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TLinkedIn-Gründer aus Zeven: „Man kann mit KI fast alles lernen“

Ein LG CLOiD-Roboter faltet Wäsche am Stand von LG Electronics während der Technikmesse CES in Las Vegas.

Ein LG CLOiD-Roboter faltet Wäsche am Stand von LG Electronics während der Technikmesse CES in Las Vegas. Foto: dpa

Die Technik und die Arbeitswelt verändern sich immer schneller. Welche Neuerungen auf uns zukommen und wie wir mithalten können, erzählt LinkedIn-Mitgründer Konstantin Guericke.

Von Kathrin Harder-von Fintel Sonntag, 01.03.2026, 10:50 Uhr

Herr Guericke, KI ist in aller Munde. Wie verändert künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt?

KI wird den Arbeitsmarkt in vielen Bereichen verändern. Das Interessante ist, dass KI den Markt bisher in den Blue-Collar-Berufen beeinflusst hat. Dort, wo Fabriken etwas automatisiert haben und dann die Jobs weggefallen oder nach Asien ausgelagert wurden, wo es kostengünstiger ist. Jetzt betrifft es die White Collar. Die Informationsarbeiter, die jetzt etwas Ähnliches erleben wie die Mechaniker und Elektriker zuvor. Auch ihre Jobs verändern sich sehr stark und fallen weg. Man muss, um auf dem Arbeitsmarkt weiter erfolgreich zu sein, umdenken, umlernen und auch Eigeninitiative entwickeln, weil es wahrscheinlich weniger Jobs über Firmen gibt und man sich mehr als eigenständige Person das Geld verdienen wird. Und dadurch auch wieder mehr Freiräume für sich selbst gewinnt.

Die Programmiersprache musste bisher erlernt werden, jetzt können Leute selbst Software entwickeln. Steigert das die Produktivität?

Zum einen die Produktivität. Aber es eröffnet zudem viele neue Möglichkeiten. Das größte Problem ist, dass Leute sich gar nicht bewusst sind, dass sie jetzt selbst Computerprogramme schreiben können. Man hat einfach neue Fähigkeiten, als hätten wir jetzt einen dritten Arm. Und das sind wir gar nicht gewohnt und werden ihn vielleicht auch lange Zeit gar nicht benutzen.

Die Programmiersprache ist jetzt auch auf Englisch?

Genau. Früher musste man das wie eine Fremdsprache lernen, Pascal hieß die Programmiersprache damals, als ich am Gymnasium in Zeven war. Das war alles sehr strukturiert, ähnlich wie Latein muss man sich das vorstellen. Man musste jedes Problem genau benennen und programmieren. Heute kann man es mit KI einfach beschreiben und sagen: Mach mir das mal. Und dann macht der Computer das und man hat eine Software entwickelt, die meistens beim ersten Versuch nicht so gut funktioniert, aber Stück für Stück über Beschreibungen besser wird.

Braucht man denn noch die „richtig guten Programmierer“?

Ja. Der Trend im Silicon Valley ist tatsächlich, dass sich viele Sorgen machen, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Früher war immer diese Knappheit an Programmierern da. Sie werden weiter gebraucht, weil so wie sie trainiert sind zu denken, können sie auch die KI besser benutzen und effektiver schreiben. Ein Programmierer kann geschätzt fünfmal so viel Software erzeugen wie noch vor drei bis vier Jahren. Das Gute ist, sie sind wenig vom Jobverlust betroffen, weil wir einfach so viel mehr Software benötigen. Sie sind weiterhin gefragt mit ihrer Art des Denkens. Es ist so wie im Journalismus: Man muss die richtigen Fragen stellen.

Stichwort Büro: Anträge werden automatisiert bearbeitet. Auch da werden weniger Menschen gebraucht.

Auf jeden Fall. Ich weiß, in Deutschland ist Bürokratieabbau ein großes Thema. Das scheint alles nicht so einfach zu sein, weil jede Regel aus irgendeinem Grund wichtig ist. Vieles wird durch KI automatisiert werden bei der Bearbeitung oder dem Ausfüllen von Anträgen, bei der Steuer oder im medizinischen Bereich. Es wird dann weniger Zeit benötigt. Man muss immer daran denken, dass jede Regel auch Kosten verursacht - und es die Tendenz ist, immer mehr Regeln zu schaffen.

Da muss man auch manchmal Regeln rausnehmen. Es gibt manche Staaten in den USA, die Gesetze erlassen haben, dass für jedes neue Gesetz zwei alte gestrichen werden müssen. Das finde ich eigentlich ein sehr gutes Prinzip. Es ist so wie bei der Kleidung: Wenn man nicht aufpasst und immer neue Kleidung kauft. Man muss auch irgendwann alte Kleidung aussortieren.

Sie beobachten die Entwicklung von Robotern sehr stark. Roboter können Dinge für uns erledigen, Kaffee bringen und Geschirrspüler ausräumen. Wann erobern sie den Haushalt?

Es gibt sehr große Fortschritte, ich beobachte Roboter schon über 20 Jahre. Sie bewegen sich jetzt viel natürlicher. Monatlich kommen neue Sachen dazu an Beweglichkeit, an Natürlichkeit, und auch die KI ist wichtig, weil man ganz normal mit denen reden kann und keine Kommandos geben muss. Die Firmen verkaufen natürlich gerne ihre Roboter, aber so gut, wie sie manchmal in Filmen dargestellt werden, sind sie in Wirklichkeit noch nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass in fünf bis zehn Jahren viele Menschen einen Roboter im Haushalt einsetzen. Das kann für ältere Menschen interessant sein.

Das wird aber der Markt zeigen, wer daran interessiert ist und das auch bezahlen kann. Eine Sache ist noch sehr wichtig bei Robotern: Solange sie als Maschine wahrgenommen werden, werden sie immer noch so behandelt werden. Es gibt aber Entwicklungen, die dem Roboter hautähnliche Oberflächen geben. Die werden als weiche Roboter betrachtet und wir als Menschen reagieren ganz anders darauf.

Es wird sicherlich lange dauern, bis menschliche Haut mit Technik entwickelt wird, auch Sensorik spielt eine Rolle. Auch dort wird geforscht, ich habe in Laboren schon einige Sachen gesehen, die sehr interessant sind. Aber Roboter muss man sich nicht nur als menschliche Figuren vorstellen, sondern sie kommen in allen Größen. Ich betrachte zum Beispiel auch Drohnen und selbstfahrende Autos als Roboter.

Und auch im medizinischen Bereich gibt es Roboter, viel wird auch dadurch operiert. Bei den Neuen braucht man keinen super-spezialisierten Arzt mehr, das kann ein allgemein ausgebildeter Chirurg erledigen. Die Roboter können teilweise so klein sein, dass sie in die Blutadern eingeflößt werden und innerhalb der Blutadern Sachen lösen und reparieren können. Das habe ich in Stanford schon gesehen. Also Roboter können auch sehr klein sein, man muss sich die nicht immer so wie in Star Wars vorstellen (lacht).

Sie kennen selbstfahrende Autos aus Kalifornien. Wann können wir auf dem Dorf denn von der neuen Technik profitieren?

Ja, man bucht die über eine App. Das expandiert sehr stark in den USA. In Phoenix gibt es das schon seit fünf, sechs Jahren, dass Leute vollkommen autonom abgeholt werden. In San Francisco seit etwa zwei Jahren, das breitet sich sehr schnell aus. Ich kann mir vorstellen, dass das auch in Zeven in drei bis fünf Jahren zur Verfügung stehen wird.

Interessanterweise gehen Menschen auf die App und canceln das Auto mit dem menschlichen Fahrer und warten, bis ein Roboterauto frei ist und kommen kann, weil sie dem Roboter mehr vertrauen. Da muss man sich keine Sorgen machen über den Musikgeschmack des Fahrers, man kann seine eigene auswählen. Man kann dem Roboter sagen, was man will. Viele Leute finden auch, dass die Roboter besser fahren als die Menschen, gerade in den Kurven habe ich das auch schon bemerkt.

Der aus Zeven stammende LinkedIn-Mitgründer Konstantin Guericke spricht mit der Redaktionsleiterin der Zevener Zeitung, Kathrin Harder-von Fintel.

Der aus Zeven stammende LinkedIn-Mitgründer Konstantin Guericke spricht mit der Redaktionsleiterin der Zevener Zeitung, Kathrin Harder-von Fintel. Foto: Paulsen

Ich habe noch gar nicht gewusst, wie schlecht ich Kurven fahre, bis ein Roboter die perfekt ausgefahren ist. In San Francisco befürworten insbesondere die Fahrradfahrer das, weil es die Robotertaxis sind, die ihnen den vorgegebenen Platz geben, während die menschlichen Fahrer häufig zu nah an den Fahrradfahrern vorbeikommen. Und auch Ältere und Behinderte nutzen das sehr gerne.

Man muss natürlich die App haben und die Autos bestellen, was für manche ältere Leute nicht so leicht ist. Aber auch das wird in Zukunft einfacher werden, dass man nur noch zum Telefon sagt: Ich möchte abgeholt werden. Man redet mit seinem Telefon - oder mit seiner Brille.

Puh, interessant. Jetzt brauchen wir doch erst mal Zeit, KI kennenzulernen und anzuwenden.

Ja. Und nicht alle Anwendungen werden positiv sein. Es werden auch noch Gesetze dafür gebraucht. Wir müssen lernen, mit KI klarzukommen, und es wird auch negative Wirkungen haben. Aber mit der Zeit werden wir mit der Gesellschaft einen Modus entwickeln, um damit klarzukommen.

In welchem Job ist man zukunftssicher?

Das kann keiner genau sagen. Aber die ersten Jobs, die betroffen sein werden von der KI, und wo die beruflichen Aussichten vielleicht nicht mehr so gut sind, könnte im Bereich Jura sein. Ich weiß, viele gute Schüler wollen gerne Juristen werden. Aber ich denke, dass der Markt für Juristen nicht so sehr wachsen wird wie der für Software.

Und gleichzeitig werden viele Menschen die Aufgaben, die Juristen in Firmen übernehmen, durch KI selbst machen, ohne einen Juristen einzuschalten. Oder ein Jurist wird die Arbeit von vier oder fünf Juristen machen können. Es werden also wesentlich weniger gebraucht. Zukunftssicher sind häufig Berufe wie Krankenschwester und in der Erziehung von jungen Menschen.

Weil das nicht so einfach von Maschinen ersetzt werden kann. Aber auch die Blue-Collar-Jobs wie Elektriker werden etwas zukunftssicherer sein als die Bürojobs. Neu ist auch, dass kreative Jobs mehr gefährdet sind als zuvor, weil ein Computer vorher selbst nicht kreativ werden konnte, das ist mit KI jetzt anders.

Sicher sind also Jobs, die am Menschen sind.

Das denke ich. Die besten Chancen haben die Leute, die die neuen Sachen auch ausprobieren. Deshalb würde ich das auch allen raten. Vorsichtig ausprobieren. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass KI immer perfekte Antworten gibt. Auch gefährliche Antworten können auftauchen.

Da ist sowohl die Industrie als auch die Politik gefordert, Leitlinien zu entwickeln, was okay ist und was nicht. Eine der Fähigkeiten für die Zukunft wird sein, dass wir immer weiter lernen müssen und können. Es ist immer spannend, Neues zu lernen. Und dabei ist man auf andere Leute nicht mehr angewiesen. Es werden die Leute von KI profitieren, die neue Sachen lernen wollen. Man kann damit fast alles lernen, was man will.

Dafür sollte man sich eine Stunde am Tag Zeit nehmen und KIs benutzen, um neue Sachen zu lernen, die einem beruflich helfen können. KI kann einem auch Zeit sparen, einfach mal versuchen, was die KI übernehmen kann. Es kann auch sehr viel Spaß machen.

Wie können wir mental mit der Entwicklung Schritt halten und ins echte Leben abtauchen?

Ich entscheide selbst in meinem Leben, wann ich die Technik einsetze. Es ist wichtig, dass man nicht von der Technik kontrolliert wird, sondern sie als Werkzeug einsetzt. Das bedeutet, dass man Zeiträume hat, in denen man ohne Technik lebt und weiß, wie sich das anfühlt. Zum Reflektieren bin ich gerne in der Natur.

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