Zähl Pixel
Kritik

T„Schnellschuss“: Das sagen Tankstellenbetreiber im Kreis Stade zum Spritgesetz

Mittelständische Tankstellen spüren die Folgen des neuen Spritgesetzes im täglichen Betrieb. (Symbolbild)

Mittelständische Tankstellen spüren die Folgen des neuen Spritgesetzes im täglichen Betrieb. (Symbolbild) Foto: Stehr

Seit dem 1. April gilt: Nur um 12 Uhr dürfen Tankstellen die Preise erhöhen. Verbraucher sollen so vor Preiswillkür geschützt werden. Doch Tankstellen im Kreis sehen das kritisch.

author
Von Steffen Buchmann,
author
Von Susanne Helfferich,
author
Von Jan Bröhan
Donnerstag, 02.04.2026, 12:41 Uhr

Landkreis. „Bei der Raisa eG, die 40 Tankstellen zur Nahversorgung betreibt, sieht man keinen Preiseffekt“, teilt Stella Buhrfeind vom Raisa-Vorstandsstab dem TAGEBLATT mit.

Man halte das Gesetzgebungsverfahren zum 1. April für einen „fachfremden Schnellschuss“ mit unabsehbaren Kollateralschäden für Verbraucher und Tankstellenbetriebe und für „ordnungspolitisch falsch“.

Selbstständige Tankstellen und Großkonzerne arbeiten gleich

Bei Rieper in Jork hat sich das neue Gesetz schon am Mittwochmorgen an den Zapfsäulen bemerkbar gemacht. „Das Tankverhalten wird sich verändern“, sagt Klaus Rieper, „die Leute werden verstärkt vor 12 Uhr tanken“, vermutet er.

Die großen Konzerne beobachten den Marktpreis und richten danach den Verkaufspreis. Danach richten sich auch selbstständige Tankstellen, so Rieper. „Wir kaufen ja nicht besser ein als die Großen.“ Da die Preise aber jederzeit runtergeschraubt werden können, könne es nach Erhöhungen auch täglich eine Spirale nach unten geben, vermutet Rieper.

Tatsächlich zeigte sich das am Donnerstag: Für viele Autofahrer gab es eine kleine Überraschung, denn die Preise an den Zapfsäulen sanken im Laufe des Tages. Während die Bandbreite vor 12 Uhr noch zwischen 2,15 und 2,23 Euro pro Liter Super lag, waren die Werte am Nachmittag zwischen 2,13 und 2,20 Euro.

Im Südkreis ist das Benzin günstiger als im Norden

Das TAGEBLATT hat die Preisgestaltung von fünf Tankstellen im Landkreis Stade willkürlich beobachtet. Hoyers Tank Treff im Stader Süden blieb sich treu: Vormittags und nachmittags lag der Preis für einen Liter Superbenzin bei 2,20 Euro. Aral in Himmelpforten nahm erst 2,23 Euro und dann 2,20 Euro. Bei Oil in Drochtersen sank der Preis von 2,20 auf 2,17 Euro.

Auch bei Raisa in Fredenbeck gab es eine Entwicklung nach unten – von 2,16 auf 2,15 Euro. Im Gleichschritt marschierten bft Willer in Buxtehude und die Classic-Tankstelle in Apensen: zuerst 2,15 Euro, dann 2,13 Euro.

Auffällig ist: Im Süden des Landkreises ist das Benzin günstiger als im Norden, um bis zu acht Cent pro Liter.

Weniger Stress durch faire Preise

Sybille Schütt vom Autohaus Schütt aus Drochtersen-Dornbusch sieht in einer fairen Preisgestaltung einen klaren Vorteil. „Ich bin überzeugt, dass wir alle ein bisschen ruhiger werden können“, sagt sie. Wenn Kunden wüssten, dass sie sich auf einen fairen Preis verlassen können, würde laut Schütt der Stressfaktor erheblich sinken.

Für Schütt fördert die Gewissheit über die Preisgestaltung nicht nur eine positive Kundenbindung, sondern führt auch zu einer stärkeren Loyalität.

Claus Rinck, Betreiber der Hans-Rinck-Tankstelle an der B73 in Nottensdorf, wollte sich gegenüber dem TAGEBLATT nicht zum Thema äußern.

Eingriff am falschen Ende der Lieferkette

Anna Völksen, deren Familie eine freie Tankstelle in Hedendorf betreibt, steht dem neuen Gesetz kritisch gegenüber. „Wir halten nicht viel davon“, sagt sie. Sie glaube nicht, dass sich die neue Regelung am Ende des Tages positiver auf die Preise für Endkunden auswirkt.

Anna Völksen aus Hedendorf zum Spritgesetz: „Wir halten nicht viel davon.“

Anna Völksen aus Hedendorf zum Spritgesetz: „Wir halten nicht viel davon.“ Foto: Stehr/Archiv

Für sie sei das Spritgesetz „ein Schritt weg von der freien Marktwirtschaft“ und erschwere das Geschäft für Mittelständler, die keinem großen Konzern angehören. „Es setzt am falschen Ende der Lieferkette an“, ergänzt sie. Es seien nicht die Tankstellenbetreiber, die bei hohen Preisen mehr verdienen. Stattdessen solle der Staat die hohen Steuern senken, um die Verbraucher wirklich zu entlasten, fordert Völksen.

Im laufenden Betrieb zeigen sich ebenfalls erste Folgen. „Wir dürfen die Preisumstellung nicht mehr verpennen“, sagt Völksen. Anders als bei automatisierten Konzernen stellen die Hedendorfer die Preistafel noch manuell um. Positiv sieht Anna Völksen hingegen, dass das vorherige Preis-Roulette nicht mehr stattfinde.

Tankstellenverband kritisiert „überhastete Einführung“

Der Bundesverband freier Tankstellen (bft) äußerte sich zuletzt kritisch gegenüber den Gesetzesplänen der Bundespolitik. „Der Gesetzentwurf setzt an der falschen Stelle an“, erklärte Daniel Kaddik, bft-Hauptgeschäftsführer, im März in einer Pressemitteilung. „Er reguliert die Preise an der Zapfsäule, ohne die eigentlichen Ursachen der Preisentwicklung im Großhandel, auf den Beschaffungsmärkten und bei den staatlichen Belastungen zu adressieren.“ Bft ist im Landkreis mit mehreren Tankstellen vertreten.

bft-Hauptgeschäftsführer Daniel Kaddik kritisiert das neue Spritgesetz, das den Kraftstoffpreis seit dem 1. April reguliert.

bft-Hauptgeschäftsführer Daniel Kaddik kritisiert das neue Spritgesetz, das den Kraftstoffpreis seit dem 1. April reguliert. Foto: Simon Blackley simonblackley.

„Gleichzeitig zeigt der Start am 1. April sehr deutlich die praktischen Herausforderungen der Umsetzung“, sagt Kaddik auf Nachfrage. Insbesondere bei mittelständischen und inhabergeführten Tankstellen erfolge die Preisumstellung teilweise manuell. Die überhastete Einführung der Regelung führe hier nachvollziehbar zu technischen und operativen Problemen.

„Das bestätigt unsere Kritik“, sagt Kaddik. „Regulierung muss sich an der Praxis orientieren und ausreichend Vorlauf für eine saubere technische Umsetzung lassen.“

Update (2. April, 16 Uhr): Entwicklung der Spritpreise im Kreis Stade wurde ergänzt.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel