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Rettungseinsatz

TSchiffsunglück: Feuerwehrmann erlebt damatische Stunden auf der Nordsee

Die Löscharbeiten an der Stena Immaculate und der Solong waren bereits in vollem Gang, als die Mellum mit den deutschen Helfern im Unglücksgebiet eintraf.

Die Löscharbeiten an der Stena Immaculate und der Solong waren bereits in vollem Gang, als die Mellum mit den deutschen Helfern im Unglücksgebiet eintraf. Foto: Feuerwehr

Explosionen, Feuer und ein Toter: Der Frachter Solong hat im März den Tanker Stena Immaculate vor der Küste Englands gerammt. Tim Bergmann war für die Bremerhavener Feuerwehr vor Ort.

Von Martina Albert Mittwoch, 16.04.2025, 05:50 Uhr

Bremerhaven. Es sind beängstigende Szenen, die sich am 10. März fünfzehn Kilometer vor der englischen Küste abspielen. Der 140 Meter lange Frachter Solong, der unter portugiesischer Flagge fährt, rammt mit hoher Geschwindigkeit den 183 Meter langen Öltanker Stena Immaculate, der vor Anker liegt und 35 Millionen Liter Flugkraftstoff geladen hat. Die Lage ist unübersichtlich.

Das Havariekommando in Cuxhaven reagiert schnell und beschließt, das Mehrzweckschiff Mellum aus Wilhelmshaven, das mit Technik zur Brandbekämpfung und zur Aufnahme von Gefahrstoffen aus dem Wasser ausgerüstet ist, zur Hilfe zu schicken. Noch bevor die englische Küstenwache das Hilfsangebot überhaupt angenommen hat, läuft die Mellum bereits aus.

Parallel klingelt bei Tim Bergmann das Telefon. Der Bremerhavener ist Berufsfeuerwehrmann und Einsatzleiter bei der Sondereinheit Schiffsbrandbekämpfung. Er erklärt sich bereit, als Fachberater an Bord der Mellum zu gehen, um die britischen Kollegen bei der Erstellung des Lagebilds zu unterstützen. Zwei Stunden später besteigt der 51-Jährige zusammen mit einem Nautiker des Havariekommandos in Nordholz einen Hubschrauber der Bundespolizei, der die beiden zur Mellum bringt, die bereits Richtung England fährt.

Nachdem Tim Bergmann (l.) von der Bremerhavener Feuerwehr seinen Überlebensanzug angezogen hat, geht es vom Flugplatz in Nordholz mit einem Hubschrauber der Bundespolizei los.

Nachdem Tim Bergmann (l.) von der Bremerhavener Feuerwehr seinen Überlebensanzug angezogen hat, geht es vom Flugplatz in Nordholz mit einem Hubschrauber der Bundespolizei los. Foto: privat

Im Dunkeln werden die beiden auf hoher See „abgewinscht“, also vom Helikopter auf die Mellum abgeseilt. Die See ist aufgewühlt, die Wellen drei bis vier Meter hoch. „Da braucht man schon ein paar Stunden, um sich dran zu gewöhnen“, sagt Tim Bergmann. Doch es sind Situationen wie diese, die die Schiffsbrandbekämpfer in ihrer langen und sehr speziellen Ausbildung trainiert haben.

Überleben auf See gehört zur Ausbildung

Insgesamt 60 Schiffsbrandbekämpfer gibt es bei der Bremerhavener Feuerwehr. Teil der Ausbildung ist auch die Einheit „Überleben auf See“. Üben müssen die Feuerwehrleute unter anderem auch, aus einem ins Wasser geneigten Hubschrauber herauszutauchen. Zwei Teams mit fünf Leuten sind ständig einsatzbereit. Im Ernstfall muss es schnell gehen. Deshalb haben die Spezialisten auch stets eine gepackte Tasche auf der Wache, um für einen manchmal Tage dauernden Einsatz gerüstet zu sein. Generell gilt: das Gepäck ist schmal.

„Wenn man überlegt, mit wie viel Technik die Feuerwehr kommt, wenn es an Land brennt, muss man sagen, dass wir auf See mit ,Kamm und Spiegel‘ anrücken, gerade wenn es mit dem Hubschrauber losgeht“, sagt der 51-Jährige mit einem Schmunzeln.

Mellum ist aus Übungen bekannt

Die Technik, die diesmal benötigt wird, findet sich an Bord der Mellum, die Bergmann aus Übungen gut kennt. „Wir sind dazu ausgebildet, die Situation aus der Lage heraus in den Griff zu kriegen. An Bord haben wir eine erste Lagebesprechung gemacht und ich habe versucht, über BBC möglichst viele Informationen über die Lage zu bekommen.“ Denn klar ist: Ein Schiff hält im Brandfall - in besonderem Maße auf offener See - zahlreiche Herausforderungen bereit.

Stahl leitet die Hitze besonders gut, große Bereiche sind heiß, zudem gibt es jede Menge brennbare Stoffe. Hinzu kommt der Seegang und der Fakt, dass jedes Schiff anders aufgebaut ist. „Am Ende löscht man an Bord in einem völlig verrauchten Bereich, den man nicht kennt. Das ist die Champions League der Brandbekämpfung“, sagt der Feuerwehrmann nicht ohne Stolz.

Doch bei dem Einsatz vor der Küste Englands sind Tim Bergmanns Fähigkeiten nicht als Brandbekämpfer an vorderster Front gefragt, sondern seine Expertise, um die Einsatzkräfte zu beraten. Als die Mellum am Unfallort eintrifft, sieht das Team gleich das massive Loch in der Stena Immaculate, das der Frontalaufprall der Solong Backbord gerissen hat. Der erste Auftrag: Die Mellum soll zur mittlerweile drei Seemeilen entfernten Solong fahren, die noch in Brand steht.

Im Einsatz auf hoher See: Tim Bergmann von der Feuerwehr Bremerhaven war als Fachberater bei der Schiffskollision Mitte März vor der Küste Englands vor Ort.

Im Einsatz auf hoher See: Tim Bergmann von der Feuerwehr Bremerhaven war als Fachberater bei der Schiffskollision Mitte März vor der Küste Englands vor Ort. Foto: privat

Vor Ort erwartet die Besatzung eine Überraschung. Die Wassertiefe ist für die Mellum zu gering, so dass der Kapitän entscheidet, nicht näher heranzufahren, sondern zu warten, bis der brennende Frachter von den Bergungsschiffen in tiefere Gewässer geschleppt ist. Es geht zurück zur Immaculate.

Hightech-Drohne hilft bei Lagebewertung

Die auf der Mellum vorhandene Hightech-Drohne wird gestartet, der Drohnenpilot steht am Oberdeck, Tim Bergmann auf der Brücke am Bildschirm, um die Bilder auszuwerten. Es gilt, Brandnester mittels Wärmekamera zu entdecken und Informationen zu sammeln. „Wir waren das einzige Behördenschiff vor Ort“, sagt Bergmann.

Mit den Einsatzkräften der Bergungsschiffe und der englischen Küstenwache, die den Einsatz von Land koordiniert, besprechen sie die Lage. Das Havariekommando Cuxhaven hat zusätzlich noch ein Ölüberwachungsflugzeug der Marine aus Nordholz geschickt, das die Situation aus der Luft klärt. „Man muss sagen, dass wir in Deutschland ein hervorragend funktionierendes System haben, wir sehr schnell reagieren können und gut ausgestattet sind“, sagt Tim Bergmann. Im Hintergrund agiert das Havariekommando und organisiert bei Bedarf weitere Unterstützung.

Auch beim Schiffsunglück im März funktioniert alles. „Eine extrem gute Zusammenarbeit aller“, schwärmt Bergmann. Das reiche vom Matrosen und Koch auf der Mellum bis hin zum Einsatzleiter des Havariekommandos.

Am nächsten Vormittag wird die Mellum zurück zur Solong beordert, da dort nach wie vor Container brennen. Erneut startet die Drohne, Tim Bergmann wertet die Bilder aus und berät die Bergungsexperten. „Den Leuten vor Ort fehlte die Draufsicht, insofern war unsere Hilfe mit der Drohne schon sehr wichtig.“ Selbst löschen muss die Mellum nicht, die Lage scheint unter Kontrolle, am nächsten Abend wird das Schiff von der englischen Küstenwache aus dem Einsatz entlassen.

Für Tim Bergmann ein gelungener, aber auch besonderer Einsatz. „Normalerweise verlasse ich als Feuerwehrmann den Einsatzort nicht, bevor der Brand gelöscht ist“, sagt er und lacht. Doch um an Bord zu gehen und vor Ort zu löschen, wäre sein Team notwendig gewesen. Seine Aufgabe als Fachberater war eine andere.

Anderes Vorgehen in deutschen Gewässern

Dennoch beschäftigt es den passionierten Schiffsbrandbekämpfer im Nachhinein. „Die Löscharbeiten wurden hier vom Wasser aus vorgenommen.“ Aus Bergmanns Sicht ist das ungewöhnlich. „Wäre das Unglück in deutschen Gewässern passiert, wäre das Vorgehen sicher ein anderes gewesen“, sagt er. Doch am Ende geht alles gut, auch die befürchtete Umweltkatastrophe bleibt aus. Die Mellum läuft vier Tage später wieder in Wilhelmshaven ein, der Einsatz ist beendet.

Der Kapitän der Solong wurde festgenommen. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der grob fahrlässigen Tötung im Zusammenhang mit der Kollision ermittelt. Mittlerweile wurde Anklage erhoben.

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