TUnvergessliches Fußball-Comeback: Jupp Hesses Weg zu mehr Lebensfreude
Ballgefühl: Jupp Hesse macht's brasilianisch in der Kabine des TSV Großenwörden. Foto: Meyer
Jupp Hesse vom TSV Großenwörden II verlor in einer schwierigen Lebensphase die Lust am Fußball, entdeckte sie wieder und erlebte „eines der geilsten Gefühle“. Wie?
Großenwörden. Dieses Gefühl am 13. September 2025 wird Jupp Hesse (19) nie vergessen. Es läuft die 64. Minute gegen Wischhafen/Dornbusch III, es steht 1:1. Der Großenwördener - als Joker zur zweiten Halbzeit gekommen - legt sich den Ball an seinem Gegenspieler vorbei, umkurvt den Torwart und schiebt aus spitzem Winkel ein.
Adrenalin durchströmt Hesse. Er jubelt mit dem Team. Sie schreien seinen Namen. „Jupp, jaaa!“ Sie wissen, welche Emotionen dieses Gefühl freisetzt. Das Gefühl, sein erstes Herrentor zu schießen. Fünf Minuten lang entscheiden sich seine Lippen für ein Lächeln. Dann lässt er sich auswechseln. Hesse kann nicht mehr - wegen des überschwänglichen Jubels.
Jupp Hesse kennt das Tor-Gefühl - ein anderes aber noch nicht
140 Tage später sitzt Hesse in der Kabine des TSV und spricht über sein Tor: „In meinem gesamten Leben war das echt eines der geilsten Gefühle.“ Für den Sieg reichte das Tor nicht - 3:3. Der in der 4. Kreisklasse unabsteigbare TSV Großenwörden II holte seinen einzigen Punkt in der Saison.
Zumindest ein Testspiel gewannen die Unabsteigbaren. Am 29. Juli beim 4:3 gegen Rivale Wischhafen lag Hesse im Krankenhaus. Der Rechtsaußen ist verletzungsanfällig. Hesses Diagnose: „Umknickeritis.“.
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Das Gefühl, seinen ersten Sieg auf dem Platz mitzuerleben, will er in der Rückrunde erleben. Auf jeden Fall am 10. Mai. Hesse malt sich den Gedanken im Kopfkino aus: Dieses Spiel gegen Tabellennachbar Wischhafen zu gewinnen und sie am Ende der Saison hinter sich zu lassen müsse sich wie ein Titelgewinn anfühlen.
Fußball und Kinder geben Hesse Lebensfreude zurück
Hesse bringt Farbe in die weiß geflieste Kabine. Knallgelb. Der Großenwördener trägt ein gelbes Brasilien-Trikot, Modell 2004. Im Bauchbereich steht in einem grünen Kreis eine grüne 10. Es ist ein Trikot von Ronaldinho. Solche Retro-Trikots begeistern ihn. Fußball begeistert ihn. Die Begeisterung am Kicken verlor er zwischenzeitlich.

Trainer, siehst du das? Jupp Hesse zeigt mit dem Finger, welche Position er auch gerne mal anstelle seiner Stammposition im rechten Mittelfeld spielen würde. Wegen dieses Trikots nannte ihn sein Trainer auch schon mal Ronaldinho. Foto: Meyer
2019 hörte er auf. Im Sommer 2024 kam bei der TSV-Sportwoche der Sinneswandel: „Ich hatte so viel Bock, wieder mitzuspielen, wieder in der Mannschaft zu sein.“
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Jupp Hesse hatte „nach Corona eine relativ schwierige Phase“. Er fühlte er sich unwohl mit seinem Körpergewicht. 20 Kilo nahm er ab. Dadurch habe er sein „Selbstwertgefühl“ steigern können. In der Schule lief es auch nicht, wie es sollte. Sportkommentator zu werden, war mal sein Traum. Beim TAGEBLATT war er Schülerpraktikant in der Sportredaktion und berichtete über D/A - D/A-Spieler und Großenwörden-Legende Jannes Elfers ist sein Onkel.
Hesse verabschiedete sich von seinem Traum, probierte es mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Kindergarten in Großenwörden. „Die Kinder haben mir echt viel Lebensfreude zurückgegeben“, sagt Hesse. Aktuell macht der 19-Jährige eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten.
Hesse: „Als wäre das mein Profisport“
Jetzt hat er wieder die Freude am Fußball und Leben zurück. Beim TSV ist Hesse „Dauerbrenner“, sagt Teamkollege Tim Lünser. „Ich versuche, immer da zu sein und mein Bestes zu geben“, sagt Hesse. Zuverlässigkeit schätzt Obmann Dirk Beckmann an ihm. Fußball sei Hesses Nummer Eins - 60 Prozent Spaß, 40 Prozent Ernst. „Dafür lebe ich sozusagen.“
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Hesse verschreibt sich dem Amateurfußball, „als wäre das mein Profisport“. Daher ist es „doof“, wenn das Training ausfällt - und es fällt oft aus. An Spieltagen achtet Hesse auf eine gute Ernährung. Für sein Ziel, seine beste Leistung auf dem Platz abzurufen. Manchmal hängt er das Hobby zu hoch, gesteht er.

Jupp Hesse bei einer seiner Stärken: dem Dribbling. Schnell sei er auch. Und: „Ich kann ein Spiel gut lesen.“ Foto: Meyer
Ambitionen können schnell in Frust schlagen. „Wenn ich nicht die beste Leistung zeige, bin ich enttäuscht.“ Wie beim Spaßkick in der Halle.
Großenwördener will diesen Ruf loswerden
Trikotwechsel. Juppe Hesse trägt die Raute auf der Brust und Jean-Luc Dompé auf dem Rücken. Der HSV-Fan geht kurz nach 20 Uhr in die Halle. Sieben Mitspieler sind zum Training gekommen.

Teamkollege Tim Lünser sagt, Jupp Hesse habe bei seinem ersten Training direkt Krämpfe bekommen. „Stimmt. Das war ein bisschen unangenehm“, antwortet Hesse. Das war bei einem Kopfballverusch. Foto: Meyer
Erst Aufwärmen. Ballgewöhnung heißt hier Bolzen: Die Bälle fliegen im Sekundentakt um die Ohren. Dann Anpfiff. Hesse, „immer für eine starke Aktion gut“ (Beckmann), setzt sich auf Außen durch. Er legt quer und sein Mitspieler schiebt ins leere Tor ein. Als würde Dompé für Robert Glatzel auflegen. Eine Co-Produktion, von der viele HSV-Fans träumen.
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Dann ist es Hesse, der vor dem leeren Tor steht, aus zwei Metern aber vorbeischießt. Er sackt auf den Hallenboden, gräbt sein Gesicht auf die Knie. Frust. Hesse hat den Ruf, viele Torchancen zu vergeben. Er will, dass das Tor-Gefühl vom 13. September 2025 nichts Einmaliges bleibt.
Die Serie „Die Unabsteigbaren“
Der TSV Großenwörden II beendete die vergangene Saison als Letzter der untersten Spielklasse. Absteigen kann man hier nicht - und genau das macht diese Truppe so spannend. Das TAGEBLATT begleitet das Team durch die gesamte Saison. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Menschen, die die Mannschaft und den Verein prägen. Wir wollen zeigen, wie ein Dorfverein tickt, wie eine Amateurmannschaft funktioniert und warum sie trotz Niederlagen den Spaß am Kicken nicht verliert.
Die bisherigen Serienteile
- Teil 1: Das Schlusslicht in der untersten Spielklasse
- Teil 2: TSV Großenwörden kassiert Mega-Klatsche
- Teil 3: Der Mann mit dem goldenen Puschen
- Teil 4: Tim Lünser und Großenwördens Strafenkatalog
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