TTulpe: Eine beliebte Blume, die für einen Börsencrash sorgte
Ein Tulpenmeer. Foto: Wolfgang Kurtze
Ostern ist Tulpenzeit. Seit dem 13. Jahrhundert wird die Blume in Europa kultiviert, doch heute ist vieles anders: Einblicke in eine neue, bunte und bizarre Tulpenwelt.
Landkreis. Tulpen sind beliebt. Die ungeheure Farben- und Formenvielfalt der Kronblätter hat von jeher die Menschen begeistert. Heute gibt es sattrot, zartrosa oder tief dunkelblau blühende Tulpen. Die Blütenblätter können gefranst, wellig, oval oder spitz sein. Dazu vermitteln sie eine naturnahe Frische im Raum.
Tulpen werden von kurz nach Weihnachten bis zum Sommer angeboten. Gärtnereien ermöglichen das je nach Bedarf durch variable Zuführung von Licht und Wärme. Aber es war ein sehr weiter Weg, ehe Tulpen massenhaft produziert werden konnten. Die lange Geschichte der Tulpenzucht hat in den letzten Jahren wieder ungeheuer an Fahrt und Dynamik aufgenommen - und sie wird Überraschendes bieten.
Ab 1550 sorgte die Blumen für ein „Tulpenfieber“
Die Tulpenzucht begann in Mittelasien, ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet. Etwa von der Türkei bis in die weiten Steppen Chinas hinein blühen die meisten wilden Tulpen. Es scheint sicher, dass ab dem 13. Jahrhundert Tulpen kultiviert wurden. Die schönen Blüten fanden bald in Europa Interesse. Adelige holten die Blütenpracht in ihre herrschaftlichen Schlossgärten.
Sicher ist, dass ab 1550 die ersten Tulpenzwiebeln die Menschen in Europa so sehr beglückten, dass es zu einem wahren „Tulpenfieber“ kam. Für Tulpenzwiebeln wurden von Wohlhabenden in Holland ungeheure Preise geboten. Sie schnellten massiv in die Höhe, aber der Markt wurde bald von Tulpenzwiebeln überschwemmt. 1637 kam es in Holland wegen des Überangebots zum Börsencrash.
Beliebt waren die Tulpen dennoch: „Die Bäume stehen voller Laub/Das Erdreich decket seinen Staub/Mit einem grünen Kleide/Narzissus und die Tulipan/Die ziehen sich viel schöner an/ Als Salomonis Seide“, dichtete Paul Gerhard. Dieses Lied erschien 1601 in den Gesangbüchern. Es zeigt, mit welcher Freude die Tulpenblüte im Frühjahr begleitet wurde.
Erst Mendels Regeln ermöglichten gezielte Zucht
Tulpen waren bereits zu dieser Zeit in großer Vielfalt zu bestaunen, doch eine zielgerichtete Zucht war noch nicht möglich. Hier und da entstanden besonders spezielle Tulpen mit farbsatten, gefransten oder gigantisch großen Blüten. Von ihnen ließen sich weitere Zwiebeln für das nächste Jahr abzweigen. Aber das ergab nie die Sicherheit, auch im nächsten Jahr von einer Pflanze mit knallroten Blüten abermals eine Pflanze mit knallroten Blüten zu erhalten. Die Regelhaftigkeit der Pflanzenzucht erkannte man durchaus, aber immer wieder spielten die Tulpengene den Züchtern einen unerwarteten Streich.

Ein Tulpenmeer. Foto: Schaffhäuser
Das änderte sich, als 1866 die „Mendelschen Regeln“ bekannt wurden. Der Mönch Gregor Mendel konnte durch Kreuzungsversuche an Pflanzen zum Beispiel nachweisen: Bestimmte Merkmale verhalten sich „dominant“, andere „rezessive“ Merkmale wiederum können von dominanten Merkmalen überdeckt werden. Erst 1910 erkannte die Forschung, dass in den Chromosomen gelagerte „Gene“ die Ausprägung der Merkmale bestimmen. Damit waren Möglichkeiten für eine gezielte Tulpenzucht gegeben. So fanden Züchter zum Beispiel heraus, dass sich die rote Blütenfarbe dominant vererbt.
Phänomene der Natur
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Aber die Zucht ist nicht einfach: Wenn zum Beispiel Tulpen mit bestimmten Merkmalen gekreuzt werden, kann das nur in einem abgeschlossenen Raum geschehen. Nur so können die Pollen mit einem Pinsel präzise von einer väterlichen Tulpe auf die Narbe der Muttertulpe gebracht werden. Emsige Bestäuber wie Bienen oder der Wind können da gewaltig stören und die Ergebnisse verfälschen. Erst nach der Befruchtung, nachdem Samen vorhanden sind und die Pflanze blüht, erst dann kann nach einigen Jahren beurteilt werden, ob eine neue Zuchtform entstanden ist.
Geduld ist gefragt, ob sich die neue Tulpe im Garten bewähren kann. Hat die neue Tulpe die gewünschte Farbe? Passen Dicke und Länge des Stiels? Verblüht sie zu schnell? Ist die neue Tulpe anfällig gegenüber Krankheiten? Bis zur Zucht einer neuen Tulpensorte dauert es 20 oder sogar 30 Jahre. So war es bisher.
Kombination von DNA-Schnipseln in der Tulpenzucht
Doch ab etwa 2015 hat sich alles drastisch verändert: Die Erkenntnisse der molekularen Genetik wurden genutzt. Wissenschaftler von finanzstarken Firmen schauten noch viel tiefer in die Tulpen-Genetik hinein. Sie betrachteten die Tulpen-DNA. Ein DNA-Molekül lässt sich - stark vereinfacht - wie eine lange Kette vorstellen. Jeder Kettenabschnitt beherbergt eine bestimmte Erbinformation. Zunächst waren die Forscher überrascht: Alle DNA-Ketten einer Tulpe sind aneinandergereiht etwa elfmal so lang wie die des Menschen.

Tulpen. Foto: Paulin
Doch es gelang, die vielen Funktionen der einzelnen DNA-Abschnitte aufzuklären. Damit war zum Beispiel bekannt, welche DNA-Teile Farbe, Blühfreude oder Stieldicke bestimmen. Es gelang auch, DNA-Teile zu schneiden und sie wieder miteinander zu verbinden. Diese DNA-Schnipsel können neu kombiniert und für Züchtungen verwendet werden. Es ist auch möglich, DNA-Ketten anderer Pflanzen in die Tulpen-DNA einzuschleusen. So könnte die Gentechnik auch bei Tulpen Einzug halten. Es können zum Beispiel Tulpen mit völlig neuen Blütenformen entstehen; welche, die widerstandsfähiger gegen Krankheiten sind und weniger Pflanzenschutzmittel benötigen. Oder Tulpen mit neuen Farbmustern. Womöglich eine Reise in eine neue, bunte und bizarre Tulpenwelt.
Das Buch und die Serie
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte und in Jahreszeiten gegliederte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.