TMit der radioaktiven Wolke kam die Angst - auch im Landkreis Stade
Der Servicekasten im TAGEBLATT vom 9. Mai 1986 ist ein Alptraum: Verzehr von Freilandprodukten vermeiden, nach der Gartenarbeit duschen und Kleidung waschen. Foto: TAGEBLATT-Archiv
Die Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 veränderte das Leben der Menschen im Kreis Stade radikal. Das zeigt ein Blick in die TAGEBLATT-Ausgaben von damals.
Landkreis. Die TAGEBLATT-Ausgabe von Sonnabend, 26. April 1986, lässt nicht erahnen, was an diesem Tag in der Sowjetunion passiert: Wegen einer Panne explodiert Block 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl. Die freigesetzte Strahlung ist etwa 200-mal höher als die der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.
Radioaktive Wolke über Skandinavien
Zwei Tage später, am 28. April, melden schwedische Messgeräte erhöhte Radioaktivität, dann auch finnische. Am Abend gesteht die sowjetische Regierung, die zunächst versucht hatte, die Sache zu vertuschen, einen Reaktorunfall. „Kernkraft-Katastrophe in der Sowjetunion“, titelt das TAGEBLATT am Dienstag, 29. April. Da hängt die radioaktive Wolke schon über Skandinavien.

30. April 1986: Ganz Europa verfolgt die geografische Ausbreitung der radioaktiven Wolke. Foto: TAGEBLATT-Archiv
„Zehntausende auf der Flucht vor dem Super-GAU“ heißt es am nächsten Tag. Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass berichtet von zwei Toten, westliche Medien gehen von Hunderten aus. Der Reaktor brennt. Die 25.000-Einwohner-Stadt Pripjat und drei weitere Ortschaften in der Nähe des Atomkraftwerks werden evakuiert.

Unter dem Eindruck des Super-GAU demonstrieren 1500 bis 2000 Menschen vor dem AKW in Stade für eine Stilllegung. Foto: TAGEBLATT-Archiv
Jod-Tabletten sollen gegen radioaktive Strahlung schützen. „Dänen stürmen die Apotheken“, schreibt das TAGEBLATT am 30. April. Am Freitag, 2. Mai, wird für Samstag eine Demo gegen Atomkraft in Stade angekündigt. Der Demonstrationszug soll durch die Innenstadt und weiter bis zum Atomkraftwerk (AKW) ziehen.
Sorgen um Druckbehälter des Atomkraftwerks Stade
Am Samstag, 3. Mai, fordern 1500 bis 2000 Demonstranten die Stilllegung aller Atomreaktoren und speziell der Stader Anlage. Professor Jens Scheer, Atomphysiker von der Universität Bremen, hält einen Unfall wie in Tschernobyl auch in Stade für möglich. Der Druckbehälter sei versprödet und könne jederzeit bersten.
Woche der Industrie
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In Hamburg soll es eine Anhörung über die Sicherheit des Stader AKWs geben, teilt Gerd Löffler (CDU), der Vorsitzende des Hamburger Umweltausschusses, mit. Preußenelektra, Betreiberin des AKWs, spricht von „unverantwortlicher Panikmache“.
Die Kühe sollen kein Gras fressen
Derweil wird belastete Milch vorerst sichergestellt. Alles über 500 Becquerel pro Liter wird eingezogen und soll zu lagerbaren Produkten verarbeitet werden. Kühe mit mehr als 300 Becquerel Belastung dürfen mehrere Tage kein Frischfutter bekommen. Das Thema Grenzwerte bestimmt die öffentliche Debatte über Monate.
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Der Reaktor brennt auch am 9. Mai noch. Die Bevölkerung blickt voller Sorge auf die Regenwolken. Niedersachsens Regierung appelliert, „aus Vorsorgegründen auf Freilandgemüse wie Schnittlauch, Petersilie und Salat zu verzichten, weil nach den Niederschlägen der letzten Tage Jodnukleide festgestellt wurden“. Unbedenklich sei der Verzehr von Spargel, Radieschen und Rettich.

Die Verbraucher verzichten auf Frisches aus regionalem Anbau - und die Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt bleiben auf ihren Produkten sitzen. Foto: TAGEBLATT-Archiv
Doch die Radieschen bleiben liegen, wie das TAGEBLATT bei einem Wochenmarktbesuch am 10. Mai feststellt. Das gilt auch für Frischmilch. Viele greifen lieber auf Pulvermilch und Konserven zurück. Auch die 32-jährige Sozialarbeiterin Ulrike Meyer: Sie sorgt sich um ihr drei Monate altes Baby. Sie stillt es weiter, hat aber Frischmilch, Obst und Gemüse aus ihrem eigenen Speiseplan gestrichen.

12. Mai 1986: Eine stillende Mutter ist in Sorge um den drei Monate alten Säugling, im Restaurant bleiben die Tische leer. Foto: TAGEBLATT-Archiv
Laut TAGEBLATT vom 10. Mai fordert Bundeskanzler Helmut Kohl von Staatschef Michail Gorbatschow „volle Auskunft“. Moskau hat inzwischen 2 Tote, 25 Schwerverletzte und die Evakuierung von 50.000 Menschen eingeräumt und lässt über dem havarierten Reaktor Säcke mit Sand, Bor und Blei abwerfen.
Hochspannungsmast auf Lühesand besetzt
Zeitgleich greifen Atomkraftgegner rund ums Stader AKW zu radikalen Mitteln: Aktivisten von Robin Wood, getarnt als Chorgruppe auf Vatertagsausflug, verschaffen sich Zugang zur Elbinsel Lühesand und erklettern einen Hochspannungsmast. Dort entrollen sie ein riesiges Transparent: „Strom ja - so nicht.“
Atomkatastrophe
15 Jahre nach Fukushima-GAU: Erinnerung in Japan verblasst
Der Ortsverband der Grünen in Stade und der Kreisverband geben im TAGEBLATT bekannt, die Aktion mit vorbereitet zu haben. Auch die SPD nutzt die Gelegenheit, sich zu positionieren: Spitzenkandidat Gerhard Schröder kommt nach Stade und verspricht dort am 12. Mai, das AKW bis zur einer erfolgreichen Unbedenklichkeitsprüfung „freiwillig abzuschalten“, falls er die Wahl im Juni gewinnen sollte.

Bauern müssen ihr Gemüse weggkippen - und blockieren aus Protest das AKW in Stade. Foto: TAGEBLATT-Archiv
Am 13. Mai gehen Bauern auf die Barrikaden: Etwa fünfzig Landwirte blockieren mit ihren Traktoren die Zufahrt zum AKW Stade. Polizeichef Heinz-Wilhelm Saathoff erlaubt ihnen, in Kleingruppen zur Pforte zu gehen. So schaffen sie es, Kraftwerks-Direktor Karl-Heinz Rabe mit Rhabarber, Salat und Eiern zu bewerfen. Er schimpft: „Kippt das doch alles vor die sowjetische Botschaft.“
Bauern bewerfen AKW-Direktor mit Salat und Eiern
Ein Jungbauer antwortet: „Wir wollen doch nur unsere radioaktiv verseuchten Produkte dort abliefern, wo sie hingehören.“ Ein anderer rechnet vor, dass er zurzeit pro Monat 2000 bis 3000 Mark Verlust einfahre. Die angekündigten Hilfszahlungen des Bundes seien angesichts dessen keine große Hilfe.
Derweil vermeldet das TAGEBLATT, ein Exemplar des umstrittenen Tüv-Gutachtens zum AKW Stade bekommen zu haben, das das Umweltministerium in Hannover unter Verschluss hält. Die Redaktion will es von verschiedenen Gutachtern prüfen lassen, um herauszufinden, wie es um den Zustand der Anlage steht.

14. Mai 1986: Stromausfall von Stade bis Fredenbeck - ein Anschlag von Atomkraft-Gegnern wird vermutet. Foto: TAGEBLATT-Archiv
Am 15. Mai wird von einem stundenlangen Stromausfall von Stade bis Fredenbeck tags zuvor berichtet. Unbekannte haben einen Hochspannungsmast der Preußen Elektra schwer beschädigt. Die muss nun aus Sicherheitsgründen das AKW herunterfahren. Schaden: Geschätzte 500.000 Mark.

Nach sechs Tagen geben die Aktivisten von Robin Wood, inzwischen auch von Greenpeace unterstützt, die Besetzung des Mastes auf. Foto: TAGEBLATT-Archiv
Am 15. Mai erklettern vier Polizisten auf Lühesand den Hochspannungsmast. Sie drohen den vier Robin-Wood-Aktivisten, die in gut 70 Metern Höhe ausharren, ihnen Biwak und Verpflegung wegzunehmen. Am späten Abend verlassen die Aktivisten den Mast - nach sechs Tagen.
Buxtehuder helfen Tschernobyl-Kindern bis heute
Die Katastrophe von Tschernobyl bewegt bis heute: Laut den Vereinten Nationen starben zwei Menschen durch die Explosion und kurz darauf 28 Kraftwerksmitarbeiter, Feuerwehrleute und Ersthelfer an der Strahlung, der sie ausgesetzt waren. Die IPPNW (Internationale Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkriegs) schätzt die Todesfälle in der Folge auf bis zu 900.000.
40 Jahre nach Tschernobyl
Was als harmloser Sicherheitstest begann, entwickelte sich am 26. April 1986 zur bedeutendsten Atomkatastrophe der Geschichte.
Um Kinder, die unter den Spätfolgen litten, kümmert sich die Tschernobyl-Hilfe der hannoverschen Landeskirche seit vier Jahrzehnten. Auch der Kirchenkreis Buxtehude empfing über Jahrzehnte Kinder aus der stark betroffenen Region Gomel in Belarus zu Erholungsaufenthalten.
„Unter Lukaschenko ist es seit dem Ukrainekrieg nicht mehr möglich, das aufrechtzuerhalten“, berichtet Pastor i.R. Hans-Otto Gade, der von Anfang an dabei war. Die Helfer haben eine Alternative gefunden: Sie unterstützen eine Initiative, die leukämiekranken Kindern Erholung im Land selbst ermöglicht.

2. Mai 1986: Die Radioaktivität in der Luft steigt an. Es gibt Hamsterkäufe von Jodtabletten. Reisende aus dem Ostblock, aber auch Züge, Autos und Flugzeuge, werden auf Strahlenbelastung untersucht. Foto: TAGEBLATT-Archiv
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