T„Mein Onkel dreht durch“: Verzweifelter Notruf des Neffen
Am Landgericht in Stade wurde der Prozess gegen einen Beverstedter fortgesetzt. Er soll seinen Bruder mit einer Axt angegriffen haben. Foto: Blumenthal
Schwang der Angeklagte die Axt? Vor dem Landgericht Stade zeichnet sich zum einen eine Familienfehde ab, zum anderen aber auch ein Mann, der Hilfe benötigt.
Stade. In Stade ist die Hauptverhandlung gegen einen Mann aus Beverstedt (Kreis Cuxhaven) fortgesetzt worden. Ihm wird vorgeworfen, am 24. April 2025 einen anderen Mann mit einer Axt angegriffen zu haben, die Anklage lautet versuchter Totschlag. Wie auch am ersten Prozesstag schwieg der Angeklagte zu den Vorwürfen.
Dafür sagten am zweiten Prozesstag eine Reihe Polizisten aus, die am Abend der mutmaßlichen Tat an der Festnahme beteiligt waren. Auch Aufnahmen aus Bodycams der Beamten und Notrufe, die von Zeugen an jenem Abend bei der Polizei eingingen, wurden abgespielt.
Mutmaßliches Opfer ist der Bruder des Angeklagten
Bei dem Streit handelte es sich offenbar um ein Familiendrama. Der Angeklagte habe am Haus seines Neffen mit einer Axt mehrere Fensterscheiben eingeschlagen, sich mit seinem Bruder gestritten und anschließend mit der Axt in Richtung dessen Hals geschlagen. Sein Neffe rief daraufhin die Polizei. Er selbst sei von seinem Onkel nicht angegriffen worden, wie er in dem Notruf sagte. Verletzt wurde niemand.
„Bitte kommen Sie schnell, mein Onkel dreht hier total durch“, hört man den Neffen in dem Polizei-Notruf sagen. Die Polizistin versucht, ihn zu beruhigen, im Hintergrund hört man, wie zwei Männer sich anschreien. Auf die Frage der Polizistin, ob so etwas schon öfter vorgekommen sei, sagt der Neffe: „Mein Onkel terrorisiert uns schon seit Monaten. Bisher habe ich es wegen der Familie hingenommen, aber jetzt ist es eskaliert.“
Die Polizistin fragt daraufhin, ob eine psychische Erkrankung des Onkels bekannt sei, worauf dieser sagt: „Bisher weiß ich davon nichts. Aber wenn man den jetzt hier so sieht... kann schon sein, dass der geisteskrank ist.“ Der sonst so stille Angeklagte zeigte in diesem Moment das erste Mal eine Reaktion im Gerichtssaal: Er schüttelte den Kopf und schnaubte, als er die Worte seines Neffen hörte.
Während des rund 13-minütigen Notrufs wird es im Hintergrund ruhiger, der Neffe erzählt, seinem Vater sei es gelungen, seinem Onkel die Axt abzunehmen. Dieser habe sich mittlerweile in die Einfahrt gelegt, sein Vater sitze rund zehn Meter davon entfernt. Beim Eintreffen der Polizei endet das Telefonat.
Beschuldigter kann bei der Festnahme nicht selbst aufstehen
Die Polizisten sagten an diesem Tag aus, was auch die Aufnahmen der Bodycam bei der Festnahme zeigten: Der Beschuldigte wirkte nach dem mutmaßlichen Angriff apathisch, konnte nicht alleine aufstehen und musste nach der Festnahme von Polizisten zum Streifenwagen getragen werden.
Auf die Ansprache der Polizisten reagierte er nicht, hatte die Augen geschlossen und atmete schwer. Auch, als die Polizisten ihn durchsuchten und ein Messer in seiner Tasche fanden, zeigte er keinerlei Reaktion. Hinzugerufene Sanitäter konnten jedoch nichts feststellen, was einen Krankenhausaufenthalt nötig gemacht hätte.
Der Beschuldigte wurde anschließend auf die Wache gebracht, habe auch auf der Fahrt dorthin kein Wort gesagt und wirkte laut Polizist so „als wüsste er nicht, wo er ist und was gerade passiert ist“. Der dann hinzugerufene sozialpsychiatrische Dienst entschied noch am selben Abend, den mutmaßlichen Angreifer in die Klinik für Psychiatrie nach Debstedt zu bringen.
Psychiatrisches Gutachten noch nicht präsentiert
Das psychiatrische Gutachten des Sachverständigen wurde bisher im Prozess nicht präsentiert. Dieses wird zeigen, ob beim Angeklagten eine psychische Erkrankung vorlag oder vorliegt, was sich eventuell strafmildernd auswirken könnte.
Seit Ende Mai läuft die Verhandlung am Landgericht in Stade, insgesamt fünf Prozesstage sind angesetzt. Der Bruder des Angeklagten und sein Neffe hatten bereits beim Amtsgericht ihre Aussagen abgegeben. Der Verteidiger des Angeklagten hatte gefordert, beide im Landgericht erneut aussagen zu lassen. Ob dieser Forderung nachgekommen wird, ist bisher nicht bekannt. Der Prozess wird kommende Woche fortgesetzt.
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