TViermal zu viel: Was wird aus dem Hagener Weg in Dollern?
CDU-Ratsherr Ralf Kimmel (links) und Hegering-Leiter Manuel Marquardt haben Forderungen. Foto: Meyer
Ratsmitglieder und Jäger sind sauer: Der Hagener Weg ist eine der schlechtesten Straßen im Kreis - ein Daueraufreger mit vier Problemen. Kann ein Tabu diese lösen?
Dollern. 11.500 Fahrzeuge pro Woche muss die Gemeindestraße zwischen Stade-Hagen und Dollern aushalten. Diesen Verkehr halten der Asphalt - gleich zwei Mal wurde der Hagener Weg 2025 saniert - und einige Dollerner nicht aus. Vier Sorgen plagen sie.
Problem 1: Zu viel Durchgangsverkehr am Hagener Weg
Viel überörtlicher Verkehr rollt über den Hagener Weg. Der sei für Pendler ein Schleichweg, die ihn zum Beispiel auf ihrem Arbeitsweg in die Metropolregion Hamburg zu Airbus & Co als Abkürzung nehmen, erklärt Jäger Werner Tiedemann. Der Alternativweg über Agathenburg ist 4,1 Kilometer länger. Verschärft hat sich der Durchgangsverkehr, als 2011 die K30 fertiggestellt wurde.

Navigationssysteme wie Google Maps empfehlen häufig Routen über den Hagener Weg in Richtung Hamburg, zum Beispiel für Pendler von der Stader Geest oder aus dem Raum Bremervörde. Foto: Meyer
Der Verkehr ist nicht nur viel, auch schwer. Es gilt ein „Verbot für Fahrzeuge über 17 Tonnen“ (Anlieger frei). Ralf Kimmel (CDU) moniert, dieses Schild sei aus beiden Fahrtrichtungen zu spät für Lkw & Co sichtbar, die dann nicht mehr wenden könnten - eine Belastung für den Asphalt.
Für das Aufstellen der Schilder ist der Landkreis verantwortlich. Arne Kramer, Leiter des Straßenverkehrsamts beim Landkreis, kündigt Anpassungen an. Am Kreisverkehr an der K30 und an der B73 (hinter Krümet) sollen demnächst Vorwegweiser die Tonnagebeschränkung früher deutlich machen.

Ein Vorwurf: Schwerlastverkehr erkenne die 17-Tonnen-Schilder zu spät, das Umkehren sei dann nicht mehr möglich. Die Kritik richtet sich an den Landkreis, der für die Beschilderung zuständig ist. Foto: Meyer
Warum hält die schmale Straße Tausende Pkw und Lkw nicht aus? Der Hagener Weg war ein Feldweg. Für den Bau des Umspannwerks 1970 wurde er überasphaltiert, damit Schwerlasttransporter Stahlkonstruktionen anliefern konnten. Doch der Unterbau der heute circa 3,2 Kilometer langen Straße ist immer noch ein Feldweg.

Aus dem Buch „Dollern: Die Dorfgeschichte“ (Egon Hagenah und Wolfgang Döpke): Vom Bahnhof wurden 1970 die Stahlkonstruktionen vom 205 Tonnen schweren Transformator auf Lkw umgeladen und anschließend zum Umspannwerk transportiert. Die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG übernahm die Kosten für die Asphaltierung des Hagener Wegs. Foto: Hagenah/Döpke
Deswegen eigne sich der Hagener Weg nicht für große Verkehrsmengen, sagt Marc Feldmann (FDP). Denn der Unterbau einer Straße entscheidet über ihre Tragfähigkeit. Zusammengefasst: Ursache (Straßenunterbau) plus Symptom (Durchgangsverkehr) gleich Wirkung (Straßenschäden).
Problem 2: Zu viele Raser am Hagener Weg
Nicht nur viel und schwerer Verkehr rollt über den Hagener Weg, auch schneller. Kimmel nennt „die Highspeed-Piloten“ als Problem. „Öfter blitzen“, empfiehlt Tiedemann. Wenn es ans Geld gehe, seien die Autofahrer vorsichtiger unterwegs.

In der Vergangenheit variierte die Maximalgeschwindigkeit: Bis Anfang 2021 war 70 km/h erlaubt, dann kam Tempo 50. Zwischenzeitlich stellte die Gemeinde eigenmächtig Tempo-30-Schilder auf. Weil das rechtlich unzulässig war, steht wieder eine 50 auf den Schildern. Foto: Kimmel (nomo)
Fünfmal stand 2025 ein mobiler Blitzer am Hagener Weg, bei 286 Fahrern löste er laut Landkreis aus. Im Oktober waren innerhalb von sieben Tagen 188 zu schnell. Der schnellste Temposünder 2025 erreichte 109 km/h.
Problem 3: Zu viele Wildunfälle am Hagener Weg
Der Domino-Effekt der Raserei: Wildunfälle mehren sich, sagen die Jäger. „Hier sind mit Abstand die meisten Wildunfälle im ganzen Revier“, sagt der ehemalige Jäger Heinrich Pralle.

Die Jäger Ralf Kimmel und Manuel Marquardt plädieren für ein „Gentlement-Agreement“: Die Gemeinde erlasse den Jagdpächtern die Jagdsteuer, im Gegenzug würden diese das tote Wild von den Straßen holen. Foto: Kimmel (nomo)
Manuel Marquardt leitet den 9400 Fußballfelder großen Hegering Horneburg und musste zuletzt ein angefahrenes Reh von seinen Schmerzen befreien, dazu sind Jäger verpflichtet.
Es muss etwas passieren, damit die Leute aufwachen.
Manuel Marquardt, Hegering-Leiter Horneburg
Vier durch Wildunfälle verletzte Tiere plus Dunkelziffer bewegen sich im Gebiet. Die Wildunfälle - rund ein Dutzend pro Jahr - beschäftigen ihn: „Es muss etwas passieren, damit die Leute aufwachen.“

Ein totes Reh Anfang Januar. Im ganzen Hegering Horneburg (17 Reviere auf circa 67 Quadrakilometern) sei der Hagener Weg die Strecke mit den meisten Wildunfällen. Wenn mehr als 80 Kilogramm Wild und ein 70 km/h schnelles Fahrzeug kollidieren, sei es ein Aufprall „wie mit einem Betonklotz“, sagt Heinrich Pralle. Foto: Kimmel (nomo)
Problem 4: Zu viel Wildmüll am Hagener Weg
Eine negative Begleiterscheinung durch den Verkehr: Die Jäger registrierten in der Vergangenheit Autoreifen, Bettgestelle und Bananen am Straßenrand. Anfang Januar lagen Weihnachtsgestecke im Schnee.
„Der Wildmüll ist ein gesellschaftliches Problem“, sagt Feldmann. Jürgen Lemmel ist sich sicher, „dass bald noch mehr Wildmüll in der Weltgeschichte rumliegt“, da DRK und DLRG ihre Altkleidersammlung im Landkreis Stade peu à peu einstellen.

Hier hat sich jemand seiner Weihnachtsdekoration entledigt, nur einen halben Meter neben dem Asphalt des Hagener Wegs liegt das Gesteck mit Tannenzweigen und auch Plastik. Foto: Meyer
Wegen dieser vier Probleme wollte Dollern den Hagener Weg loswerden, doch Kreis und Land wollten diesen „Schwarzen Peter“ nicht - aus bekannten Gründen.
Lösung 1: Warum scheiterte die Entwidmung des Hagener Wegs?
Die wiederkehrenden Straßenschäden belasten die Dollerner Gemeindekasse. Das veranlasste den Straßenbaulastträger, den Weg an Landkreis oder Land abgeben zu wollen. Als Kreis- oder Landesstraße würde sie „ausbaupflichtig“, sagt Jan-Hinnerk Burfeind und nennt damit einen Grund, warum der Landkreis ablehnte.

Die Gemeinde Dollern argumentierte beim Vorhaben, den Hagener Weg abzugeben, sie könne „aufgrund der überwiegend vom überörtlichen Verkehr verursachten Schäden nicht in der Verpflichtung stehen, diese fortlaufend auf eigene Kosten zu beseitigen“. Foto: Vasel
Die Entscheidung stößt auf Unverständnis. Lemmel sagt: „Wer hat es durchgegeben als Durchfahrtsstraße? Der Landkreis.“ Das Verkehrsaufkommen durch die Nutzung des Landkreises als Umleitungsstrecke 2022/2023 habe „quasi zu einem Totalschaden geführt“, sagt Feldmann - weil der Weg seit dem Umbau zur Straße nicht für so viel Verkehr geeignet sei.
Eine Verkehrszählung als Begründung lehnte das Niedersächsische Wirtschaftsministerium ab. Zweimal scheiterte Dollern mit einem Versuch in Hannover.
Nach diesen Fehlversuchen bleibe „der Kostenfaktor für die Gemeinde“, weil der Weg dauersanierungsbedürftig sei, so Martin Dickner (Grüne). Investitionen in andere Ortswege würden dadurch aufgeschoben, bedauert er. Auch Kimmel würde die Steuergelder lieber „sinnvoller“ in andere Projekte investieren.
Kommunale Finanzen
T Kommunen fehlen Milliarden: Horneburger und Altländer schließen sich Appell an
Jan Vermöhlen, Pressesprecher des Bundes der Steuerzahler, sagt: Für die Steuerzahler sei es egal, ob die Gemeinde oder der Kreis den Weg unterhält, da die Finanzlage bei beiden nicht gut aussehe. Für ihn wirke es so, als würden sich die Verwaltungseinheiten den Schwarzen Peter zuschieben wollen.
Einen weiteren Entwidmungsversuch werde es nicht geben, sagt Gemeindedirektor Mirko Sturm. Einige im Rat haben einen Alternativvorschlag.
Lösung 2: Der Hagener Weg als Anliegerstraße mit Tempo 30?
Ein anderer Lösungsansatz, um die Probleme zu bremsen: Der Hagener Weg könnte nur für Anlieger, Landwirte, Jäger, Mitarbeiter und Zulieferer des Umspannwerks frei sein. Zudem soll Tempo 30 gelten. Ratsmitglieder wie Feldmann, Lemmel und Kimmel sind dafür. Kimmel sagt: „Wenn man 30 km/h macht, wird man das Verkehrsaufkommen wahrscheinlich halbieren.“
Doch Letzterer fand für seinen Antrag auf Vollsperrung für den Durchgangsverkehr noch keine Mehrheit im Gemeinderat. „Eine Alternative haben die Gegner der Sperrung aber auch nicht“, sagt Feldmann.
Der Landkreis könne zu dieser Lösung erst Stellung nehmen, wenn es dazu einen Ratsbeschluss gibt. Eine Anliegerstraße befürwortet Unternehmer Volker Mohr - mit einem Zusatz: „Uneingeschränkte Nutzung für den öffentlichen Pkw-Verkehr bis 3,5 Tonnen“. Über den Hagener Weg rollen Kunden zu Mohr, Edeka Drewes oder Krümet, also auch Umsatz. Mohr sagt, jede gesperrte Straße sei „nachteilig“ für die Dollerner Betriebe.
Flecken Horneburg
T Umzingelt von Baustellen: Um die Grundschule Horneburg wird fleißig gebaut
Top-Thema 2025
T Fertige Schulen und Kitas: Horneburgs Kinder haben Grund zum Feiern
Ganztagsbetreuung
T Zu wenige Kinder, zu teuer: Horneburger Hort steht vor dem Aus
Bianka Lange (SPD) sagt, die Gesamtlage um den Hagener Weg sei „besser geworden“. Der Weg bleibe aber dennoch Thema für künftige Ratssitzungen. Christoph Wichern (CDU) wollte sich nicht äußern.
Lösung 3: Hilft Tennet Dollern finanziell?
Es ist utopisch und aus eigener Tasche für Dollern nicht finanzierbar, den Hagener Weg inklusive des Unterbaus zu grundsanieren. Eine Hoffnung, so Burfeind: Vielleicht wird Tennet die Straße ausbauen.
Der Netzbetreiber plant derzeit nicht, das Umspannwerk auszubauen, prüft aber „Erweiterungsmöglichkeiten im Rahmen der Netzverstärkung für die Energiewende, auch für Dollern“, so Tennet-Pressesprecher Peter Hilffert. Zu einer möglichen Beteiligung an einem Ausbau konnte er noch nichts sagen.

Am Umspannwerk beschäftigt Netzbetreiber Tennet 17 Mitarbeiter, jedoch nicht dauerhaft. In unregelmäßigen Abständen werden Verbrauchsmaterialien durch Kleintransporter, seltener durch Lastkraftwagen, geliefert. Foto: Meyer
Ob dies das Ende aller Probleme bedeuten würde, bleibt fraglich. Solange die Probleme die Beteiligten schon aufregen, dürfte eine schnelle Lösung schwierig sein. Und die Verkehrsprobleme könnten sich weiter zuspitzen: Wenn der Hagener Weg Besucher zum Surfpark spült.
Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.