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AKW-Rückbau

TKlein, aber laut: Die Abrissbirne kreist am Stader Kernkraftwerk

Mitarbeiter der am Rückbau beteiligten Firmen verfolgen das Spektakel am Dienstagmittag. Jetzt geht es der weithin sichtbaren AKW-Betonkuppel an den Kragen.

Mitarbeiter der am Rückbau beteiligten Firmen verfolgen das Spektakel am Dienstagmittag. Jetzt geht es der weithin sichtbaren AKW-Betonkuppel an den Kragen. Foto: Strüning

Lange wurde dieser Moment vorbereitet: Ein Abrissbagger macht sich seit Dienstag am Reaktorgebäude des ehemaligen Kernkraftwerks Stade zu schaffen. So läuft der Abriss.

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Von Lars Strüning
Dienstag, 31.03.2026, 18:00 Uhr

Stade. Die kleine Kugel verschwindet fast vor der imposanten Silhouette der Betonkuppel an der Elbe in Bassenfleth. Immer wieder lässt Baggerfahrer Bodo Freimuth junior den fast vier Tonnen schweren Ball aus Stahl an der langen Leine des Seilbaggers gegen die Betonwand knallen.

100.000 Schläge machen Außenhaut des AKW mürbe

Kugeln nennt sich diese Abrisstechnik, die ihre Zeit braucht, aber zum Erfolg führt. Ihre Aufgabe: Die äußere Hülle des ehemaligen Atomreaktors mürbe zu schlagen - mit mehreren 100.000 Schlägen. Wenn die Kugel aufs Beton schmettert, donnert es aus dem Inneren des über Jahre freigeräumten und von Radioaktivität freigemessenen Gebäudes zurück.

Mit Schwung saust die Abrissbirne, eine fast vier Tonnen schwere Stahlkugel, gegen die Betonwand des Reaktorgebäudes, die sich langsam auflöst.

Mit Schwung saust die Abrissbirne, eine fast vier Tonnen schwere Stahlkugel, gegen die Betonwand des Reaktorgebäudes, die sich langsam auflöst. Foto: Strüning

„Wir können nicht versprechen, dass diese Aktion geräuschlos über die Bühne geht“, sagt PreussenElektra-Geschäftsführer Michael Bongartz, der extra zu diesem Termin nach Stade gereist ist. Die ständigen Schläge sind nicht nur hörbar, ihre Wucht hat auch sichtbare Folgen.

Die äußere Schicht bröckelt ab, Stahlgewirr kommt zum Vorschein. Insgesamt ist die Außenhaut 60 Zentimeter dick, im unteren Bereich etwa 80 Zentimeter. Später werden vom Abrissunternehmen Freimuth aus Bülkau (Landkreis Cuxhaven) noch Hydraulikscheren eingesetzt, die sich durch den Stahlbeton und später durch die Stahlschicht beißen. Die Kuppel hat einen Durchmesser von 52 Metern.

Gut 30.000 Tonnen Beton fallen beim Abriss an

20.000 bis 25.000 Tonnen Beton werden so kleingemacht. Dazu kommen noch einmal etwa 10.000 Tonnen, die im Boden liegen. Ist die Betonhaut abgepult, kommt der Sicherheitsbehälter, eine Stahlkugel, ans Tageslicht. Freimuth greift dann auf seinen 180-Tonnen-Seilbagger mit einem 112 Meter langen Ausleger zurück, um die nächste Schicht zu zerlegen.

Der 31. März war aber nicht nur ein Tag der Technik, sondern auch der Emotionen. Die verbliebenen Kolleginnen und Kollegen der PreussenElektra und die der Fremdfirmen verfolgten das Spektakel mit der klein wirkenden Stahlkugel. Es schien so, als zuckten sie bei jedem Donnerschlag, der ihre alte Arbeitsstätte traf, innerlich zusammen.

„Das hier heute ist ein ultimativer Meilenstein beim Reaktorrückbau“, sagt Standortleiter Marco Albers. Mit immensem Aufwand wurde dieser Tag über Jahre vorbereitet, für den extra eine Genehmigung des Niedersächsischen Umweltministeriums vorliegen muss. „Heute ist ein symbolträchtiger Tag“, sagte auch sein Chef Bongartz.

Keine Radioaktivität und 1300 unfallfreie Tage

Das innen völlig leere Gebäude ist demnach freigemessen, also ohne Radioaktivität, und darf abgerissen werden. Hinter Albers und seinen Kollegen liegen 1300 unfallfreie Tage. Eine stolze Zahl angesichts der komplexen Aufgaben und der fehlenden Erfahrungen.

Stade ist wohl weltweit der erste Druckwasserreaktor, der auf diese Weise zerlegt wird. „Mit der Freigabe des Sicherheitsbehälters ist uns in diesem First-of-a-kind-Projekt ein branchenweit anerkannter Meilenstein gelungen, der richtungsweisend für kommende Rückbauprojekte sein wird“, sagte Hans Georg Willschütz, Fachbereichsleiter Rückbau in Stade.

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Seit 2022 wurden dafür über 12.000 Quadratmeter Oberfläche untersucht, Hunderte Messreihen durchgeführt und mehr als 500 Proben ausgewertet und unabhängig bestätigt. Die Rückbauarbeiten dauern seit 2005 an. Im Juli 2003 war der Reaktor vom Netz genommen worden. Geplant ist, das Reaktorgebäude bis Ende dieses Jahres vollständig zurückzubauen.

AKW-Rückbau - ein Projekt mit riesigem Aufwand

Zur Vorbereitung auf den Abbruch erfolgte ab Mai 2025 zunächst eine umfangreiche Schadstoffsanierung des Hilfsanlagen- und des Reaktorgebäudes und des darin befindlichen Sicherheitsbehälters. Ein Fassadengerüst wurde aufgebaut mit Treppentürmen und Aufzügen.

Die erste Phase des Gebäuderückbaus wurde bereits im Frühjahr 2024 abgeschlossen. Sie umfasste den Abriss von 17 Gebäuden mit rund 177.000 Kubikmeter umbautem Raum – darunter das Verwaltungsgebäude, die Werkstatt und das Betriebsgebäude, das Notstromdieselgebäude, das Schaltanlagengebäude und zuletzt das Maschinenhaus.

Stade bleibt Energiestandort - auch ohne AKW

Die Entlassung des Standorts aus der atomrechtlichen Überwachung ist für Herbst 2027 vorgesehen. Das Kernkraftwerk Stade wird damit der erste kommerziell genutzte Druckwasserreaktor Deutschlands sein, der vollständig zurückgebaut ist. Und dann?

Geschäftsführer Michael Bongartz lässt sich noch nicht in die Karten gucken. Mehrere Optionen im Bereich der Energiewirtschaft wie Speicheranlagen sind denkbar. Eines jedoch nicht: „Der Neubau eines Kernkraftwerkes ist für PreussenElektra kein Thema.“

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