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Interview

TWachstum bei Airbus: Was der Betriebsrat-Vorsitzende jetzt fordert

Das Airbus-Gelände in Nordenham erstreckt sich längst weit über den Stadtteil Einswarden hinaus und soll weiter wachsen. Airbus hat sich Gewerbeflächen an der Neptunstraße sowie im Blexer Industriegebiet gesichert.

Das Airbus-Gelände in Nordenham erstreckt sich längst weit über den Stadtteil Einswarden hinaus und soll weiter wachsen. Airbus hat sich Gewerbeflächen an der Neptunstraße sowie im Blexer Industriegebiet gesichert. Foto: Scheer

Airbus wächst und wächst und wächst. Welche Erwartungen der Betriebsrat an diese Entwicklung hat, macht der Betriebsrat-Vorsitzende Michael Eilers im Interview deutlich.

Von Christoph Heilscher Freitag, 16.01.2026, 04:50 Uhr

Bei Airbus scheint es nur noch aufwärts zu gehen. Was bleibt da für den Betriebsrat zu tun?

Jede Menge. Vor allem die Herausforderungen so mitzugestalten, dass die Interessen der Kolleginnen und Kollegen berücksichtigt werden. Auch wenn der Hochlauf für Airbus, den Standort und auch die Stadt Nordenham sehr positiv ist, gilt es doch, Themen wie Produktion, Abläufe, Arbeitsorganisation, Personalaufbau, Integration, Qualifizierung und Werksausbau zu meistern.

Wie viele Mitarbeiter hat der Standort aktuell?

Mit Auszubildenden und Leiharbeitskräften sind es gut 3800. 300 davon sind aktuell Leiharbeiter. Das Unternehmen nennt meist eine niedrigere Mitarbeiterzahl, 3300. Das ist die sogenannte aktive Belegschaft. Da sind Auszubildende, Leiharbeitskräfte, Kolleginnen und Kollegen in Elternzeit und langfristig Erkrankte nicht mitgezählt.

Seit Juli 2022 gehört das Nordenhamer Werk nicht mehr zu Premium Aerotec, sondern zu Airbus Aerostructures. Da begann der Boom.

Seit Gründung von Airbus Aerostructures im Juli 2022 hat Airbus alleine in Nordenham über 1500 Beschäftigte aufgebaut. Es ist gut für den Standort Nordenham, wieder direkt zu Airbus zu gehören. Aber es ist auch eine Herausforderung, den Hochlauf mit so vielen neuen Kollegen und Kolleginnen, mit neuen Prozessen und neuen Systemen zu stemmen. Dazu kommen immer noch Schwierigkeiten in der gesamten Lieferkette und zusätzliche Mehrarbeit. In allen Programmen steigen die geplanten Produktionsraten. Nordenham ist innerhalb des Airbus-Konzerns an all diesen Programmen gut beteiligt, und das freut uns. Übrigens ist Premium Aerotec inzwischen insgesamt Geschichte. Im Juli letzten Jahres sind auch die Standorte Augsburg und Varel in die Airbus Aerostructures übergegangen.

Können Sie bitte Zahlen zum Hochlauf nennen?

In der Familie der A-320-Flugzeuge soll die monatliche Produktionsrate bis zum Jahr 2027 von derzeit 65 auf 75 Flugzeuge steigen. Zusätzlich steigen in den nächsten Jahren die monatlichen Raten beim Langstreckenflugzeug A 330 von vier auf fünf und beim CFK-Flieger A 350 von sieben auf zwölf Flugzeuge. Betrachtet man die Wirkung in Fertigungsstunden, ist die Steigerung sogar noch deutlich höher und damit eben auch der Bedarf bei Investitionen und Personal.

Findet Airbus überhaupt ausreichend qualifiziertes Personal für den Hochlauf?

Der Umkreis, aus dem die neuen Kolleginnen und Kollegen kommen, wird immer größer. So steigt auch der Anteil der Beschäftigten von der anderen Weserseite. Mit unseren tariflichen und betrieblichen Vereinbarungen sorgen wir dafür, dass Airbus ein attraktiver Arbeitgeber ist.

Wie bereitet Airbus die Neuen auf ihre Aufgaben im Werk vor?

Durch eine mehrmonatige Qualifizierung im Technologiezentrum. Das allein reicht aber nicht. Airbus muss mehr in die Qualifizierung investieren. Und wir brauchen eine strategische Personalplanung und ein Zukunftsbild für die Entwicklung des Standorts. Wir bekommen ja nicht nur neue Kollegen und Kolleginnen und bilden aus, uns verlassen ja auch jedes Jahr 100 bis 150 Mitarbeiter, die überwiegend in Ruhestand gehen. Ausbildung, die Arbeitspakete am Standort, verbesserte Arbeitsbedingungen, der Ausbau des Werkes, neue Parkplätze, Vergrößerung der Kantine - für all das brauchen wir einen Plan.

Warum stellt Airbus nicht mehr Auszubildende ein?

Wenn alle Jahrgänge da sind, sind es rund 200 Auszubildende im Werk. Und damit sind die Möglichkeiten der derzeitigen Ausbildungswerkstatt erschöpft. Um mehr auszubilden, müssten die Kapazitäten erweitert werden. Wir bräuchten mehr Platz und mehr Ausbilder. Beim Thema Ausbildung wird wie bei anderen Themen auch deutlich, dass der Standort in seinen derzeitigen Dimensionen zu klein geworden ist.

Siehe die kontroverse Debatte im Nordenhamer Stadtrat um die Erweiterung des großen Mitarbeiterparkplatzes an der Werftstraße.

Aus Sicht des Betriebsrates könnte ein Parkhaus auf dem jetzigen Parkplatz ein Lösungsansatz sein. An anderen Airbus-Standorten gibt es das auch. Der Bedarf an Parkplätzen wird noch weiter steigen, weil Parkplätze, die derzeit noch auf dem Werksgelände selbst zur Verfügung stehen, teilweise als Produktionsfläche benötigt werden.

Airbus hat von der Stadt Nordenham 9,8 Hektar im Gewerbepark Nord an der Neptunstraße und 8,8 Hektar im Industriegebiet auf dem Blexer Groden erworben. Wie soll eine Flugzeugproduktion in Blexen ohne räumliche Anbindung an das Stammwerk funktionieren?

Zunächst einmal ist es eine sehr positive Entscheidung, dass Airbus Flächen erworben hat. Es geht darum, als Standort den Fuß in der Tür zu haben, wenn Airbus, wie geplant, zwischen 2035 und 2040 ein neues Flugzeug auf den Markt bringt, ein Flugzeug in der Größe der jetzigen A-320-Familie. Dieses Flugzeug soll 25 bis 30 Prozent weniger CO2 ausstoßen. Wenn die Aufgaben für den Bau des neuen Fliegers innerhalb des Airbus-Konzerns verteilt werden, muss Nordenham Platz für neue Arbeitspakete haben. Wenn es soweit ist, wird auch die konkrete Anbindung gelöst werden. Auch die anderen Standorte sind dabei, sich zu erweitern. Und es geht natürlich darum, für die deutschen Airbus-Werke insgesamt gute Arbeitspakete an dem neuen Flugzeug zu sichern. Dafür erwarten wir die Unterstützung der deutschen Politik.

Haben bereits Gespräche stattgefunden?

Ja, zum Beispiel war ein kleiner Kreis von IG-Metallern und Betriebsräten im November im Kanzleramt und zusätzlich im Austausch mit Bundestagsabgeordneten. Wir brauchen eine politische Rahmung. Airbus ist ein international agierender Konzern. Es wird darum gehen, die Interessen der deutschen Standorte zu wahren und ein bestimmtes Arbeitsvolumen für die deutschen Airbus-Werke zu sichern. Wir sind auch im Austausch mit der niedersächsischen Landesregierung zu diesem Thema.

Hochlauf der bestehenden Programme, ein neues Flugzeug - ist das überhaupt alles zu bewältigen am Standort Nordenham?

Das sind ja positive Herausforderungen. Unser Ziel als Betriebsrat ist es, hochwertige Arbeit am Standort abzusichern und Arbeit mit Perspektive. Dann wird es auch möglich sein, andere Arbeitspakete abzugeben. Darüber hinaus rücken wir die Themen Arbeitssicherheit und Krankenstand in den Fokus. Wir brauchen jeden einzelnen Mitarbeiter. Nordenham ist das Werk mit dem höchsten Anteil an Dreischichtarbeit, also Nachtarbeit, in den deutschen Airbus-Werken. Wir benötigen gute Bedingungen am Arbeitsplatz. Da haben wir Nachholbedarf. Wir haben mit der Arbeitgeberseite vereinbart, mögliche betriebliche Ursachen für gesundheitliche Probleme zu analysieren und anschließend Maßnahmen zur Verbesserung festzulegen.

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Wie wird das aussehen?

Ein wesentlicher Punkt dabei ist die Gefährdungsbeurteilung. Die wird für jeden Arbeitsplatz erstellt. Dabei wird auch die psychische Belastung beurteilt. Das ist neu. Wir haben bei Airbus in Nordenham viele Beschäftigte mit Skelett- und Muskelerkrankungen. Das wird alles betrachtet. Und es geht auch um Führung und Zusammenarbeit sowie um Angebote zur Gesundheitsförderung. Wir haben als Betriebsrat die Hoffnung, dass sich Verbesserungen am Arbeitsplatz und ein gutes Miteinander positiv auf den Krankenstand auswirken werden. Davon profitieren die Beschäftigten und das Unternehmen gleichermaßen.

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