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T„Nicht mit Geld bezahlbar“: Für diese Momente steht Siefkes im D/A-Tor

Patrick Siefkes kam im Jahr 2015 aus Nordhausen nach Drochtersen.

Patrick Siefkes kam im Jahr 2015 aus Nordhausen nach Drochtersen. Foto: Struwe (nomo)

Patrick Siefkes (36) stand für D/A 312 Mal auf dem Platz. 28.000 Minuten zwischen den Pfosten. Hängt der Torwart noch ein Jahr dran? Das will gut überlegt sein.

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Von Daniel Berlin
Mittwoch, 01.04.2026, 17:30 Uhr

Drochtersen. Fast elf Jahre lang steht Patrick Siefkes beim Fußball-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel im Tor. Der heute 36-Jährige verpasste nur eine Saison aufgrund eines Kreuzbandrisses. Der gebürtige Dessauer erlebte, wie sich D/A zu einem etablierten Regionalligisten entwickelte. Sein Antrieb, in jedem Spiel und bei jedem Training das Beste zu geben, erklärt sich ganz einfach.

D/A trat am vergangenen Sonntag beim Bremer SV an. Ein zähes Spiel. Eine schwache erste Halbzeit. Bis weit in die Nachspielzeit steht es 2:2. Das reicht nicht für D/A, das im Rennen um Meisterschaft und Aufstieg gegenüber Spitzenreiter SV Meppen nicht weiter an Boden verlieren darf. Dann fällt Miguel Fernandes der Ball im Strafraum vor die Füße. Abschluss: 3:2-Sieg. Pure Emotionen.

Bald tagt wieder der Siefkes-Familienrat

„Das sind Momente, die du nicht mit Geld bezahlen kannst“, sagt Patrick Siefkes. Zum Jubeln verschwindet Siefkes in Bremen in einem Knäuel von Spielern. Diese Momente sind es, die Siefkes nach einem Karriereende wahrscheinlich fehlen würden. Dazu die witzigen Stunden im Bus. Die Kollegen in der Kabine. Er kickt genau dafür - und um zu gewinnen. Aber Siefkes kommt langsam in ein spezielles Alter.

Zwei Vielspieler unter sich: Patrick Siefkes stand 312 Mal für D/A auf dem Platz. Nur Kapitän Nico von der Reith aus dem aktuellen Kader hat mit 367 Einsätzen noch mehr.

Zwei Vielspieler unter sich: Patrick Siefkes stand 312 Mal für D/A auf dem Platz. Nur Kapitän Nico von der Reith aus dem aktuellen Kader hat mit 367 Einsätzen noch mehr. Foto: Photo: Jörg Struwe - Picselweb

In jedem Frühling kommt seit zwei, drei Jahren die Frage auf, ob Patrick Siefkes bei D/A noch ein weiteres Jahr zwischen den Pfosten dranhängt. Dann tagt im Hause Siefkes der Familienrat und entscheidet für die eine Seite. In diesem Jahr tagte der Rat offenbar noch nicht. Im Januar habe es mit der sportlichen Leitung des Vereins ein Gespräch gegeben, erzählt Siefkes.

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„Seitdem liegt der Ball beim Verein“, sagt Siefkes in Folge 23 des Podcasts „D/A sind wir zuhaus“. Nach wie vor gehört Siefkes zu den 146 Keepern in Deutschland, die in den höchstklassigsten Vereinen zum Stamm gehören.

TAGEBLATT-Sportchef Daniel Berlin (links) spricht im neuen Podcast "D/A sind wir zuhaus" mit Keeper Patrick Siefkes über Pokalträume, Vertragsverlängerungen und beheizbare Handschuhe.

TAGEBLATT-Sportchef Daniel Berlin (links) spricht im neuen Podcast "D/A sind wir zuhaus" mit Keeper Patrick Siefkes über Pokalträume, Vertragsverlängerungen und beheizbare Handschuhe. Foto: Rambow (nomo)

Aber der Torhüter stellt sich auch selbst kritische Fragen. „Inwieweit ergibt es noch Sinn?“ „Kann ich der Mannschaft noch helfen?“ Das gebietet offenbar der eigene Anspruch.

30 Stunden Fußball – 35 Stunden im Büro

Wenn Siefkes spielt, sagt er, mache er das mit 100 Prozent Überzeugung. Der Hauptjob des 36-Jährigen ist es, Bälle zu halten. Regionalliga sei „kein Pillepalle“.

Da müsse ein Keeper schon fit sein. Welttorhüter wie Neuer, Buffon oder Kahn spielten oder spielen bis ins hohe Fußballalter. Aber sie taten eben den ganzen Tag nichts anderes. Siefkes sitzt pro Woche auch noch 35 Stunden im Büro. Er arbeitet als Assistent der Geschäftsführung in der Schifffahrtsbranche.

30 Stunden Fußball und alles, was dazu gehört pro Woche, 35 Stunden im Büro. Die Familie, der Sohn. „Meine Frau möchte mich auch mal sehen. Mein Kleiner, der jetzt mit Fußballspielen anfängt, ebenso“, sagt Siefkes. Die müssen dahinter stehen. In einem möglichen Vertrag mit D/A wird demnach nicht nur über Geld entschieden.

Beim Auswärtsspiel in Lohne griff Patrick Siefkes daneben. In Bremen zuletzt sah er beim zweiten Tor nicht gut aus. Das sind Fehler, die er jahrelang nicht machte. „Das geht nicht spurlos an einem vorbei“, sagt Siefkes. Er und D/A-Torwarttrainer Christoffer Schellin analysieren das gewissenhaft. Selbst mit 36 könne er sein Torwartspiel noch verbessern, sagt Siefkes.

Beim ersten Turnier gleich bester Torhüter

Geht bald eine Karriere zu Ende, die bei Siefkes im D-Jugendalter eher aus Zufall begann? Damals war er Feldspieler in Dessau. Bei einem Turnier fehlte ein Keeper. Siefkes ging rein und wurde prompt bester Torhüter des Turniers. In der Kreisauswahl stand er fortan zwischen den Pfosten, im Heimatverein noch einige Zeit als Feldspieler auf dem Rasen.

Siefkes wechselte oft als Kind, Jugendlicher und junger Mann. Dessau, Wittenberg, Magdeburg, Jena, Nordhausen. Er wollte immer so hochklassig spielen wie möglich. Bis 2015 schließlich Ex-D/A-Trainer Enrico Maaßen den Berater des ambitionierten Torhüters anrief und Siefkes nach Drochtersen lotste. Mehr als ein halbes Leben Halbprofi oder Profi. Geht es eigentlich ohne Fußball?

Die Frage kann Patrick Siefkes heute nicht beantworten. „Es ist schwer vorstellbar, wenn du dein halbes Leben in den Sport investiert hast“, sagt er. Mal schauen, was kommt. Vielleicht engagiert er sich im Verein. Sein Sohn würde in der U6-Mannschaft von D/A schon Verwendung für ihn haben.

100 km/h schnelle Bälle und eiskalte Finger

„Das Adrenalin musst du dir dann irgendwie anders beschaffen“, sagt Siefkes und lacht. Aber noch steht Großes an. D/A hat den Pokalsieg im Blick, spielt am Samstag (4. April, 18 Uhr) im Halbfinale in Oldenburg gegen den VfB. Und dann ist ja auch der Aufstieg in die 3. Liga noch nicht außer Reichweite.

Es gibt aber etwas, auf das Patrick Siefkes während seiner Laufbahn gern verzichtet hätte. Temperaturen um den Gefrierpunkt, Nieselregen, kalter Wind. Und dann fliegt in der 60 Minute ein Ball mit 100 km/h auf ihn zu, den er mit eiskalten Fingern halten musst. „Ich warte noch auf die Erfindung von beheizbaren Torwarthandschuhen“, sagt Siefkes.

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