T„Kleines Wunder“ von Wiepenkathen: Manuel Detje ist wieder Leistungsträger
Manuel Detje (links) geht wieder voran und will mit Spitzenreiter Wiepenkathen den sofortigen Wiederaufstieg schaffen. Foto: Struwe (Archiv)
Es war wie ein Weihnachtsmärchen. Manuel Detje durfte an Heiligabend 2024 früher aus der Reha zu seiner Familie. Er hätte zuvor sterben können. Nun spielt er wieder Fußball.
Wiepenkathen. Es passierte Anfang November 2024. Bezirksliga-Aufsteiger TSV Wiepenkathen hatte mit Geversdorf einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf zu Gast. Es stand 2:2. Die Nachspielzeit lief. Manuel Detje wurde im Strafraum gefoult. Der vermeintliche Elfmeter blieb dem TSV verwehrt.
„Nach dem Abpfiff habe ich mich dann über den Schiedsrichter aufgeregt“, sagt Detje. Und plötzlich, aus dem Nichts, hatte er Atemnot und starke Brustbeschwerden. „Ich krümmte mich vor Schmerzen.“
Teamkollegen stützten ihn. Die Anzeichen waren offensichtlich. Die Wiepenkathener alarmierten sofort den Rettungswagen.
Von Stade nach Harburg zur Not-OP
Für Manuel Detje ging alles ganz schnell. „Da war keine Zeit zum Nachdenken“, erinnert er sich. Im Krankenhaus waren die Maßnahmen schnell eingeleitet und die Ergebnisse schnell da. Seine Blutwerte waren auffällig, die Computertomografie (CT) brachte Gewissheit.
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Manuel Detje hatte ein Aortenaneurysma. „Eine Ausdehnung an der Hauptschlagader“, beschreibt es Detje, „und die war gerissen.“ Es brauchte Experten. Per Nottransport ging es sofort nach Harburg. „Dort war die Not-OP schon vorbereitet“, sagt Detje, „ich kam praktisch in voller Fußballermontur auf den OP-Tisch.“
Sechs Stunden dauerte die Operation. Das Aneurysma wurde entfernt und eine Prothese zur Stabilisierung der Ader eingesetzt. „Das Erste, woran ich mich wieder erinnere, ist, dass meine Frau irgendwann neben mir saß“, erzählt Detje. Er war an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen - und völlig kraftlos.
Es ist für ihn nur schwer zu begreifen
Kraftlos blieb er noch wochenlang. Die Ärzte sagten ihm, das brauche Zeit, er müsse Geduld haben. „Man fängt bei null an“, sagt Detje, jede Bewegung tat weh.
Anfang Dezember begann die Reha. Er war im dritten Stock stationiert. Er sollte sich bewegen, jeden Gang nutzen. „Im ersten Stock war ich schon schweißgebadet“, sagt Detje. Der körperliche Prozess war die eine Sache, die mentale Prozedur eine weitere Herausforderung.
„Natürlich fragt man sich, warum das passiert ist“, sagt Detje. Er hat immer viel Sport gemacht, Fußball- wie auch Fitnesstraining, er hat sich gesund ernährt. „Eigentlich entsteht so ein Aneurysma durch Bluthochdruck“, sagt Detje. Er habe aber nie Symptome gehabt, hat sich daher auch nie untersuchen lassen.
Als Leistungsträger nie schwer verletzt
Manuel Detje ist einer der bekanntesten Fußballer im Landkreis Stade. Und so robust seine Statur ist, so stark waren stets seine Leistungen als Mittelfeldstratege wie Leistungsträger. Und das nun über fast zwei Jahrzehnte. Ohne ernsthafte Verletzungen.
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Der heute 36-Jährige wurde noch vor den Zeiten des JFV A/O/H und heutigen A/O/B/H/H mit den A-Junioren von A/O Meister in der Niedersachsenliga. Er erlebte in seinem ersten Herrenjahr den Oberliga-Aufstieg mit. Im Folgejahr stieg A/O nur ab, weil die beiden Niedersachsenligen 2010 zusammengeführt wurden. „Oberliga, Pokalsieg - die Zeit unter Hartmut Mattfeldt (zehn Jahre A/O-Trainer bis 2015; Anm. d. Red.) war überragend“, fasst es Detje zusammen.
Er selbst wechselte 2015 zum Buxtehuder SV in die Hamburger Oberliga. „Unsere Rückrunde war überragend“, zählt Detje ein weiteres Highlight seiner Laufbahn auf. Der BSV galt zur Winterpause als feststehender Absteiger, rangierte aber in der Rückrundentabelle in den Top 5 und rettete sich so auf den ersten Nichtabstiegsplatz. In der Folgesaison stieg der BSV dann ab.
Der Ehrgeiz bleibt auch in unterer Klasse
Detje wechselte zum Landesligisten TuS Harsefeld. „Das war eine geile Truppe“, sagt Detje, „wir haben aber insgesamt unser Potenzial nicht voll ausschöpfen können.“
Nach sieben Jahren beim TuS und mit Mitte 30 wechselte der Familienvater vor der vergangenen Saison zum Bezirksliga-Aufsteiger TSV Wiepenkathen. Für den Verein eine echte Verstärkung.

Manuel Detje (links) war in dieser Saison schon neun Mal Torschütze. Foto: FuPa/Austrian Ben
„Ich wollte eigentlich kürzertreten“, sagt Detje. Er musste aber schnell erkennen, „dass ich dafür nicht der Typ bin“. Der Ehrgeiz war ungebrochen. Und dann kam der Zusammenbruch. Ohne Vorwarnung. „Das ist schwer zu verstehen“, sagt Detje.
Die Familie und seine Frau geben ihm Kraft
Weihnachten 2024 durfte Manuel Detje ein paar Tage früher als geplant die Reha verlassen und die Festtage mit seiner Familie verbringen. „Ich war einfach froh, Heiligabend nach Hause zu können.“
Er war aber noch lange nicht wieder der Alte. Bei der Operation wurde sein Brustkorb geöffnet. „Ich habe eine Narbe vom Hals bis zum unteren Brustbein“, sagt Detje. Elf Wochen konnte er nichts heben. „Auch das ist schwer mit zwei kleinen Kindern, wenn man mit ihnen nicht so spielen kann wie vorher“, beschreibt er diese Zeit.
Doch die Familie war wieder um ihn herum und für ihn da. Die Eltern seiner Frau wohnen gleich nebenan, sie konnten so auch vermehrt die Kinder übernehmen. Seine Frau, die im Krankenhauslabor arbeitet, war voll für ihn da. „Es war bemerkenswert, wie sie sich in mich hineinversetzt hat, wie ruhig und fürsorglich sie war“, erzählt Detje.
Nach fünf Monaten arbeitet er wieder - und denkt an Fußball
Um die nötige Bewegung zu bekommen, besuchte Detje in der Wintervorbereitung auch ab und zu das Hallentraining seiner Mannschaft. Blass und erschöpft schaute er dann seinen Kollegen beim Kicken zu. Trainer Nils Zielesniak hätte zu diesem Zeitpunkt niemals gedacht, dass „sein Unterschiedsspieler“ noch einmal auf dem Platz stehen würde.
Gute fünf Monate dauerte die Regeneration, bis er sich mit ausgeheiltem Brustkorb auch wieder mehr belasten konnte. Im April begann Detje, der in Schicht arbeitet, wieder im Job. Die Ärzte sagten ihm, dass er eigentlich alles wieder so machen könne wie vorher.

Manuel Detje schmeißt sich wieder in jeden Zweikampf. Ganz am Anfang dachte er noch an die Narbe bei einer Brustannahme. Foto: FuPa/Schmietow
Detje wollte auch wieder Fußball spielen. „Als er dann vor uns stand und sagte, er will wieder trainieren, war das wie ein kleines Wunder“, beschreibt Zielesniak seine Gefühlslage. Ein halbes Jahr zuvor hatte er noch einen „Schock“ verarbeiten müssen.
Er ist wieder Leistungsträger, aber die Narbe bleibt
Detje bestritt dann sogar noch die letzten beiden Ligaspiele im Mai. Nach seiner Einwechslung im vorletzten Spiel spielte er im letzten durch. In der aktuellen Saison ist Detje mit neun Toren in 15 Spielen wieder Leistungsträger.
Der Fußballer sagt, dass es „bitter“ war, dass Wiepenkathen absteigen musste. Auch, dass er nicht helfen konnte. Der Fußballer sagt auch: „Ich hoffe, dass es jetzt wieder direkt hochgeht.“ Der TSV Wiepenkathen überwintert auf Platz eins der Kreisliga.
Ob er aber auch in der kommenden Saison, dann mit 37 Jahren, weiterspielt, wisse er jetzt noch nicht. „Ich warte ab, wie es sich anfühlt. Und ich werde das mit meiner Frau besprechen“, sagt Detje. Rhetorisch fragt er zugleich, was man stattdessen machen würde, schließlich könne man mit dem Team und beim Training gut abschalten.
Die Ärzte sagen, die Prothese sollte halten und er kann sich belasten wie vor dem Aneurysma. „Ganz aus dem Kopf kriegt man das aber nicht“, sagt Detje, dafür kam das „zu plötzlich und zu krass“. Und er wird täglich daran erinnert, wenn er seine Narbe sieht und wenn er Blutverdünner und Blutdrucksenker einnimmt.
Und doch ist er dieses Weihnachten wieder der Alte. Manuel Detje ist zurück im normalen Leben und auf dem Fußballplatz.
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