TWie Boxen bei Parkinson hilft: „Ein blaues Auge hatte noch keiner“
„Jetzt haut ihr auf die Handschuhe eures Partners“, hier Heiner und Wilhelm. Foto: Scholz
Parkinson ist nicht heilbar, aber die Symptome lassen sich lindern. Beim Buxtehuder SV will man den Erkrankten jetzt mit einem Boxtraining helfen. Wie soll das funktionieren?
Buxtehude. Grauer Bart, breite Schultern, fester Händedruck, dazu Tätowierungen, die an den Unterarmen beginnen und unter dem blauen T-Shirt verschwinden. Frank Pahl ist ein rauer Typ, einer, den man sich gut im Boxring vorstellen kann.
Doch an diesem Montag trägt Pahl keine Boxhandschuhe, er steht auch nicht im Ring, sondern in einer Sporthalle zusammen mit sehr zerbrechlichen Menschen. Menschen, deren Hände leicht zittern, deren Aussprache verwaschen ist, die manchmal Hilfe brauchen, wenn ihre Sporthose rutscht.
Koordinatives Training für Parkinson-Erkrankte heißt das, was Pahl seit Anfang des Jahres jeden Montagmittag im „Kraftwerk“, der Sportanlage des Buxtehuder SV, anbietet. Doch wie passt das zusammen: Boxen und Parkinson?

BSV-Urgestein Frank Pahl hat sich zu Beginn viele Gedanken gemacht. Foto: Scholz
„Wir boxen hier nicht gegeneinander“
Pahl lächelt, er kennt diese Frage und auch die Vorbehalte. „Manche waren von meiner Idee anfangs nicht so begeistert“, sagt er und schiebt einen Namen hinterher, der in diesem Zusammenhang oft genannt wird: Muhammad Ali.
Bei dem ehemaligen Schwergewichtsboxer wird vermutet, dass die Schläge auf den Kopf für seine Parkinson-Erkrankung verantwortlich gewesen sein könnten. Und so stellt Pahl gleich eins klar: „Wir boxen hier nicht gegeneinander.“

Das Angebot wird gut angenommen. Zehn Teilnehmer gehören zum festen Stamm. Foto: Scholz
Ein Montag im Februar, kurz nach zwölf. Das Training beginnt. Vier Männer und eine Frau stehen auf der gelben Linie und machen sich warm. Pahl macht es vor. Schulterbreit hinstellen. Oberkörper gerade. Mit der geballten Faust nach oben schlagen, bis zur Nase. Links, rechts, links, rechts. Manche schlagen schwungvoll in die Luft, andere haben sichtlich Mühe.
Bei Anstrengung beginnt das Zittern
Da sind Wilhelm, Heiner, Hans-Heinrich, Norbert und Meike. Sie kommen aus der Region, sind zwischen 48 und 80 Jahre alt. Sie sind hier, weil sie das Angebot aus der Zeitung, von ihrem Arzt oder Physiotherapeuten kennen, weil sie vom Moderator Frank Elsner gelesen haben, der seiner Parkinson-Erkrankung mit Boxen den Kampf angesagt hat. „Aber ein blaues Auge hatte hier noch keiner“, scherzt Norbert.

Die Teilnehmer, hier Norbert, trainieren ihre Koordination beim Boxen. Foto: Scholz
Sie befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Erkrankung, haben aber eines gemeinsam: Ihnen fehlt Dopamin. Dieser Botenstoff ist wichtig, weil er Signale zwischen Gehirn und Muskeln übermittelt. Fehlt Dopamin, werden die Bewegungen immer kleiner, die Muskeln zittern oder werden steif.
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Heiner erzählt, dass er bei Anstrengung mal mehr, mal weniger zu zittern beginnt. Hans-Heinrich, der älteste Teilnehmer, sagt, dass ihm die Kraft fehlt und er sich schnell schlapp fühlt. Bei Wilhelm macht sich die Krankheit selten durch Zittern bemerkbar, sondern durch einen verlangsamten Gang. „Eine Scheißkrankheit“, sagt seine Frau, die am Rand auf einer Bank sitzt.
Boxen steigert das Wohlbefinden
Parkinson lässt sich nicht heilen oder aufhalten, aber Studien belegen, dass Sport den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann - und Boxen im Besonderen. Davon ist Heidemarie Zach überzeugt.
In einem ORF-Beitrag erklärt die Neurologin von der Universitätsklinik Wien, dass Boxen nicht nur gegen die körperlichen Folgen der Krankheit helfe, sondern auch das psychische Wohlbefinden verbessere. Denn Boxen sei ein Ganzkörpertraining.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer trainieren ihre Koordination. Zum einen müssen sie ihren Schlag genau planen, zum anderen schnell reagieren. „So haben die Patienten eigentlich gar nicht die Zeit, darüber nachzudenken: ‚Oh, das ist jetzt aber mühsam‘ oder ‚Ich bin jetzt müde‘, sondern sie kommen in einen richtigen Flow“, sagt Zach, die eine umfassende Studie zu diesem Thema plant.
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Das Boxtraining fordert die Teilnehmer
Die Sonne scheint in Buxtehude in die Halle. „So“, sagt Frank Pahl und klatscht in die Hände, „jetzt schnappt sich jeder einen Boxsack.“ Meike streift sich die Handschuhe über, tippelt auf der Stelle, schlägt auf den Boxsack. Bam, bam, bam. „Ganz schön anstrengend, auch für den Kopf“, sagt sie und schnauft. Kurze Pause.

Konzentration im Kraftwerk: Wilhelm schlägt auf eine Pratze. Foto: Scholz
Nächste Übung. Die rechte Hand geht zum linken Knie und umgekehrt. „Hoch die Knie!“, ruft Pahl. Nächste Übung. Pahl stellt die Teilnehmer zu Paaren zusammen. „Jetzt haut ihr auf die Handschuhe eures Partners, immer über Kreuz.“ Es wird still. Nur das dumpfe Klatschen der Boxhandschuhe ist zu hören, die Konzentration zu spüren.
Nach dem Training sitzt Pahl erleichtert auf einer Bank und erzählt, dass er mit diesem Angebot etwas zurückgeben möchte. „Ich bin seit 56 Jahren beim BSV und fühle mich hier einfach wohl“, sagt der Boxtrainer. „Ich freue mich, wenn ich den Menschen helfen kann.“ Er macht dieses Training ehrenamtlich.
Trainer hat sich viele Gedanken gemacht
Die Idee entstand, weil er selbst jemanden in der Familie hat, der an Parkinson erkrankt ist. Pahl informierte sich, sprach mit Neurologen, schaute sich Fernsehberichte und ähnliche Angebote in Hamburg an. Er erstellte einen Trainingsplan, warb in Arztpraxen und bei Physiotherapeuten für sein Angebot.

Bisher hat Norbert nur eine Trainingseinheit verpasst. Foto: Scholz
Doch Pahl machte sich auch viele Gedanken: Wie wird das Angebot angenommen? Kommt überhaupt jemand? Wie unterschiedlich sind die körperlichen Voraussetzungen und Einschränkungen der Teilnehmer? Wird er alle einbinden können? „Ich war sehr nervös“, sagt Pahl.
„Das macht mehr Spaß als Physiotherapie“
Ein halbes Jahr später, ein Montag im August. „Na, du alter Recke“, grüßt Norbert Wilhelm herzlich. Sie lachen. Norbert sagt, er sei eigentlich ein „fauler Sack“ und noch nie im Sportverein gewesen. Aber hier hat er bisher nur ein einziges Mal gefehlt. „Das macht mehr Spaß als die Physiotherapie“, sagt er. „Wenn ich nach Hause gehe, fühle ich mich besser als vorher.“

Das Boxen wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus, findet auch Meike. Foto: Scholz
Auch andere Teilnehmer berichten, dass sich das Training positiv auf ihre Koordination und kognitiven Fähigkeiten auswirkt. „Man fühlt sich beweglicher und fitter im Kopf“, sagt Meike, die Jüngste in der Gruppe. Das Boxen scheint allen gut zu tun.
Werner war früher selbst Boxer
Pahl wirbelt zwischen den sieben Boxern und einer Boxerin durch die Halle, während sie auf Pendelbälle und Pratzen schlagen. Hier eine Hilfestellung, da ein Klaps auf die Schulter. „Guck mal“, sagt Pahl zum Reporter, „der Werner hier, der geht sonst am Rollator, aber hier flitzt er ohne das Ding herum.“
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Werner unterbricht die Übung und erzählt, dass er früher Boxer war, ein Mann von kräftiger Statur. Doch davon ist heute nicht mehr viel übrig. Werner trägt Schoner an den Ellenbogen, weil er über 80 Mal gestürzt ist und sich auch schon die Schulter ausgekugelt hat. „Wenn ich zwei Sachen in der Hand habe, falle ich um“, sagt Werner. Man muss ihm genau zuhören, seine Aussprache ist leise und verwaschen.

Werner war früher Boxer. Vor 15 Jahren wurde bei ihm Parkinson diagnostiziert. Foto: Scholz
„Mein ganzes Leben hat sich verändert“
Vor 15 Jahren erhielt der 70-Jährige die Diagnose Parkinson. Seinen landwirtschaftlichen Betrieb musste er aufgeben. Irgendwann konnte er nicht mehr Auto fahren, an Urlaubsreisen war nicht mehr zu denken. „Mein ganzes Leben hat sich verändert“, sagt Werner und tippt sich mit seinem blauen Boxhandschuh an die Schläfe.
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Genug geredet. Pahl geht rückwärts voraus, Werner soll ihm folgen und auf seine Handschuhe schlagen. „Los, Werner, links, rechts, links, rechts!“ Werner folgt ihm durch die Halle. „Und das ohne Rollator“, ruft Pahl. „Werner ist eine Maschine.“
Das Training
Das koordinative Training für Parkinson-Patienten wird montags von 12 bis 13 Uhr im „Kraftwerk“, der Sportanlage des BSV im Brillenburgsweg 27e, angeboten. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.