TPatienten weinen – Hier schließt der nächste Landarzt
Dieser Zettel an einer Allgemeinarztpraxis von Dr. Leif Möhlmann weist Patienten auf die bevorstehende Schließung der Einrichtung in Dorum hin. Foto: Leuschner
Die Nachfolgesuche versandet im Nichts, Hunderte Patienten müssen sich neu umsehen. Vor allem ältere Bürger leiden, wie dieses Beispiel von der Nordseeküste zeigt.
Dorum. Ein schlichter DIN-A4-Zettel an der Eingangstür zur Praxis an der Schwester-Anna-Straße verkündet die Hiobsbotschaft: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich meine hausärztliche Praxis ab dem 19. 12. 2026 schließen werde (...).“ Die Patienten werden gebeten, einen USB-Stick mitzubringen, damit die Patientendaten nicht verloren gehen.
Dr. Leif Möhlmann weiß um den Ernst der Lage. „Ich sehe auch das Problem, dass die Versorgung schwieriger wird – und sei es auch nur, ein Rezept für das Insulin zu bekommen, das ein Patient täglich braucht. Die Frage ist: Wer stellt dieses Rezept aus?“
Möhlmann wird demnächst 67. „Ich kann nicht sagen, dass ich die nächsten 20 Jahre noch weiter arbeite. Irgendwann muss ich den Schlussstrich ziehen.“
Das Praxisteam von Dr. Leif Möhlmann - hier mit Angela Sonnenberg (von links), Anja Conrad und Ulrike Benecke. Foto: Leuschner
Für die Bevölkerung im zweitgrößten Ort der mehr als 17.000 Einwohner zählenden Gemeinde Wurster Nordseeküste ist die Schließung ein erheblicher Verlust. Möhlmann zufolge kam seine Praxis zuletzt auf circa 1.400 Untersuchungen pro Quartal. In seinen knapp 30 Jahren als niedergelassener Arzt behandelte er etwa 28.000 Patientinnen und Patienten; 10.000 bis 12.000 von ihnen sind noch aktuell.
Die älteren Menschen sind echt verzweifelt. Einige haben hier schon geweint.
Angela Sonnenberg, MTA in der Praxis Möhlmann, zu Reaktionen von Patienten
Die Dorumer Ortsbürgermeisterin Hanna Bohne ist selbst seit drei Jahrzehnten Patientin bei Möhlmann. Sie bedauert die bevorstehende Schließung sehr, stellt die Beweggründe des Arztes aber nicht infrage. Ihre eigene Situation schätzt sie als vergleichsweise komfortabel ein: „Ich bin mobil und könnte auch weitere Strecken zum Arzt fahren.“
T Neue Hausärztin in Assel: Die Pläne verschieben sich
T Hausarzt aus Jork zieht mit seinem Team nach Buxtehude
Sorgen bereitet ihr vor allem die Versorgung der Menschen im direkten Umfeld der Praxis. Sie verweist auf Seniorenwohnungen und ein Altenheim. Zudem lebten in benachbarten Dörfern wie Padingbüttel und Mulsum viele ältere Menschen, die noch den Weg nach Dorum bewältigen könnten, aber nicht quer durch den Landkreis fahren könnten. „Wer soll diese Menschen künftig betreuen?“, fragt Bohne.

Die Hausarztpraxis von Dr. Leif Möhlmann befindet sich am Rande des Ortskerns von Dorum - neben einem Pflegeheim und einem Wohngebiet. Foto: Leuschner
Auch Angela Sonnenberg, die wie drei weitere medizinische Fachangestellte seit vielen Jahren in der Praxis arbeitet, erlebt die Verunsicherung bei Patienten: „Die älteren Menschen sind echt verzweifelt. Einige haben hier schon geweint.“
An Bemühungen, den Praxisbetrieb zu übergeben, habe es nicht gefehlt, berichtet Möhlmann. Zusätzlich zu aktuellen Inseraten in Fachzeitschriften hat der Mediziner mit Unterstützung der Kassenärztlichen Vereinigung mehr als ein Jahrzehnt nach einer Berufskollegin oder einem Kollegen für den Betrieb der für zwei Ärzte konzipierten Praxisräume gesucht.
Zahlreiche Versuche, einen Nachfolger zu finden
Zwei Mediziner holte er 2016 beziehungsweise 2020 an Bord. Doch zu einer langjährigen Praxisgemeinschaft kam es beide Male nicht. Um junge Kollegen für den Landarztberuf zu begeistern, arbeite er darüber hinaus seit Jahren mit der Uni Oldenburg, aber auch mit anderen Hochschulen zusammen und biete Studenten Praktika an.
Bohne berichtet, dass sie und Gemeindebürgermeister Jörg-Andreas Sagemühl bereits seit Längerem mit der Praxis sowie mit dem Geschäftsführer des Regionalen Versorgungszentrums in Nordholz, Dr. Andreas Rühle, im Austausch standen. Die Gespräche seien zunächst auf einem guten Weg gewesen.
T Geplante Einsparungen: Ärzte im Kreis Stade warnen vor Praxissterben
Die Gemeinde und der Landkreis als kommunale Betreiber des RVZ hätten signalisiert, dass eine Nebenstelle in Dorum für sie infrage komme. Zwar seien noch einige Fragen offen gewesen, doch Dr. Möhlmann habe Bereitschaft gezeigt, seine Praxis dafür zu vermieten.
RVZ Nordholz federt Mangel mit Vertretungsärzten ab
Seit dem Weggang des Ärzteehepaars Thiele und einer weiteren Hausärztin aus dem Versorgungszentrum in Nordholz vor fast einem halben Jahr hat sich die Situation im dortigen RVZ jedoch deutlich verschärft. Deshalb sei die Option, in Dorum eine Zweigstelle einzurichten, derzeit hinfällig. Schon die Gewinnung weiterer Ärzte für den Standort in Nordholz sei aktuell schwierig genug.
„Wenn wir aufs Jahresende schauen, haben wir dann drei Ärzte weniger als zu Beginn des Jahres – das ist natürlich ein Schlag“, räumt Sagemühl ein. Dennoch bleibt er vorsichtig optimistisch: „Ja, die Situation hat sich im Vergleich zum Beginn des Jahres verschlechtert, aber wir sind auf einem guten Weg.“ So sei die hausärztliche Versorgung in der Gemeinde „auf jeden Fall gesichert, allerdings nicht mit der Personenzahl, die wir bisher gehabt haben“.
Keinesfalls will der Gemeindebürgermeister das Konstrukt des RVZ infrage stellen. In einem kommunal betriebenen RVZ gebe es mehr Möglichkeiten, den Praxisbetrieb aufrechtzuerhalten, etwa durch Vertrags- und Vertretungsärzte vor Ort. Das sei vielleicht nicht optimal, weil ein Arztbesuch auch Vertrauenssache ist. Gleichwohl gehe es darum, die Versorgung überhaupt sicherzustellen. „Das können wir durch die Systematik eines RVZ.“
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.