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Bremerhaven

TTerror-Anschlag in Klinik geplant: So soll sich Vincent B. radikalisiert haben

Am Montag begann in Bremen der Prozess gegen zwei Männer, die einen Terror-Anschlag auf eine Klinik in Bremerhaven geplant haben sollen. Einer der Angeklagten ließ eine Erklärung von Anwalt Manar Taleb (rechts) verlesen.

Am Montag begann in Bremen der Prozess gegen zwei Männer, die einen Terror-Anschlag auf eine Klinik in Bremerhaven geplant haben sollen. Einer der Angeklagten ließ eine Erklärung von Anwalt Manar Taleb (rechts) verlesen. Foto: Focke Strangmann/dpa

Der Angeklagte im Terror-Prozess in Bremen schaute Videos, auf denen Menschen enthauptet und gefoltert werden. Danach entwickelte er offenbar den Wunsch, selbst andere zu töten.

Von Klaus Mündelein Dienstag, 24.02.2026, 11:47 Uhr

Bremerhaven. Am Montag beginnt der Prozess gegen einen 35-jährigen Mann und seinem 20 Jahre alten Neffen. Der Zuschauerraum ist prall gefüllt mit zumeist jungen Menschen. Dazu kommen etliche Medienvertreter. Der Fall ist sehr ungewöhnlich.

Die Angeklagten sollen im Sommer vergangenen Jahres einen Anschlag mit einem Sprengstoffgürtel auf eine Klinik in Bremerhaven geplant haben. Zu der Tat kam es nicht. Die Ermittler griffen ein, als die Angeklagten noch versuchten, über das Internet an die Materialien zu gelangen.

Angeklagte wurden in Cuxhaven geboren

Beide wurden in Cuxhaven geboren, tragen deutsche Namen. Während sich der Onkel vorerst nicht äußern will, gibt der Neffe eine Erklärung ab, zeigt sich geständig und beantwortet zumindest teilweise die Nachfragen von Richter Jan Grupe.

Vincent B. trägt im Gerichtssaal ein schwarzes Hemd und schwarze Hosen. Vielleicht ist das Ausdruck seiner düsteren Fantasien. In seiner rechten Hand bewegt er ständig einen giftgrünen Knetball, während er spricht. Er schildert sich als psychisch kranken Menschen, der unter Autismus leidet. Er lebte in Bremerhaven bei seiner Mutter. Aber Vertrauen hatte er nur zu seinem Onkel Felix B. „Er war wie ein großer Bruder“, sagt er.

Vincent B. sitzt im Gefängnis

Der Prozess beginnt einen Tag nach seinem 20. Geburtstag. Aber zu feiern gab es nichts. Vincent B. sitzt in der JVA Oslebshausen ein. „Ich lebe hier isoliert“, sagt er. In seiner Zelle schreibe er Briefe und lese den Koran.

Einmal wöchentlich besucht ihn seine Mutter. Er sei aber kein Moslem, er bete nicht. Er interessiere sich aber für den Islam und den Koran. Seinen Onkel kenne er nur als Moslem. Einen islamistischen Hintergrund habe die Tat aber nicht.

Davon geht die Staatsanwältin aber aus. Sie spricht von einer staatsgefährdenden Gewalttat und sieht Zeichen für eine radikal-islamistische Anschauung. Allerdings sind die beiden nicht angeklagt wegen Gründung oder Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Womöglich gehörte sie zu denen, die sich selbst im Internet radikalisiert haben.

Vincent B. redet schnell und leise. Mehrfach muss einer der Richter nachfragen. Er habe keinen Schulabschluss, sei mit 18 ausgeschult worden. Er berichtet zudem von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche und dass er zu 80 Prozent behindert sei.

Als 13-Jähriger habe er IS-Videos von Enthauptungen und Folterungen gesehen. Seitdem habe er wissen wollen, wie es sich anfühlt, jemanden zu töten. „Ich wollte diese Gedanken nicht“, sagt er. Zwei Monate vor der Festnahme im August vergangenen Jahres habe er seinem Onkel davon erzählt. „Da könne man was machen“, habe der gesagt.

Neffe zeigt Reue nach vereiteltem Terror-Anschlag in Bremerhaven

Seit Jahren schätzt er seinen Onkel Felix B. besonders. Er fühlt sich von ihm besser verstanden als von seiner Mutter und seinem Therapeuten und berichtete ihm auch von seinen Selbsttötungs-Gedanken. Er habe ihm aus dem Koran vorgelesen, über das Zusammenleben im Islam berichtet und „über schöne Sachen im Jenseits.“

„Ich bereue zutiefst, mich auf die Pläne eingelassen zu haben, ich habe mich von meinem Onkel beeinflussen lassen.“ Ohne ihn wäre das alles in dem Ausmaß nicht passiert, beteuert er.

Onkel soll versucht haben, Sprengstoffweste nach IS-Anleitung zu bauen

Eine konkrete Klinik als Anschlagsort habe man erst aussuchen wollen, wenn die Sprengstoffweste fertig sei, sagt der Neffe. Der Onkel habe versucht, ein Exemplar nach IS-Anleitung zu bauen. Es gab offensichtlich einen ersten Versuch, aber die Explosion gelang nicht.

Über zwei Online-Plattformen wurde das Material bestellt: Kalziumnitrat, Salzsäure und Magnesiumsulfat gehörten dazu. In der Küche von Vincents B. Großmutter sollte alles zusammengemixt werden. Gegen die Frau läuft ein gesondertes Verfahren, bestätigt die Staatsanwaltschaft auf Nachfrage.

Weste mit Metallteilen sollte möglichst viele Menschen töten

Weil das Geld nicht reichte und die Ermittler einschritten, kam es nicht mehr zum Bombenbau. Wie perfide die Konstruktion geplant war, offenbart ebenfalls die Anklageschrift. Die Weste sollte mehrlagig sein.

Über einem Sprengstoffgürtel sollte eine schusssichere Weste angelegt werden. Darüber sollte dann ein weiterer Sprengstoffgürtel gelegt werden. Zum Abschluss war eine weitere schusssichere Weste mit vielen Metallteilen geplant, um möglichst viele Menschen zu töten oder zu verletzen.

Richter Grupe lehnt den Antrag des Angeklagten ab, den Prozess hinter verschlossenen Türen zu führen. Er hat viele Nachfragen. Eine Formulierung aus der Erklärung beschäftigt ihn besonders. „Solche Menschen“ steht da und meint diejenigen, die beim Anschlag getötet werden sollten. Wen meint er? Eine Antwort gibt es nicht. Als ihn der Richter fragt, wie er sich sein Leben nach dem Prozess vorstellt, kam zunächst nichts, bis der Anwalt ihm zuredete. Er wolle arbeiten und weiterhin psychisch behandelt werden.

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