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Handy aus - Leben an

TSmartphone-Experiment in Stade: „Wir holen uns unsere Zeit zurück“

An der Stader Realschule ProMint läuft zurzeit ein Handy-Experiment unter der Anleitung von Jacob Weizman.

An der Stader Realschule ProMint läuft zurzeit ein Handy-Experiment unter der Anleitung von Jacob Weizman. Foto: Stehr

Apps auf dem Smartphone stehlen unsere Zeit. Die will Coach und Autor Jacob Weizman jetzt Stader Schülern, Eltern und Lehrern zurückgeben. Der Bedarf ist groß.

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Von Lena Stehr
08.09.2026, 17:50 Uhr

Stade. Gut 30 Siebt- und Achtklässler der Realschule ProMint in Stade kommen in die Aula, fast alle mit ihrem Schultablet unter dem Arm. Jacob Weizman schickt sie direkt wieder raus, damit sie sich Zettel und Stift holen. „Heute läuft hier alles analog statt digital“, sagt der 36-Jährige. Es ist der Auftakt eines vierwöchigen Handy-Experiments.

Der Handykonsum hat Jacob Weizman krank gemacht

Das findet statt, weil Schulleiterin Ute Pieper etwas aufgefallen ist. „Sobald unsere Schüler nachmittags ihre Smartphones aus dem Handysafe holen, starren sie drauf und sind direkt wieder gefangen“. Sie selbst gucke bei Langeweile auch lieber aufs Handy, als eine Zeitschrift zu lesen, gibt sie zu. Deswegen kommt jetzt Jacob Weizman ins Spiel.

Jacob Weizman will Schülern, Lehrern und Eltern helfen, ihren Handykonsum einzuschränken.

Jacob Weizman will Schülern, Lehrern und Eltern helfen, ihren Handykonsum einzuschränken. Foto: Stehr

Der gebürtige Münchner war viele Jahre Standortleiter eines mittelständischen Unternehmens - erfolgreich, ständig erreichbar und immer online, sagt er über sich. Irgendwann habe der Handykonsum ihn krank gemacht.

Inzwischen habe er viele Apps gelöscht, seine Handyzeit auf zwei Stunden täglich reduziert - und hilft anderen dabei, ebenfalls einen bewussten und selbstbestimmten Umgang mit dem Smartphone zu entwickeln. Darum geht es auch in seinem Buch „Smartphone aus - Leben an“.

Unter dem gleichen Titel läuft das vierwöchige Programm, das jetzt an der Realschule in Stade gestartet ist. Schüler, Lehrer und Eltern sind mit im Boot. Und lernen in kurzen täglichen Einheiten Schritt für Schritt, wie sie ihren Umgang mit dem Smartphone verändern können.

Bei der Auftaktveranstaltung mit den Siebt- und Achtklässlern wird deutlich: Alle Schülerinnen und Schüler haben ein Handy, keiner will darauf verzichten - und fast alle hatten schonmal das Gefühl, dass sie zuviel am Handy sind.

Im Schnitt sind Jugendliche sieben Stunden täglich am Handy

Die 13-jährige Malina verbringt täglich fünf bis sieben Stunden am Handy, schätzt sie. Hauptsächlich bei TikTok und Instagram oder beim Schreiben mit Freunden. Amelie (14) kommt auf fünf Stunden Handykonsum, telefoniert viel über WhatsApp. Auch Jonas und Hannes (beide 13) telefonieren viel über WhatsApp und gucken Videos auf TikTok, geschätzt etwa drei Stunden täglich.

Damit liegen sie sogar noch unter dem Schnitt. Laut einer Studie der OECD verbringen Zwölf- bis 17-Jährige täglich durchschnittlich sieben Stunden am Handy. Die Realschüler rechnen aus: Etwa alle fünf Minuten und damit 180 Mal wird das Gerät aktiviert. Kurz darauf sind alle geschockt.

„Stellt euch vor, ihr geht in 60 Jahren ins Kino und guckt den Film eures Lebens. Aber erstmal bleibt die Leinwand schwarz“, sagt Jacob Weizman. Denn: Wenn wir so viele Stunden täglich am Handy verbringen, summiere sich das auf 25 bis 28 Jahre.

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Wer täglich zwei Stunden weniger am Handy sei, gewinne etwa 30 Tage freie Zeit im Jahr. „Das sind einmal Sommerferien“, sagt Jacob Weizman. Den Jugendlichen fällt auch direkt vieles ein, was sie mit mehr Zeit gerne machen würden: Mountainbike fahren, Sport, Lego bauen oder mit Freunden rausgehen.

Das Problem mit der Handynutzung: Alle Apps seien dafür konzipiert, möglichst viel von unserer Zeit und Aufmerksamkeit zu bekommen. Wer Michael Endes Roman Momo kennt, denkt dabei sofort an die grauen Männer, die von der gestohlenen Zeit der Menschen leben.

Jacob Weizman will, dass die Schülerinnen und Schüler das verstehen. Und dazu anregen, die Regie über das eigene Leben wieder selbst zu übernehmen. „Wir holen uns unsere Zeit zurück“, ist das Motto. Die meisten glauben, dass sie das lernen können.

Süchtig nach sozialen Medien

Eine Studie der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt: Mehr als ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland nutzt soziale Medien riskant oder krankhaft. Etwa 4,7 Prozent von ihnen gelten als süchtig. Das betrifft knapp 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche.

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