TUnkraut? Das rekordverdächtige Hirtentäschelkraut hat die ganze Welt erobert
Es fällt kaum auf, verbreitet sich aber über die ganze Welt: das Hirtentäschelkraut. Foto: Paulin
Ein unscheinbares Kraut hat die Welt erobert. Eine einzige Pflanze kann im Jahr 60.000 Samen produzieren. Das Hirtentäschelkraut ist widerstandsfähig und sehr erfolgreich.
Es gibt Pflanzen, die genau da wachsen, wo wir sie nicht haben wollen. Oft sind sie unseren Kulturpflanzen durch schnelles Wachstum überlegen und sehen auch nicht besonders schön aus. Pflanzen mit diesen Eigenschaften werden schnell „Unkräuter“ genannt.
Sollen sie verschwinden, wird schnell zur chemischen Keule gegriffen, und schon herrscht Ruhe. So haben Radieschen oder Kartoffeln keine Konkurrenz mehr. Dass „Unkräuter“ uns nahezu unverwüstlich erscheinen, liegt oft an ihren sehr speziellen Eigenschaften, die sie haben, um sich zu vermehren. Ein Beispiel: das Hirtentäschelkraut.
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Diese unscheinbare Pflanze hat den Namen von seinen kleinen Früchten bekommen, die einer Hirtentasche ähnelten. Solche Taschen gibt es nicht mehr, doch der Name Hirtentäschelkraut ist geblieben.
Pro Stängel 320 und übers Jahr 60.000 Samen
Seine Minifrüchtchen sind nur etwa acht Millimeter lang. Öffnet man sie, dann finden sich darin etwa 16 winzige Samen, die weniger als einen Millimeter groß sind. Auf jedem Stängel können sich etwa 20 solcher Früchte entwickeln. Rechnerisch macht das pro Stängel 20 mal 16 gleich 320 Samen.
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Ein Hirteltäschelkraut vermag pro Jahr leicht und locker fünf Stängel hervorzubringen. Und schon sind es 1600 Samen pro Jahr. Etwas begüllte, besonnte und ausreichend mit Wasser versorgte Prachtexemplare können ein Jahr überdauern, im Folgejahr weiterwachsen und noch mehr Samen entwickeln. Eine einzige Pflanze kann im Jahr mehrere Exemplare hervorbringen und auf diese Weise, so berechneten Botaniker, mehr als 60.000 Samen produzieren. Das ist rekordverdächtig.
Die extrem leichten Samen werden durch Wind und Wasser in alle Richtungen verbreitet. Und irgendwo bleibt so ein Leichtgewicht in einer kleinen Bodenritze liegen, erhält Licht, Wasser und Nährstoffe - und schon keimt es und eine neue Pflanze wächst heran.
Pflanze, die in Rindermägen und Bauschutt überlebt
Nehmen Fadenwürmer, Regenwürmer oder Käfer diese Samen auf, keimen Hirtentäschelsamen noch besser. Auch die Mägen von Rind, Ziege und Reh können ihnen rein gar nichts anhaben, und so wandern die Samen durch den Darm, werden ausgeschieden und keimen. Sind die Samen frisch und klebrig, bleiben sie an Vogelbeinen haften und lassen sich so weit verbreiten. Auch durch Bach-und Flusswasser werden die Samen fortgespült und verbreitet.
Besonders erstaunlich: Geraten die Samen in Bauschutt, können sie sogar Jahrzehnte überdauern und keimen. Kurzum: Die Samen des Hirtentäschelkrauts sind ein leuchtendes Beispiel für eine Ausbreitung, in die fast das gesamte Ökosystem höchst erfolgreich eingebunden ist. So muss es nicht verwundern, dass das Hirtentäschelkraut die Welt erobert hat.
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Die Welt könnte also vom erfolgreichen Hirtentäschelkraut bedeckt sein. Doch so einfach geht das nicht. Denn wie jede Pflanzenart eine Strategie zur Ausbreitung entwickelt hat, so sind bei anderen Pflanzen Gegenstrategien gleichermaßen vorhanden. Diese Gegengewichte bedingen die ungeheure Vielfalt unserer Vegetationsdecke. Es sei denn, der Mensch greift durch Herbizide oder Düngung ein. Dann ist das System gestört und manchmal massiv in Unordnung.
Serie und Buch
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.
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