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Archäologie

TRöcheln und früher Tod: Erbärmliche Lebenserwartung im frühen Oldendorf

Ausgrabung auf dem Oldendorfer Kirchhof. Die Skelette wurden untersucht. Die Ergebnisse bescheinigen katastrophale Lebensumstände.

Ausgrabung auf dem Oldendorfer Kirchhof. Die Skelette wurden untersucht. Die Ergebnisse bescheinigen katastrophale Lebensumstände. Foto: Archäologie Landkreis Stade

Von wegen gute alte Zeit: Die Zeiten waren erbärmlich, die Menschen starben früh - und röchelten und husteten. Das stellten Forscher an Oldendorfer Skeletten fest.

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Von Grit Klempow
Samstag, 21.02.2026, 18:00 Uhr

Oldendorf. Die Oldendorfer Kirche ist eine der ältesten im Landkreis. Die Feldsteinkirche wurde um 1200 gebaut. Vor allem der Kirchhof mit den jahrhundertealten Gräbern entpuppte sich als wahre Datenbank für die Forschung.

Bis auf den letzten Platz besetzt war das Brunkhorst'sche Huus in Oldendorf. Mehr als 100 Zuhörer machten sich mit Kreisarchäologe Daniel Nösler auf eine Zeitreise in die Oldendorfer Frühgeschichte.

Bis auf den letzten Platz besetzt war das Brunkhorst'sche Huus in Oldendorf. Mehr als 100 Zuhörer machten sich mit Kreisarchäologe Daniel Nösler auf eine Zeitreise in die Oldendorfer Frühgeschichte. Foto: Offermann

Kreisarchäologe Daniel Nösler stellte bei seinem Vortrag in Oldendorf vor, was die Ausgrabung im Jahr 2009 ans Licht gebracht hatte: Um Platz für einen neuen Dorfplatz zwischen Kirche und neuem Supermarkt zu gewinnen, trennten sich die Oldendorfer damals von ihrem Kirchhof - und damit auch von den Gebeinen derer, die im Schatten der Kirche zur letzten Ruhe gebettet worden waren.

Älteste Gräber aus dem 11. Jahrhundert

Die Archäologen kamen vorab, um behutsam den Kirchhof zu untersuchen. Mit der Radiocarbonmethode (C14) wurden die ältesten Gräber auf das frühe 11. Jahrhundert bis Mitte des 12. Jahrhunderts datiert.

Aufgrund des Bodens waren nicht mehr viele Gräber auf dem Kirchhof gut erhalten. Dennoch: Skelette aus 54 Gräbern bargen die Archäologen. Aus der frühesten Bestattungszeit und aus der jüngsten und obersten Gräberschicht, die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammten. Die Knochen wurden untersucht. Die Ergebnisse zeichnen ein verheerendes Bild der bäuerlichen Lebensumstände.

Frauen ließen im Kindbett ihr Leben

In der norddeutschen Tiefebene lebten die Menschen über Jahrhunderte in ihren Rauchhäusern, mit ihrem Vieh unter einem Dach. Beim Bestellen der Felder mussten alle mit anpacken, auch die Kinder. Die Knochenfunde zeigen: „Die Lebenserwartung war erbärmlich“, so Nösler. Viele Menschen starben früh, sehr viele Frauen ließen im Kindbett ihr Leben.

Selbst eher schlecht genährt, stillten die Frauen ihre Kinder, bis diese drei, vier Jahre alt waren. Dann setzte die Mangelernährung bei Kindern ein. Das lässt sich aus den Knochen ablesen - und das war bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts so. Die Untersuchungsergebnisse der Oldendorfer Knochen stehen beispielhaft für die ganze Region.

Hohe Kindersterblichkeit

Anthropologen werteten die geborgenen Skelette aus. Zum einen für die frühe Neuzeit, zum anderen für die Epoche des Mittelalters. In der frühen Neuzeit war die Kindersterblichkeit mit 50 Prozent „äußerst hoch“. Die Erwachsenen hatten große Zahnprobleme. Mehr als zwei Drittel der untersuchten Gebisse hatten Kariesdefekte.

Kariesdefekte bei einem etwa acht Jahre alten Kind. Die Gebisse der Menschen waren in katastrophalem Zustand.

Kariesdefekte bei einem etwa acht Jahre alten Kind. Die Gebisse der Menschen waren in katastrophalem Zustand. Foto: Archäologie Landkreis Stade

In der frühen Neuzeit sogar verstärkt, was die Forscher als Zeichen für eine kohlenhydratreichere Ernährung werten. So gut wie alle hatten Wirbelsäulendeformationen, auch Hüfterkrankungen gehörten zu den Befunden.

Drei Kinder hatten einen chronischen Vitamin-C-Mangel. Und die Forscher fanden vor allem Erkrankungen der oberen Atemwege, die sich an den neuzeitlichen Skeletten nachweisen ließen. „Deshalb haben die Leute in ihren Butzen früher fast im Sitzen geschlafen“, sagt Nösler. Ein ständiges Husten und Röcheln gehörte vermutlich zur nächtlichen Geräuschkulisse.

Rauchhäuser: Schädlich für Atemwege

Der Grund: das Leben in den Rauchhäusern am offenen Herdfeuer. Nösler belegte das mit einem Zitat des Oldendorfer Lehrers Martens. Der schilderte die Lebensumstände in der Schulchronik so: „Es spotten dann die Rauchmassen, die so ein Haus erfüllen, aller Beschreibung. Darf man sich wundern, dass es nur wenige Häuser gibt mit intakten Lungen?“

Der „chronische Catarrh“ war laut Martens der Normalzustand. „Man betrete im Herbst und Winter unsere Kirche, wo Prediger mit schwacher Stimme kaum durchdringen können, durch das gewaltige homerische Gehuste.“

Aber die Situation besserte sich: Der Staat Preußen verdonnerte die Bevölkerung zu Brandschutz und zum Einbau von Schornsteinen. Kunstdünger steigerte die Erträge. Und die Wissenschaft mit dem ersten Verständnis von Hygiene half: Misthaufen wurden aus der Nähe von Brunnen weg verlegt, und das Händewaschen hielt den Menschen schließlich Krankheitserreger vom Leib.

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