TWenn es ums Futter geht: So kämpfen Amseln gnadenlos um ihr Revier
Zwei kämpfende Amselmännchen. Foto: Paulin
Die Amsel gehört zu den häufigsten und bekanntesten Singvögeln des Landes. Doch wenn es um Brut- oder Futterplätze geht, kann es unschön werden.
Landkreis. Im Frühjahr hören wir den flötenden Gesang von Amseln immer seltener. Es geht ihnen schlecht. Krankheiten dezimierten sie. Vollgekieste und mit Beton dichtgeschmierte Gärten bieten ihnen immer weniger Lebensraum. Aber wenn sie einen Platz im Garten finden, machen sie immer geräuschvoll auf sich aufmerksam: Sie zetern, wenn sie eine Katze entdecken; sie tixen, wenn sie vor dem Schlafengehen aufgeregt sind. Amseln bringen viel Leben in den Garten.
Es sind besonders die Männchen, die im Winter mit großem Aufwand deutlich machen, wem der Futterplatz gehört. Selten wird eine weitere Amsel geduldet. So kommen die Amseln nicht zur Ruhe, haben kaum Zeit zum Fressen. Sobald es wärmer wird, können sich Paare finden und gemeinsam das Revier verteidigen. Wird es wieder kälter und fällt Schnee, kann der ganze Aufwand umsonst gewesen sein. Das Revier wird aufgegeben, die Partner verlieren sich oft. Setzt Tauwetter ein, beginnt alles von vorn, und neue Paare bilden sich. Reviergründung bei Amseln – das ist oft ein unruhiges Auf und Ab, das sehr strapaziös sein kann.
Revierkampf: Der Puls steigt, wie auch die Körpertemperatur
Die Verteidigung des Reviers ist bei Männchen von Unruhe und hohem Energieverbrauch geprägt. Die Körpertemperatur steigt im Vergleich zum Winter um mehr als ein Grad auf 41,5. Die Herzfrequenz nimmt von etwa 400 Herzschlägen auf 450 pro Minute zu. Im Verlauf von Revierkämpfen können sogar 700 erreicht werden. In der Regel läuft der Kampf um das Revier so ab: Zunächst laufen die Männchen nebeneinander her, dann aufeinander zu. Sie bedrohen sich, stellen die Schwanzfedern auf. Damit kann die Sache erledigt sein.
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Unterschreitet jedoch ein Männchen die Distanz von 30 Zentimetern, kommt es zum Kampf. Die Männchen fliegen voreinander bis zu drei Meter hoch in die Luft. Ziel ist es, von oben her den Rivalen herunterzudrücken. Meistens ist dann geklärt, wer von den beiden zurückweichen muss. Dieser kraftraubende Kampf kann 20 Minuten andauern. Dann kann Pause sein – oder der Kampf erneut aufgenommen werden. Ist noch nichts entschieden, geht es am nächsten Tag so weiter. Manchmal wird dieser Fight hammerhart geführt. Die Männchen können dann ineinander verkeilt auf den Boden fallen und weiterkämpfen. Das überlegene Männchen drückt den Gegner auf den Boden, hackt ihm sogar auf den Kopf. Sehr selten kann er getötet werden.
Wichtig ist ihnen, die Jungen gut zu versorgen
Und die Weibchen? Sie können scheinbar unbeeindruckt weiter Futter suchen oder das andere Weibchen vertreiben. Revierkämpfe zwischen Weibchen sind keineswegs weniger aggressiv. Kämpfe mit tödlichem Ausgang gibt es auch unter ihnen. Wozu so ein gewaltiger Aufwand an Energie? Es geht um die Festigung sämtlicher Ressourcen für die Nachkommen. Das sind der sichere und ungestörte Brutplatz, die Versorgung mit Nahrung oder die Klärung, ob die Partner die Kraft haben werden, die Jungen gut zu versorgen.
Es dauert mehrere Tage, bis die Reviergrenzen festgelegt sind. Dann wird es ruhiger. Das Männchen hat seinen gewohnten Platz zum Singen gefunden. Auch hier wird viel Energie aufgewendet: Schon fünf Minuten nach dem Aufwachen wird mit dem Singen begonnen. Gesangsfreudige Männchen können durchaus eine halbe Stunde ununterbrochen singen. Die Hochzeit im Singen deckt sich mit der Bauzeit des Nestes. Zuvor hat das Männchen Vorschläge für den passenden Nistplatz unterbreitet. Das Weibchen entscheidet, wo gebaut wird. Ihre Bauzeit: etwa 25 Arbeitsstunden.
Das Buch und die Serie
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.
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