisch kommt das Wasser aus dem Belebungsbecken im Nachklärbecken an.

Das Nachklärbecken: Der Schlamm setzt sich unten ab, das klare Wasser fließt in die Überlaufrinne.

Das Nachklärbecken: Der Schlamm setzt sich unten ab, das klare Wasser fließt in die Überlaufrinne. Foto: Klempow

Eine Pumpe saugt die Oberfläche sauber. Das klare Wasser fließt von der Beckenoberfläche durch eine letzte Barriere in die Überlaufrinne.

In der mittleren Überlaufrinne ist das Wasser klar, die festen Bestandteile sind herausgefiltert, Schadstoffe möglichst abgebaut.

In der mittleren Überlaufrinne ist das Wasser klar, die festen Bestandteile sind herausgefiltert, Schadstoffe möglichst abgebaut. Foto: Klempow

Schlammschieber im Schneckentempo

Der Schlamm setzt sich am Boden ab. Im Schneckentempo, Zentimeter für Zentimeter, dreht sich ein Querträger wie ein Uhrzeiger.

Daran befestigt sind zwei „Kuchenschaber“. Sie schieben den abgesetzten Schlamm am Boden zum Abfluss in der Mitte des Beckens. Eine Schnecke transportiert den Schlamm wieder eine Etage höher. Ein Teil wird zurückgeführt ins Belebungsbecken - auch um die wichtigen Mitarbeiter, die Bakterien „im Betrieb“ zu halten, der andere fließt Richtung Schlamm-Entwässerung.

Das Ende des Schlamms: Zwei Havariebecken gibt es für den Notfall. Ein paar Meter weiter arbeitet „das Herzstück der Schlamm-Entwässerung“, so Sobotke. Die Zentrifuge ähnelt einer liegenden Wäscheschleuder. Der Schlamm wird hineingepumpt, Polymere werden zugesetzt - dadurch trennen sich Schlamm und Trübwasser.

Wie eine liegende Wäscheschleuder sieht die Zentrifuge aus, in der sich Schlamm und Trübwasser trennen.

Wie eine liegende Wäscheschleuder sieht die Zentrifuge aus, in der sich Schlamm und Trübwasser trennen. Foto: Klempow

Wie trockener, dunkler Sand fällt auf einen überdachten Haufen, was kurz zuvor noch Schlamm war und später abtransportiert und verbrannt wird. Das restliche Trübwasser wird zurück in die Kläranlage gepumpt.

Entwässert und gepresst krümelt der Klärschlamm wie trockener, dunkler Sand auf einen Haufen. Der Schlamm wird durch ein Entsorgungsunternehmen abgeholt und als Sondermüll verbrannt.

Entwässert und gepresst krümelt der Klärschlamm wie trockener, dunkler Sand auf einen Haufen. Der Schlamm wird durch ein Entsorgungsunternehmen abgeholt und als Sondermüll verbrannt. Foto: Klempow

Zurück in den Bach: Das klare Wasser aus der Überlaufrinne des Nachklärbeckens fließt über Rohre Richtung Auslaufschieber. Der regelt, dass die richtige Menge geklärten Wassers in die Umwelt fließt. Zurzeit sind es knapp über sechs Liter pro Sekunde. Vor dem Gelände der Kläranlage ragt ein Rohr in den Oldendorfer Bach. Das geklärte Wasser plätschert in den Graben, fließt von dort in den Himmelpfortener Mühlenbach und weiter in die Oste.

Das geklärte Wasser plätschert in den Oldendorfer Bach, knapp über sechs Liter in der Sekunde fließen zurück in den Wasserkreislauf.

Das geklärte Wasser plätschert in den Oldendorfer Bach, knapp über sechs Liter in der Sekunde fließen zurück in den Wasserkreislauf. Foto: Klempow

Die weiteren zentralen Kläranlagen im Landkreis leiten das geklärte Wasser in folgende Gewässer ein:

  • Gräpel in die Oste
  • Fredenbeck in den Fredenbecker Mühlenbach
  • Harsefeld und Bockholt in die Aue
  • Wischhafen in die Wischhafener Süderelbe
  • Drochtersen ins Gauensieker Schleusenfleth
  • Stade in die Schwinge
  • Wetterndorf in die Lühesander Süderelbe
Die Karte zeigt die Lage der zentralen Kläranlagen im Landkreis Stade. Sie leiten das geklärte Abwasser in Bäche und Flüsse ein.

Die Karte zeigt die Lage der zentralen Kläranlagen im Landkreis Stade. Sie leiten das geklärte Abwasser in Bäche und Flüsse ein. Foto: Landkreis Stade

Alle Kläranlagen werden durch die Untere Wasserbehörde des Landkreises regelmäßig kontrolliert, entweder vier Mal pro Jahr oder bei entsprechender Größe öfter: Stade zwei Mal im Monat, Fredenbeck, Harsefeld und Wetterndorf durchschnittlich ein Mal pro Monat. Die industrielle Kläranlage der Dow leitet in die Elbe ein und wird vom NLWKN überwacht.

Ike Sobotke kennt das Klärwerk in Oldendorf seit 35 Jahren.

Ike Sobotke kennt das Klärwerk in Oldendorf seit 35 Jahren. Foto: Klempow

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