TProjekt Gummi Schmidt: Warum Millionen Euro nach Stade fließen
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) übergibt den Scheck an Lindemann-Geschäftsführer Friedrich Witt (Zweiter von links). Stades stellvertretende Bürgermeisterin Melanie Reinecke und Projektleiter Michael Basci freuen sich mit den beiden. Foto: Strüning
Überbordendes Lob und eine Millionen-Spritze: Das neue Wohnquartier auf dem Gelände von Gummi Schmidt in Stade hat landesweit Vorbildcharakter. Gefördert wird es aus ökologischen Gründen.
Stade. Dass ein Grüner Umweltminister lobende Worte für ein Bauunternehmen findet, ist schon bemerkenswert. So geschehen in dieser Woche, als Christian Meyer (Grüne) der Lindemann-Gruppe in Person von Geschäftsführer Friedrich Witt einen symbolischen Scheck in Höhe von 2,625 Millionen Euro überreichte.
Das Geld fließt nicht in den Bau der 151 Wohnungen am Rande der Altstadt, sondern in das Grün rechts und links der Baumaßnahme. Der gesamte Vorgang ist ungewöhnlich.
So sehen die ersten Pläne für die Bebauung des Geländes von Gummi Schmidt in Stade aus. Foto: Lindemann
Die Lindemann-Gruppe war das einzige Privatunternehmen in Niedersachsen, das sich um Mittel aus dem Förderprogramm Landschaftswerte 2.0 bemüht hat. Ansonsten sind es eher Umweltverbände und Vereine, die Moorbahnen oder Ähnliches betreiben, sagte Meyer während eines Treffens in Stade.
Industriegeschichte
T Als bei Gummi-Schmidt in Stade noch Kondome produziert wurden
Lindemanns Konzept überzeugte derart, dass die höchste einzelne Fördersumme nach Stade fließt. Insgesamt standen 3,5 Millionen Euro vor allem aus EU-Mitteln für acht Projekte zur Verfügung.
Ein grünes Wohnquartier mitten in der Stadt
Für Lindemann und hier speziell Projektleiter Michael Basci bedeutete die Bewerbung Neuland. Ein Jahr lang stellte das Team Unterlagen für die NBank zusammen, wie rund um das Gelände von Gummi Schmidt eine lange vernachlässigte Industriebrache revitalisiert und ökologisch aufgewertet wird. Die Maßnahmen beschränken sich dabei nicht nur auf den direkten Bereich, sondern strahlen auch ins Umfeld, entlang des Burggrabens gen Stadeum zum Beispiel. „Wir schaffen was Tolles für die Natur, da steckt viel Herzblut drin“, sagt Witt.

Jetzt nur noch im Landesarchiv zu sehen: Präservative der Marke Swing Gold von Gummi Schmidt, „der hygienische Vollschutz“ aus den 1960er Jahren. Foto: Strüning
So entsteht ein ökologisch aufgewerteter Naherholungsraum mit gutem Wasserhaushalt und Klima, von dem die ganze Stadt was habe, lobte der Minister. Natur und Menschen würden gleichermaßen profitieren. Regenwasser wird zurückgehalten, Solarenergie genutzt, der Eisvogel und andere seltene Arten angesiedelt und Dächer begrünt. Vögel, Fledermäuse und Insekten sollen neue Quartiere erhalten. Lindemann lässt sich das 3,75 Millionen Euro kosten - minus der 2,625 Millionen aus dem Förderprogramm.
Wo Studenten mit Senioren Tür an Tür wohnen
Alleen sollen angelegt, Streuobstwiesen gesät, Bäume und Sträucher gepflanzt werden. Die Wasserläufe werden deutlich aufgewertet, damit sich biologische Vielfalt breit machen kann. Die Contrescarpe entlang des Wasserlaufs wird komplett neu gestaltet, ein Insektenhotel wird eingerichtet. Bei Gummi Schmidt soll ein grünes Wohnquartier entstehen. Die Investoren wollen aber auch auf soziale Aspekte achten, wie Witt während des Ministerbesuchs ausführte.
Studenten und Senioren wohnen Tür an Tür, ein kleiner Imbiss im Grünen ist ebenso geplant wie ein Hofladen mit regionalen Produkten. Es wird Gemeinschaftsflächen in den Gebäuden, aber auch im Grünen geben mit Parkbänken, Kinderspielplätzen, gemeinsamen Gärtnern oder Pflegeangeboten. Im Mai soll der Bau gestartet, erste Wohnungen könnten im Laufe des Jahres 2028 bezogen werden. Das ganze Projekt soll im ersten Quartal 2029 abgeschlossen sein.

Die Gebr. Schmidt Gummiwarenfabrik in Stade: Eine Luftbildaufnahme vom Werksgelände aus dem Jahr 1965. Foto: NLA Stade
Blickfang inmitten der neuen Gebäude wird ein 25 Meter hoher Turm aus dem Leichtbaustoff CFK sein, der an den alten Fabrikschornstein erinnert. Autos parken unterirdisch, für Räder sind 292 Abstellmöglichkeiten vorgesehen. Ein Quartiersmanager ist Ansprechpartner für alle Anwohner vor Ort.
„Ein Sechser im Lotto“ für Stades Stadtentwicklung
Die Begeisterung in Verwaltung und Politik ist groß. Umweltminister Meyer sprach von einem innerstädtischen Wunschtraum und einem begeisternden Projekt. Für Stades stellvertretende Bürgermeisterin Melanie Reinecke (CDU) handelt es sich um eine Win-win-win-Situation. Es entstehe neuer Wohnraum mit hoher Lebensqualität für alle und einer Parkanlage, die jeder nutzen könne. „Ich bin unendlich stolz, dass wir ein Unternehmen in der Stadt haben, das solche Wege geht.“

Lob von allen Seiten: Großer Bahnhof zur Scheckübergabe, als Umweltminister Christian Meyer Lindemann-Chef Freidrich Witt in Stade den Scheck mit der hohen Fördersumme überreicht. Foto: Strüning
Für die Grüne Kreispolitikerin Verena Wein-Wilke aus Horneburg ist der Lindemann-Bau ein „gutes Beispiel für innerstädtische Verdichtung“. Für Stadtplaner Jens Bossen aus dem Rathaus ist das Projekt Gummi Schmidt „ein Sechser im Lotto der Stadtentwicklung“. Die Fabrik war einst laut und hat gestunken. Jetzt werden hier bald Menschen altstadtnah im Grünen wohnen.
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