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Geschichte

TKultdolche: Archäologen legen Sensationsfunde im Sand von Kutenholz frei

Archäologe Tobias Mörtz von der Uni Hamburg legt mit dem Studenten Dante Pellemeier eine Feuerstelle frei.

Archäologe Tobias Mörtz von der Uni Hamburg legt mit dem Studenten Dante Pellemeier eine Feuerstelle frei. Foto: Vasel

Kreisarchäologe Daniel Nösler schwärmt von den Kutenholzer Kultdolchen. Sie spielen in einer Liga mit der Himmelsscheibe von Nebra. Jetzt geht die Grabung am Fundort weiter.

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Von Björn Vasel
Dienstag, 24.03.2026, 22:02 Uhr

Kutenholz. Gemeinsam versetzen sich Professor Dr. Tobias Mörtz von der Universität Hamburg und Kreisarchäologe Daniel Nösler auf der höchsten Erhebung von Kutenholz Tausende Jahre zurück in die Vergangenheit: Die Sonne ist untergegangen. Vor ihren Augen ziehen die Menschen aus der Umgebung vor 4000 Jahren in einer langen Prozession auf den Heiligen Berg - vorbei an mächtigen Grabhügeln.

Die Archäologen haben die Funde mit weiteren Funden von 2017 zusammengesetzt, hier einer der beiden Dolche. Lediglich der Griff fehlt.

Die Archäologen haben die Funde mit weiteren Funden von 2017 zusammengesetzt, hier einer der beiden Dolche. Lediglich der Griff fehlt. Foto: Universität Hamburg

Gemeinsam wollen die Menschen in dieser Nacht ihren Göttern ein Opfer darbringen. Vor dem Einbruch der Nacht haben sie unzählige Feuer in den Steinsetzungen rund um ihren Kultplatz entfacht. Dieser liegt inmitten einer Heidelandschaft.

Außergewöhnliche Kultdolche aus Arsenbronze

Dann beginnen ihre Priesterin und ihr Häuptling mit rituellen Handlungen. Am Ende stecken sie zwei wunderschöne, mit einem stilisierten Wolfszahn verzierte Bronzedolche senkrecht in die Erde. Ein Raunen geht durch die Menge.

Der Schein der Flammen aus den steinernen Feuerstellen spiegelt sich auf den 40 Zentimeter langen Dolchen aus Arsenbronze. Viele von ihnen haben Bronzewaffen noch nie mit ihren Händen berührt. Denn in der Übergangszeit zwischen der späten Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit besitzen die meisten lediglich Flintdolche aus Feuerstein.

Bronzezeit: Alltagswerkzeug aus Feuerstein.

Bronzezeit: Alltagswerkzeug aus Feuerstein. Foto: Vasel

Nach und nach leert sich in der Nacht der Kultplatz. Die Menschen kehren vor Anbruch des Tages auf ihre Höfe zurück. Sie leben insbesondere von Ackerbau und Viehzucht, sie bauen Getreide wie Emmer, Dinkel und Gerste an. Einen Großteil der Wälder haben sie längst abgeholzt, Rodung und Beweidung führten zu einer Verheidung der Landschaft rings um den Heiligen Berg.

Ausgrabung auf dem Heiligen Berg von Kutenholz

4000 Jahre später steht Professor Dr. Tobias Mörtz vom Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie an der Universität Hamburg mit seinem Kollegen Daniel Nösler und Sondengänger Frank Hoferichter wieder an der Stelle. Vor einem Jahr haben sie bereits einen Teil des Ackers untersucht. Jetzt graben sich Mörtz‘ Studenten mit dem Team der AG Archäologie aus Stade mit Schaufel und Kelle bei Wind und Wetter immer tiefer in die Bronzezeit - auf einer fast zwei Hektar großen Fläche an der Schulstraße (L123). Auf dem Grundstück soll ab dem kommenden Jahr die neue Grundschule errichtet werden.

Bronzezeit: Kreisarchäologe Daniel Nösler hält Fragmente der Kultdolche in seiner Hand.

Bronzezeit: Kreisarchäologe Daniel Nösler hält Fragmente der Kultdolche in seiner Hand. Foto: Vasel

Vor Beginn der zweiten Grabungskampagne - gefördert von der Bingo Umweltlotterie - hatte der örtliche Sondengänger Frank Hoferichter „wieder sagenhaftes Glück“. Er hatte bereits 2017 mit seinem Metalldetektor die Oberteile der beiden Kultdolche entdeckt - fortgerissen beim Pflügen. Die Hamburger stießen im Jahr 2025 auf die beiden senkrecht im Boden steckenden Klingen.

Deponierung von Waffen und Wagenrädern war Kult

Lediglich die beiden Griffe, aus Metall oder metallummanteltem Holz, fehlen noch. „Es kann sein, dass sie vor der Opferung unbrauchbar gemacht worden sind“, sagt Melike Fidan, sie sich in ihrer Bachelorarbeit mit den Funden beschäftigt hat. Aktuell, so Mörtz, gehe er davon aus, dass sie komplett in den Boden gerammt wurden - als kultische Gabe an übermenschliche Wesen (Götter) oder aus ideologischen Gründen, etwa zur Machtdemonstration oder Abgrenzung von anderen Gruppen. An vielen Orten, vor allem in Mooren und an Gewässern, legten sie damals Depots an und legten Beile, Kupferbarren und Wagenräder nieder.

Wissenschaftler sind dem Schmied der Dolche auf der Spur

Erste Untersuchungen zeigten, dass es sich um Dolche aus Arsenbronze handelt - aus Kupfer und Arsen. Vor der späteren Verbreitung von Zinnbronze wurde dieses zur Herstellung harter Waffen und Werkzeuge genutzt, erklärt Fidan. Das Arsen verbesserte die Gießeigenschaften und machte das Metall deutlich härter als das reine Kupfer. Ob der Stabdolch-Schmied wie der lahme Schmiedegott Hephaistos an einer chronischen Arsenvergiftung litt, bleibt eine offene Frage der Geschichte. „Der Arsengehalt ist jedenfalls nicht so hoch, dass das Berühren der Dolche zu einer Vergiftung geführt hätte“, beruhigt Mörtz.

Großes Medienecho: Die Archäologen Tobias Mörtz und Daniel Nösler erklären einem NDR-Team die Funde.

Großes Medienecho: Die Archäologen Tobias Mörtz und Daniel Nösler erklären einem NDR-Team die Funde. Foto: Vasel

Doch wie die beiden Kultdolche von Kutenholz gefertigt worden sind und woher die Rohstoffe für ihre Herstellung stammten, das werden Tobias Mörtz und sein Team bald wissen. Die Dolche aus Arsenbronze werden mit Hightech im Forschungszentrum Desy in Hamburg wissenschaftlich mit zerstörungsfreien Methoden untersucht, unter anderem mit Röntgenverfahren.

Mit diesen können die Elemente bestimmt werden - inklusive Abbauort, erklärt der Experte aus Hamburg. Sein Fachgebiet sind die bronzezeitlichen Waffendeponierungen in Horten. Das notwendige Kupfer stammte vermutlich aus dem Karpatenbecken oder aus den Alpen, so die erste Vermutung. Dort bauten Bergmänner das Kupfererz ab.

In einer Liga mit der Himmelsscheibe von Nebra

Kreisarchäologe Daniel Nösler geht bei den Dolchen von einem Import aus dem Osten aus. Das Wolfszahn-Muster auf den Funden ist ein charakteristisches Verzierungselement - überwiegend auf Keramikgefäßen aus der Zeit von 2300 bis1600 vor Christus. Es handelt sich um ein geometrisches Muster aus dreieckigen Einstichen oder aus Linien.

„Wir ordnen deshalb die Kultdolche der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur zu“, so der Kreisarchäologe. Benannt ist die Kultur nach dem ersten Fundort Aunjetitz - bei Prag im heutigen Tschechien. Damit spiele der Kutenholzer Fund in einer Liga mit der Himmelsscheibe von Nebra.

„Das macht die Kutenholzer Kultdolche so besonders, es gibt nichts Vergleichbares“, ergänzt er. In dieser Zeit entwickelten sich erste Herrschaften - mit monumentalen Grabhügeln für ihre „Fürsten“, so wie in Leubingen im heutigen Thüringen. Ob auf dem Heiligen Hügel von Kutenholz auch ein mächtiges Fürstengrab stand, ist offen. Bislang haben die Archäologen an der Landesstraße 123 weder Spuren einer Siedlung noch eines Grabes entdeckt.

Melike Fidan untersucht eine Steinsetzung.

Melike Fidan untersucht eine Steinsetzung. Foto: Vasel

Stattdessen haben sie mehrere Feuerstellen, Steinsetzungen mit durch Hitze zerplatzten Steinen und Gruben freigelegt. Diese werden jetzt eingemessen. „Vielleicht ergibt sich ein Muster“, sagt Masterstudentin Melike Fidan. Organisches Material aus Kutenholz wird noch mit Hilfe der C14-Methode im Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven auf ihr Alter untersucht. Gegraben wird bis Ostern, Keramik und Metallreste füllen einige Kartons.

Mittelalterlich: Blick auf eine Fibel aus der Karolingerzeit aus dem 9. Jahrhundert nach Christi Geburt; sie war mit Glassteinen besetzt.

Mittelalterlich: Blick auf eine Fibel aus der Karolingerzeit aus dem 9. Jahrhundert nach Christi Geburt; sie war mit Glassteinen besetzt. Foto: Vasel

Doch nicht nur die Bronzezeitler zog es auf den Heiligen Hügel. Kreisarchäologe Nösler hat bei der Grabung eine karolingische Fibel aus dem 9. Jahrhundert entdeckt - vielleicht aus der Zeit nach den Sachsenkriegen Karls des Großen. Doch das ist eine andere Geschichte.

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Archäologe Tobias Mörtz von der Uni Hamburg hält Keramik aus der Bronzezeit in seiner Hand.

Archäologe Tobias Mörtz von der Uni Hamburg hält Keramik aus der Bronzezeit in seiner Hand. Foto: Vasel

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